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Norddeutschland Praxistest von Strom-Lastern auch in Schleswig-Holstein
Nachrichten Norddeutschland Praxistest von Strom-Lastern auch in Schleswig-Holstein
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23:08 24.01.2017
Mit abgesenktem Stromabnehmer überholt ein LKW am 06.11.2015 einen zweiten LKW auf der Teststrecke in Groß Dölln (Brandenburg) der mit Strom aus der Oberleitung fährt. Quelle: Bernd Settnik/dpa-Zentralbild/dpa (Archiv)
Berlin/Kiel

Ein spannendes Verkehrsprojekt soll Ende 2018 in Schleswig-Holstein starten: Elektro-Lastwagen, die über eine Oberleitung Strom beziehen, werden dann auf der Autobahn getestet. So zumindest ist es geplant. Der Strom soll überwiegend aus Windkraftanlagen stammen. Das Bundesumweltministerium fördert den Versuch, der außer in Schleswig-Holstein auch auf einer Probestrecke in Hessen laufen soll.

„Es soll eine sechs Kilometer lange Teststrecke an der A 1 zwischen Reinfeld und Kreuz Lübeck werden“, informiert Harald Haase, Sprecher des Kieler Wirtschaftsministeriums. Die jeweils rechte Autobahnspur werde in beiden Richtungen (also insgesamt zwölf Kilometer) mit Oberleitungsdraht überspannt. „Bis zu fünf Lkw sollen dann mit Stromabnehmern ausgerüstet werden und dort elektrisch fahren im Pendelverkehr zum Lübecker Hafen“, sagt Haase. Die Bauphase werde nach derzeitiger Planung bis Ende 2018 abgeschlossen sein. Die Verkehrsbeeinträchtigungen während der Bauphase (Errichten der Masten) seien aus Sicht des Ministeriums „überschaubar“. Noch gebe es aber keinen Förderbescheid des Bundes.

Die Spedition Bode in Reinfeld beteiligt sich an dem Projekt. Sie soll die Lkw betreiben. „Die Höhe der Anschaffungskosten ist noch unklar“, sagte der Geschäftsführende Gesellschafter Kai Bode gestern den LN. Bislang wisse er auch nicht, ob und in welcher Höhe es eine Förderung geben werde.

„Hinter uns steht der Discounter Lidl als Kunde“, erklärt Bode. Von Reinfeld bringe seine Spedition dreimal wöchentlich die Ware für die Lidl-Märkte in Schweden und Finnland zum Lübecker Hafen. „Dort wird sie auf Züge verladen, die Elektroantrieb haben.“ Der Transport bis Stockholm solle künftig komplett elektrisch erfolgen.

In Frage käme laut Bode aus heutiger Sicht die Anschaffung von Hybrid-Fahrzeugen oder vollelektrischen Lkw. „Wir werden sehen, was Ende 2018 an Technik verfügbar ist.“

Die Hybrid-Technologie für Lkw sei aus heutiger Sicht leider nicht ausgereift, meint Jörg Braatz, Geschäftsführer der Spedition Voigt in Neumünster. Zudem seien die Anschaffungskosten etwa dreimal so hoch wie die für eine normale Zugmaschine. Von der Sache her sei die Einführung elektrischer Lkw mit Oberleitung zu begrüßen. Ob dies auch praktikabel sei, komme aber auf die Infrastruktur an.

„Ein guter Ansatz“, auch Thomas Rackow vom Unternehmensverband Logistik in Neumünster ist überzeugt. „Überschüssiger Strom aus Windkraftanlagen könnte so sinnvoll vor Ort genutzt werden.“ Ulf Evert vom Automobilclub ADAC in Kiel zeigte sich ebenfalls begeistert. „Eine klasse Sache, dass wir im Land so eine Teststrecke haben werden.“

Während die Erstellung der Infrastruktur Sache des Kieler Wirtschaftsministeriums ist, wird für den Testbetrieb selbst das Umweltministerium zuständig sein. „Wir haben uns für das Projekt eingesetzt“, erklärte Umweltminister Robert Habeck (Grüne) in einer Stellungnahme. „Der E-Highway bietet die Chance, einer Mobilität ohne schmutzige Kraftstoffe den Weg zu ebnen.“ Mit seinem hohen Anteil an erneuerbaren Energien sei das Land dafür prädestiniert.

Federführend bei dem aktuell geplanten Projekt ist der Energiekonzern Siemens. Dieser erprobt seit Jahren Hybridfahrzeuge und Oberleitungs-Netze, ähnlich den bei der Bahn verwendeten Systemen, auf einem „E-Highway“-Testgelände in Brandenburg. Auch in Schweden gibt es eine Teststrecke. Vom Ende der elektrifizierten Strecke bis zum Ziel fahren die Transporter dort mit einem Dieselmotor.

Elektro-Lkw könnten eine Lösung sein, sofern der Strom aus erneuerbaren Quellen stammt, meint das Bundesumweltministerium. Strom aus der Oberleitung ermöglicht Fahrten über längere Strecken als mit Akkus. Eine andere Lösung sind Laster mit Brennstoffzellenantrieb.

Ausgangspunkt ist die Frage, wie der wachsende Güterverkehr ohne steigende Umweltbelastung bewältigt werden kann. Nach einer Prognose der Bundesregierung für die Zeit bis 2030 wird die Bahn nur ein Fünftel des Zuwachses übernehmen können. Die meisten Transporte kommen demnach auf die Straße.

Marcus Stöcklin

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