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Peter Harry Carstensen: Sein neues Leben im tiefen Wald

Schierensee Peter Harry Carstensen: Sein neues Leben im tiefen Wald

Beim Ex-Regierungschef zu Hause: Über schlafende Bienen, einen lauten Hahn — und Politik.

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Peter Harry Carstensen (66) und sein Rauhaardackel „Lawrenz“ vor dem alten Forsthaus, das versteckt auf Gut Schierensee liegt.

Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Schierensee. Es gibt noch einen strammen Winter. Denn es sind viele Eicheln und viele Kastanien vom Baum gefallen. Das sagt der studierte Agraringenieur. Seit ein paar Jahren wohnt er da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, tief im Wald. In einem alten Forsthaus, das unter drei dickstämmigen 250 Jahre alten Linden steht. In dessen Garten die Schleswig-Holstein- Flagge gehisst ist. Hier auf Gut Schierensee hat sich Peter Harry Carstensen (66) eingerichtet.

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Peter Harry Carstensen (66) und sein Rauhaardackel „Lawrenz“ vor dem alten Forsthaus, das versteckt auf Gut Schierensee liegt.

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Ein Mann, der in sich zu ruhen scheint. Graue Strickjacke, kariertes Oberhemd, keine Brille mehr — nur den grauen Bart so akkurat gestutzt wie seit jeher. Anderthalb Jahre, nachdem er die Macht als Regierungschef an der Förde aus den Händen gegeben hat. „Ja, ich bin stolz auf das Geschaffte“, sagt er und legt ein paar Holzscheite im lodernden Kamin nach.

Die Wohnstube ist geräumig. „Lawrenz“ darf nur auf ein bestimmtes Sofa. Die Ledergarnitur ist für Gäste reserviert. Journalisten zählten bisher nicht dazu. Sagt Carstensen. „Eine Ausnahme.“ Seine Frau Sandra findet das nicht so gut. „Aber die ist auf Arbeit.“ „Lawrenz“ heißt der junge Rauhaardackel — „ein ganz kerniger“. Sein Herrchen legt viel Wert darauf, dass der Vierbeiner aufs Wort pariert. „Und Platz. Und Ablegen.“ Der große Hund namens „Diego“, ein Retriever, ist heute außer Haus.

Der Keiler in der guten Stube

An einen Stuhl gelehnt steht ein Bild, das einen Keiler zeigt. Auf dessen Leib prangt eine Zielscheibe. „Eine Übungsscheibe für Jäger“, erklärt Carstensen. Aber er wird doch nicht in der Wohnstube . . .? „Nee, das ist ein Dreikampf unter Freunden.“ In einer Disziplin muss der Keiler mit dem Pfeil aus einem Blasrohr getroffen werden. Weitere Disziplinen sind Tontauben- Schießen und Doppelkopf. Der Sieger des alljährlichen Wettkampfs erhält einen Pokal. Letzter Austragungsort war Schierensee.

Der Keiler hat eine Diskussion angestoßen, die so schnell nicht enden wird. Carstensen ist Jäger: „Eine Leidenschaft.“ In dem Wald rund um sein Haus hat er eine Pacht. Sein sonst so entspannter Gesichtsausdruck gewinnt an Schärfe, seine Wangen gewinnen an Farbe. Wenn es ums Jagen geht, bezieht Carstensen Position. Seine Sätze gewinnen an Tempo. Die Kritik an der Staatsjagd zum Beispiel, zu der der Hamburger Senat kürzlich auch ihn lud, habe ihn geärgert. Natürlich sei sie ein gesellschaftliches Ereignis. „Aber sie sei notwendig, sauber und verantwortungsvoll durchgeführt.“ Wer an jenem Tag aufs Wild anlege, habe sein Handwerk gelernt. Die Berufsjäger seien dankbar dafür, dass ihnen Arbeit abgenommen werde. „Nein, ich habe keine Lust am Töten. Ich habe Lust am Jagen. Mir geht es um das Fleisch“, Der letzte Satz fällt im Stakkato. „Es gibt kein besseres.“ Es sei doppelzüngig, wenn man auf eine Demo gegen die Jagd geht, „um sich danach mit Chicken zu stärken“. Auch ein Hähnchen, das man isst, müsse vorher geschlachtet werden. „Oder geht das anders?“, geht Carstensen in die Höhe. Stille im Raum.

