Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Prostituierte lehnen neuen Ausweis ab
Nachrichten Norddeutschland Prostituierte lehnen neuen Ausweis ab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:55 22.01.2018
Ein Prostituierte wartet in einem Bordell auf Freier. Quelle: Foto: Dpa
Lübeck/Kiel

„In anderen Berufen gibt es solche Ausweise auch nicht“, kritisiert Stefanie Kohlmorgen vom Frauennetzwerk zur Arbeitssituation, das in Kiel, Lübeck und Flensburg Prostituierte berät. Ein „Hurenausweis“ sei „demütigend und diskriminierend“. „Jeder, der diesen Ausweis zufällig sieht, weiß gleich Bescheid.“

Vielleicht ist das der Grund, warum sich landesweit bisher erst 630 Prostituierte angemeldet haben. Das ist nur ein kleiner Teil der nach Schätzungen des Frauennetzwerks in dem Gewerbe tätigen Frauen und Männer. Zuständig für die Anmeldung ist das Landesamt für Soziale Dienste in Neumünster. „Da muss jede Prostituierte hin“, erklärt Kohlmorgen.

Ziel des Gesetzes ist es, Zwangsprostitution und Menschenhandel einzudämmen. Es gehe darum, illegale Zustände in den Griff zu bekommen, sagt das Landes-Justizministerium. „Die in der Prostitution Tätigen sollen besser geschützt und ihr Selbstbestimmungsrecht gestärkt werden“, teilt die Pressestelle mit. Ministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) persönlich werde sich aber nicht zu dem Thema äußern.

Nicht jede Prostituierte werde zu ihrem Beruf gezwungen, hält Stefanie Kohlmorgen dagegen. „Viele machen es freiwillig und verdienen damit gutes Geld.“ Auch die mit der Anmeldung verbundenen Beratungsgespräche und regelmäßige Arztbesuche könnten auf freiwilliger Basis stattfinden. „Ich halte nichts davon zu sagen, die brauchen alle Schutz“, sagt Kohlmorgen. Die Sittenwidrigkeit des Gewerbes sei 2002 aufgehoben worden, es gebe eine Gewerbeanmeldepflicht. „Das reicht.“

Die neuen Bestimmungen seien überflüssig, sagt die Netzwerkerin, Kontrollen schwierig. „Viele werden sich nicht anmelden.“ Weil das Frauennetzwerk von einer hohen Dunkelziffer nicht gemeldeter Prostituierter ausgeht, wird angenommen, dass das Gesetz weitgehend ins Leere läuft.

Die Widerstände jedenfalls sind groß. „Ich fühle mich unwohl wie lange nicht mehr“, schreibt eine Prostituierte im Internet. „Es heißt zwar Schutzgesetz – unterm Strich bekommen wir Sexarbeiterinnen aber keine neuen Rechte, sondern nur noch mehr Pflichten“, beklagt Josefa, die im Norden tätig ist.

„Ich möchte nicht, dass der Staat diese Daten hat“, stellt Salomé Balthus vom Berufsverband für erotische Dienstleistungen in Berlin klar. Viele Kolleginnen und Kollegen würden die Anmeldung verweigern. „Für diesen zivilen Ungehorsam habe ich Verständnis.“ Trotz laufender Anmeldepflicht funktioniere die Umsetzung des Gesetzes in einigen Bundesländern wie Berlin noch nicht, moniert sie.

Statt eines Ausweises gebe es dann eine „Anmeldeversuchsbescheinigung“. Kaum jemand sei glücklich über die neuen Vorschriften, selbst viele Behörden nicht. „Aus meiner Sicht ist das Gesetz verfassungswidrig.“ Eine Verfassungsbeschwerde laufe.

 Von Marcus Stöcklin

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!