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Norddeutschland Präventions-Expertin fordert Frauen auf: Seid lauter!
Nachrichten Norddeutschland Präventions-Expertin fordert Frauen auf: Seid lauter!
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17:55 29.03.2018
„Nicht höflich bleiben, laut werden." Präventionsexpertin Ursula Schele rät belästigten Frauen, sich schnell professionelle Hilfe zu holen
Lübeck/Kiel

„Frauen sind zu lange höflich“, sagt Ursula Schele. Sie ist Geschäftsführerin des PETZE-Instituts für Gewaltprävention in Kiel. Mit Fällen von sexueller Belästigung beschäftigt sie sich seit jetzt über 30 Jahren. Und dabei stelle sie immer wieder fest: „Frauen stecken zu viel weg.“ Sie würden auch häufig zu lange in unangenehmen Situationen gefangen sein. Ihr Rat an Frauen, die sexuell belästigt und bedrängt werden: „Nicht höflich bleiben, laut werden.“ Und: „Mit der Situation nicht alleine bleiben, sich nicht in sich selbst zurückziehen und die Schuld da belassen, wo sie ist, beim Täter.“ Es sei zudem wichtig, sich danach schnell professionelle Hilfe zum Beispiel bei einer Frauenberatungsstelle zu holen. Im Uniklinikum UKSH in Lübeck sei es möglich, auch körperliche Spuren eines Angriffs sichern zu lassen, ohne dass gleich eine Anzeige erstattet werden müsse. „Die Frauen können dann erstmal in Ruhe überlegen und bei Bedarf später auf die gesicherten Beweise zurückgreifen“, sagt Ursula Schele, die ehrenamtlich auch im Landesvorstand der Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen aktiv ist.

Zu starke Polizeiliche Perspektive

Scharfe Kritik übt die Präventionsexpertin am Weißen Ring. Dass dessen ehrenamtliche Helfer Opfer von Straftaten zur Beratung zu Vier-Augen-Gesprächen in ihre Wohnzimmer bestellen würden, gehe vor allem für Opfer von sexueller Gewalt gar nicht. Generell müssten die Mitarbeiter besser ausgebildet und kontrolliert werden. Die Arbeit sei zudem oft stark von der Perspektive der Polizei geprägt, weil sich dort viele Ex-Polizisten engagieren. „Dass es tatsächlich zu einem sexuellem Übergriff gekommen ist, wird oft erst akzeptiert, wenn die Frau auch bereit ist, eine Anzeige zu erstatten. Aber viele wollen oder können das nicht.“ Viele Übergriffe spielten sich auch in einer rechtlichen Grauzone ab.

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In Lübeck hatten zunächst zwei Frauen, die beim Weißen Ring Hilfe gesucht hatten, Anzeige gegen Ex-Außenstellenleiter Detlef H. erstattet. Sie werfen ihm vor, sie 2016 sexuell belästigt und genötigt zu haben. H. bestreitet alle Vorwürfe. Nach Berichten von „Spiegel“ und LN erstatteten weitere Frauen Anzeige. Der zurückgetretene Landeschef des Weißen Rings, Uwe Döring, will erst Ende 2016 von diesen Vorwürfen erfahren haben. Schon 2012 hatten Döring und die Polizei hierzu Kontakt, laut Döring wurde er damals aber nicht über angeblich distanzverletzendes Verhalten H.s gegenüber Frauen informiert. Ende 2017 legte H. sein Amt nieder.

Dass die Vorwürfe auch innerhalb des Weißen Rings offenbar lange nicht ernst genug genommen worden sind, führt Schele auf ein möglicherweise „männerbündisches Verhalten“ dort zurück. Dazu kämen starke Hierarchien und Intransparenz. Schele: „Der Weiße Ring hat ein strukturelles Problem.“ Für die Aufarbeitung reiche eine interne „Hotline“ nicht. „Es werden unabhängige Beschwerdemöglichkeiten benötigt.“

 Von Wolfram Hammer

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