Wobei wir beim Thema Hühner wären. Leider sind es nur noch drei. Weitere drei habe der Fuchs geholt, vielleicht auch ein Marder. Und mit seinen Junghennen hat Carstensen auch nicht wirklich Glück gehabt. „Sind mir eingegangen. Weiß nicht, warum.“ Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Hahn. „Der musste wegen meiner Frau weg.“ Sein Krähen hatte ihr frühmorgens immer die letzte Stunde ihres Schlafes geraubt.

Carstensen Bienenvölker befinden sich derzeit im Winterschlaf. Ausbeute: an die 300 Gläser Honig. „Ich liebe den milden Frühjahrshonig. Da ist der klasse Weißdorn und die Obstblüte drin“, schwärmt der Hausherr. Im August produziert er den Lindenhonig. „Der ist strenger im Geschmack.“ Der Honig wird von Carstensen ausschließlich verschenkt. „Der Bundespräsident fragt bei jedem Treffen nach.“

Der Wulff-Prozess: „Albern“

Schreiben wir nicht mehr über die selbstgemachte Butter und die von Carstensen geräucherten Forellen. Reden wir über Hunger. Ein Thema, das Carstensen umtreibt. „Wir müssen etwas tun gegen den Hunger in der Welt“, sagt Carstensen. Der Ex-Regierungschef will den Vorsitz eines Kuratoriums bei der Gregor-Mendel-Stiftung übernehmen. Es geht dabei etwa um die Zucht und Ansiedlung von Pflanzensorten in Hungergebieten. Carstensen schwebt ein „Gesprächskreis Schierensee“ vor.

Über Politik will Carstensen nicht gern sprechen. Macht‘s dann doch. Über Christian Wulff zum Beispiel. Wegen 800 Euro stehe der jetzt vor Gericht. „Albern. Ich habe auch viele protegiert.“ Man dürfe seine Politik nur nicht von Freundschaften leiten lassen. Über Christian von Boetticher: Mit seinem Zögling, der über eine Affäre mit einer Minderjährigen stolperte, pflege er ein freundschaftliches Verhältnis. Über seinen Amtsnachfolger Torsten Albig: „Der Ministerpräsident sollte die Richtlinien der Politik vorgeben. Das tut er nicht.“ Über den Promi-Augenarzt Detlef Uthoff, bekannter durch einen umstrittenen Steuerdeal. „Eine Koryphäe.“ Er hat Carstensens rechtes Auge gelasert. „Damit kann ich jetzt gut weit gucken, brauche keine Brille mehr zum Jagen“, lacht Carstensen. Ja, die Jagd!

Bevor es von vorne los geht, beenden wir das Gespräch.

Sieben Jahre lang Kieler Regierungschef
Der „Heide-Mörder“ brachte den Christdemokraten Peter Harry Carstensen (66) 2005 an die Macht. Ein bis heute unbekannter Abgeordneter aus den eigenen Reihen versagte Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) die angestrebte Wiederwahl. Carstensen, unter dessen Führung die CDU mit 40,2 Prozent das beste Ergebnis seit dem Rücktritt von Uwe Barschel 1987 erreicht hatte, bildete eine Große Koalition mit der SPD. Nach deren Bruch kam es 2009 zur Neuwahl. Die CDU stürzte auf 31,5 Prozent ab, konnte aber mit der FDP weiterregieren.

Carstensen, Sohn eines Landwirts, stammt von Nordstrand.

Curd Tönnemann

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