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Norddeutschland „Poki“ erzählt mit Spielen Geschichten
Nachrichten Norddeutschland „Poki“ erzählt mit Spielen Geschichten
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20:33 26.10.2016
Jan Müller-Michalis alias „Poki“ hält eine Stofffigur aus einem seiner Spiele in der Hand. Das Storytelling in Computerspielen hat für den 39-Jährigen viel mit Literatur zu tun. Quelle: Axel Heimken/dpa
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Hamburg

. Ein bisschen verschlafen sieht er aus, doch das ändert sich, sobald der Hamburger Computerspieleentwickler „Poki“ zu den virtuellen Welten befragt wird, die er sich tagtäglich ausdenkt. Dann fallen ihm gleich tausend Beispiele und Anekdoten ein, dann lacht er, rudert mit den Armen und zeichnet mit dem Finger unsichtbare Skizzen in die Luft.

Meine Geschichten drehen sich immer um Konflikte, die ich für unauflösbar halte.“Jan Müller-Michalis (39), Spieleentwickler aus Hamburg

„Poki“, der eigentlich Jan Müller-Michalis heißt, ist ein Star in der deutschen Gaming-Szene. Und das, obwohl der Kreativdirektor eines Computerspieleentwicklers im Hamburger Stadtteil Niendorf in seinen Spielen nicht auf seichte Unterhaltung setzt. Im Mittelpunkt stehen die „ganz großen Fragen“. Mal geht es um Umweltverschmutzung, mal um den Spagat zwischen dem „echten“ Leben und dessen Inszenierung in den sozialen Netzwerken.

In „Edna bricht aus“, dem ersten Spiel, das „Poki“ 2008 noch als Student entwickelte, wacht Hauptcharakter Edna plötzlich eingesperrt in eine Weichzelle auf. Ihre Erinnerung ist ausgelöscht. Ihr sprechender Stoffhase Harvey empfiehlt ihr, den Leiter der psychiatrischen Einrichtung die Treppe herunterzustoßen, um fliehen zu können. Dem Spieler ist da bereits klar, dass Edna schon einen anderen Menschen auf dem Gewissen hat.

„Meine Geschichten drehen sich immer um Konflikte, die ich für unauflösbar halte“, sagt der 39-Jährige. Im Fall von Edna sei das die Frage nach dem „Schlechten“, dem Triebhaften im Menschen. „Bei Sigmund Freud wird das als ,Es’ bezeichnet“, sagt er. Die Frage, ob die Moral siegt oder Ednas „Es“ – und ob Edna wieder auf die Welt losgelassen wird, überlässt „Poki“ den Spielern. „Sie können stets selbst entscheiden, wo sie hingehen und mit wem sie sprechen. Das ist das Grundprinzip“, sagt er.

„Ich suche mir einen Konflikt – dann grabe ich solange, bis ich glaube, den Kern gefunden zu haben. Und dann warte ich, bis mir die verrückten Sachen einfallen, die später in den Spielen auftauchen.“ Dabei könnten sprechende Stoffhasen herauskommen, Planeten voller Müll oder wildgewordene Schnabeltiere. „Die besten Ideen kommen nachts, wenn man unter der Dusche steht, an der Ampel oder im Auto“, sagt „Poki“.

Das Storytelling in Computerspielen hat für ihn viel mit Literatur zu tun. „Mir persönlich geht es darum, im Medium Computerspiel Geschichten zu erzählen“, sagt er. „Und dafür bieten Computerspiele einfach unendlich viele Möglichkeiten.“ Das würden inzwischen sogar große Verlage anerkennen: ein Kölner Verlagshaus hat „Pokis“ Unternehmen mit dem Entwurf eines Computerspiels für Ken Follets Roman „Die Säulen der Erde“ beauftragt. Angesichts von „Pokis“ Zukunftsvisionen könnten Literatur-Puristen, die schon bei der Nobelpreis-Vergabe an den Musiker Bob Dylan Bauchschmerzen bekamen, deshalb in Zukunft schwere Magenkrämpfe bekommen: „Warum sollte nicht eines Tages ein Spieleentwickler den Nobelpreis kriegen?“, fragt „Poki“. „Wir machen auch Kultur.“

Oliver Beckhoff

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