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Norddeutschland Machen Privatinvestoren die Pflege schlechter?
Nachrichten Norddeutschland Machen Privatinvestoren die Pflege schlechter?
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19:38 26.11.2018
Es gibt mehr Pflege-Azubis im Norden – ob das ausreicht, den bis 2030 stark steigenden Bedarf zu decken, ist fraglich. Derweil sehen immer mehr Finanzinvestoren den Pflegesektor als gutes Anlageobjekt an. Quelle: Thomas Lohnes/epd
Kiel

Die Zahl der Auszubildenden, die in Schleswig-Holstein einen Pflegeberuf erlernen wollen, steigt. 2017 kletterte sie auf 1900 und lag damit um vier Prozent über dem Stand der letzten Erhebung von 2015. Das hat das Statistikamt-Nord errechnet.

2030 werden im Norden 115 000 Pflegeplätze benötigt, heißt es

Ob das ausreicht, um den immer höheren Bedarf an Pflegekräften zu decken, ist allerdings fraglich. Bis 2030 werden laut einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung allein in Schleswig-Holstein mehr als 115 000 Pflegebedürftige zu versorgen sein – das wäre ein Anstieg von 40,2 Prozent.

13 Prozent der 1900 derzeitigen Azubis absolvieren ihre Ausbildung bei Pflegediensten, 87 Prozent in Heimen. 89 Prozent machen eine Erstausbildung, elf Prozent schulen um. 73 Prozent der Azubis sind Frauen. 30 Prozent sind 30 Jahre alt oder älter. 18 Prozent lassen sich vorläufig nur zu Altenpflegehelferinnen ausbilden.

SPD-Politikerin warnt vor Renditezielen von Privatinvestoren

„Von einer Trendwende aufgrund des leichten Anstiegs bei der Anzahl an Pflege-Azubis kann noch lange keine Rede sein“, sagt die Sozialpolitikerin der SPD-Landtagsopposition, Birte Pauls. Insgesamt spitze sich die Situation sogar weiter zu. Ein Grund dafür sei, dass internationale Finanzinvestoren die Pflege von hilfsbedürftigen Menschen als Markt für sich entdeckt hätten. Und deren Renditeziele könnten nur auf dem Rücken des Personals und in der Folge zulasten der Patienten erreicht werden. Ähnliche Befürchtungen hatte unlängst auch die Diakonie geäußert.

Tatsächlich plant etwa die DI Deutschland Immobilien AG im Raum Schleswig ein neues Projekt. Für Aufsichtsratsmitglied Björn Peickert ist Schleswig-Holstein angesichts der Bertelsmann-Prognose ein interessanter Markt. Es brauche jetzt Pflegeheime und Residenzen „direkt in den Ortschaften“. Das Modell sei für Anleger attraktiv. Die Rendite liege in Schleswig-Holstein höher als in Bayern. In der Werbung ist auch schon mal von „Sorglos-Immobilien“ mit bis zu 5,2 Prozent Rendite die Rede.

Zum Teil werden einzelne Zimmer als Kapitalanlage angeboten

In Seeretz und Barmstedt werden derzeit ebenfalls Pflege-Immobilien neu gebaut. Dazu kommt, dass kleine Heimbetreiber aus finanziellen Gründen ihre Gebäude immer öfter an Immobilienunternehmen verkaufen und langfristig zurückmieten, im Norden etwa in St. Peter-Ording, Glinde und Garding. Diese Immobilienunternehmen bieten zum Teil sogar einzelne Zimmer als Kapitalanlage an. Geworben wird damit, dass Sozialimmobilien gegenüber herkömmlichen Eigentumswohnungen viele Vorteile böten. Wer ein Zimmer im Heim erwerbe, müsse sich zum Beispiel weder um Vermietung noch um Betriebskostenabrechnung kümmern. Zudem brächten Sozialimmobilien steuerliche Vorteile, und die Miete sei garantiert. Notfalls springe ja das Sozialamt für die Pflegebedürftigen ein.

Während die Zahl der Pflegeplätze durch solche Investitionen tatsächlich schnell steigt, fürchtet Birte Pauls, dass andererseits gute Ärzte und Pflegekräfte die Häuser verlassen könnten, weil sie ihren ethischen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden könnten. „Aufgrund dieser Entwicklungen fühlen wir uns in unserer kritischen Haltung gegenüber der zunehmenden Privatisierung in der Gesundheitsversorgung und in der Pflege bestärkt“, sagt die SPD-Politikerin. Auch Hanno Heil vom Kuratorium Deutsche Altershilfe warnt vor einer „weiteren Kommerzialisierung in der Pflege“. In einer so personalintensiven Dienstleistung könnten Renditen letztlich nur durch starke Arbeitsverdichtung und niedrige Bezahlung erwirtschaftet werden. „So entwickeln sich Arbeitsbedingungen, die für viele junge Menschen abschreckend wirken.“

Der Seniorenrat fordert mehr altersgerechten Wohnungsbau

Um gegenzuhalten, fordert Birte Pauls eine angemessene Bezahlung der Pflegekräfte und verbindliche gesetzliche Personalbemessungsschlüssel. Kiels FDP-Sozialminister Heiner Garg plädiert zudem dafür, die Pflegeberufe auch in Sachen Arbeitsbedingungen und Ausbildung attraktiver zu machen. Die Mitarbeiterbindung müsse verbessert, der Anteil Vollbeschäftigter erhöht werden. Der Landesseniorenrat verlangt die gezielte Förderung eines altersgerechten sozialen Wohnungsbaus durchs Land. Sonst würde sich der Pflegemarkt weiter zu einem Renditemarkt entwickeln. Eine soziale Verpflichtung der Investoren gegenüber den älteren Menschen sei aber nicht erkennbar, sagt dessen Vorsitzender Peter Schildwächter.

Wolfram Hammer und Heike Stüben

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