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17:53 12.01.2019
Physiotherapeutin Nicole Clasen hilft Patient Arthur Szynal bei einer Übung für seine Schulter. Quelle: 54° / John Garve
Lübeck

Arthur Szynal (43) hält eine Hantel, Nicole Clasen legt ihm eine Hand auf die Schulter. „Ganz langsam den Arm anheben“, sagt die Physiotherapeutin, die die Übung genau beobachtet. „Nach einem unglücklichen Sturz konnte ich den Arm nicht mehr richtig bewegen“, erzählt Speditionskaufmann Szynal. Er hatte sich die Schulter ausgekugelt und muss nun regelmäßig zur Physiotherapie. „Mir macht die Arbeit Spaß“, sagt Nicole Clasen (36). Selbstständig zu arbeiten sei ihr Traum und Physiotherapeut sei ein wichtiger und schöner Beruf. „Doch die Situation ist nicht einfach. Zwar ist die Praxis sehr gut besucht, aber der Erlös aus der Arbeit deckt kaum unsere Kosten.“ 

Es gebe eine festgefahrene Situation, sagt Clasen. Angestellte Physiotherapeuten in Krankenhäusern würden nach Tarif bezahlt und damit deutlich besser vergütet als in niedergelassenen Praxen Die Stundenlöhne, wie sie in manchen Kliniken bezahlt würden, könnten private Praxen nicht zahlen. „Als selbstständige Therapeutin mit kleiner Praxis bleibt mir heute weniger im privaten Portemonnaie, als vorher im Angestelltenverhältnis“, erklärt sie. „Meine private Rentenvorsorge muss erstmal ruhen, es bleibt am Ende des Monates nicht genug über.“

Deutliche Erhöhung der Behandlungssätze nötig

Das liege an mehreren Faktoren: Die Vergütungssätze seien jahrzehntelang nicht angepasst worden. Die leichte Erhöhung im vergangenen Jahr reiche nicht aus, um eine leistungsgerechte und wirtschaftliche Versorgung zu ermöglichen. „Eine Erhöhung der Sätze um 30 Prozent wäre ein guter Anfang“, sagt Clasen. Außerdem müsse es künftig eine Anpassung an die ständig steigenden Kosten gewährleistet werden.

„Wir haben hier viel zu tun. Wenn Broder nicht da wäre, würde es nicht klappen.“, sagt Clasen. Broder Kerstein (20), der seine Ausbildung 2018 abschloss, erzählt, der Stundenlohn, den er hier bekomme, sei mit Abstand der höchste, alle anderen Angebote hätten deutlich darunter gelegen, teilweise 12,50 Euro brutto und weniger. Und das nach einer dreijährigen, selbstfinanzierten Ausbildung, die etwa 15 000 Euro kostet. Das gehe nur, wenn Eltern finanziell helfen.

„Viele Physiotherapeuten brauchen noch Nebenjobs, um über die Runden zu kommen“, erklärt Clasen.  Sie versuche, ihre Kollegen möglichst fair zu behandeln. „Statt drei Patienten behandeln wir nur zwei pro Stunde. Das sorgt für eine positive Arbeitsatmosphäre im Team und sichert dem Patienten ausreichend Therapiezeit. Aber das ist ein teurer Luxus, das geht auf Kosten der finanziellen Lage.“

Hinzu komme ein enormer Aufwand, um Rezepte formal zu prüfen, vorschriftenkonform zu bearbeiten und falsche Rezepte korrigieren zu lassen. „Das passiert vor und nach der regulären Arbeit.“ Die geltenden Vorgaben, um ein Rezept tatsächlich abrechnen zu können, wären kompliziert und teilweise nicht umsetzbar. Schreibe ein Physiotherapeut einen Bericht an den behandelnden Arzt, gebe es dafür keine Vergütung.  

Die Kieler Physiotherapeutin Steffi Gerdes (50) bestätigt das. „Wir sind eine kleine Praxis und haben nur noch eine Angestellte. Zwei Mitarbeiter haben schon das Handtuch geworfen, und neue Fachkräfte sind nicht zu finden.“ Der Zeitdruck sei enorm, sagt sie. Drei Patienten pro Stunde zu behandeln, schaffe man irgendwann auch körperlich nicht mehr, und auch die Patienten seien mit so kurzen Behandlungen oft unzufrieden. „Und wenn eine Arztpraxis ein Rezept falsch ausstellt und ein Kreuzchen fehlt, dann sind für uns schnell 200 Euro verloren.“

Schulgeldfreiheit behebt aktuelle Probleme nicht

Eine gemeinsame Kammer für alle Heilmittelerbringer wäre nach Clasens Ansicht ein Schritt, Kräfte zu bündeln und die Interessen der Branche zu vertreten. Die 2018 beschlossene Schulgeldfreiheit in Schleswig-Holstein sei ein Schritt in die richtige Richtung, um dem Fachkräftemangel  zu begegnen – doch helfe in der Gegenwart noch nicht. Die Schulgeldfreiheit gelte nur für öffentliche Schulen, private verlangen nach wie vor Geld.

2018 gab es viele Proteste von Physiotherapeuten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plant ein Gesetz, um eine bessere Vergütung zu erreichen – unter anderem sollen die Sätze für Heilmittelleistungen bundesweit angeglichen werden. Nach Ansicht des Bundestagsabgeordneten Roy Kühne (CDU) ist das wichtig, aber man müsse „permanent am Ball bleiben“. „Denn die therapeutische Versorgung ist akut gefährdet“, warnt Kühne, selbst Physiotherapeut.

Fast überall Fachkräftemangel

Insgesamt 192 000 Physiotherapeuten gab es im Jahr 2016 bundesweit, darunter fallen Angestellte und Selbstständige in Vollzeit und Teilzeit. Das belegen Zahlen des Deutschen Verbandes für Physiotherapie. Mitte 2018 gab es demnach 38 779 zugelassene Praxen. In fast allen Bundesländern gibt es seit Jahren einen Fachkräftemangel oder -engpass, auch in Schleswig-Holstein. Auf 100 freie Stellen kamen zuletzt 31 Bewerber.

Die Preise für eine klassische Massagetherapie lagen in Schleswig-Holstein 2018 pro Behandlung zwischen 12,67 und 13,35 Euro. Bewegungstherapie/Übungsbehandlung (Einzelbehandlung) kostet zwischen 12,97 und 13,48 Euro laut Aufstellung des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Clasen hofft auf eine dringend benötigte Entlastung des Berufsstandes. „Wir brauchen einfach mehr Anerkennung für diesen Beruf – auch finanziell.“ Aus ihrer Sicht sei es nicht fünf vor zwölf, sondern schon nach zwölf. „Ärzte, Patienten und Therapeuten sind doch im Grunde ein Team, das an einem gemeinsamen Ziel arbeite. Wir müssen uns zusammentun und das Beste aus der Situation machen.“

Christian Risch

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