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Norddeutschland Prozess wegen Totschlags: Mann tötet Mutter mit 60 Messerstichen
Nachrichten Norddeutschland Prozess wegen Totschlags: Mann tötet Mutter mit 60 Messerstichen
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09:43 26.06.2013
Von Timo Jann
Eine Ärztin der Johanniter-Klinik Geesthacht hatte den Angeklagten trotz schwerer psychischer Krankheit nach Hause geschickt. Quelle: dpa
Geesthacht

Im Wahn soll soll Babak M. in Geesthacht seine Mutter auf bestialische Weise getötet haben. Wegen Totschlags muss sich der 31-Jährige seit gestern vor dem Lübecker Landgericht verantworten. Laut Staatsanwaltschaft stach der Angeklagte am 2. Januar „im Zustand der Schuldunfähigkeit“ mindestens 60 Mal auf seine Mutter ein. Ziel des Prozesses vor der I. Großen Strafkammer, in dessen Verlauf in den kommenden Wochen 13 Zeugen gehört werden sollen, ist die dauerhafte Unterbringung des Angeklagten in einer psychiatrischen Klinik.

Babak M. wurde in Teheran geboren, der Vater Journalist, die Mutter Lehrerin. Als er ein Kind war, flüchteten seine Eltern mit ihm und seinem jüngeren Bruder nach Deutschland. Die Eltern trennten sich, Babak M. nahm im Alter von 14 Jahren erstmals Drogen, wurde wegen anhaltender Streitereien mit seiner Mutter psychologisch behandelt. Mit 16 Jahren zog er in eine Jugendeinrichtung, verließ die Schule ohne Abschluss.

Den folgenschwersten Fehler machte schließlich eine Ärztin des Geesthachter Johanniter-Krankenhauses. In der Nacht vor der Tat hatten Polizisten den 31-Jährigen in die Psychiatrie der Klinik gebracht. Passanten hatten die Polizei gerufen, weil Babak M. sie um Rat gebeten hatte: Er konnte nicht mehr Realität und Wahn unterscheiden. Er hatte Stimmen gehört, die ihm befohlen hätten, seine Mutter zu töten, erklärte er gestern. Das, so der Angeklagte zu Prozessbeginn, habe er auch im Krankenhaus der Ärztin erzählt. Doch als er in der Klinik morgens darum bat, ein paar Sachen bei seiner Mutter abholen zu dürfen, wurde niemand stutzig. Man ließ ihn gehen. Sogar eine Wegbeschreibung vom Krankenhaus zum Rothenburgsorter Weg bekam er mit.

Gegen die Ärztin wird bereits wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Ob es einen Prozess gegen sie wegen eines strafrechtlichen Vergehens geben wird, ist unklar.

„Seit ich mich in Hamburg auf den Weg nach Geesthacht gemacht hatte, war der Entschluss, es zu tun, da“, berichtete Babak M. gestern vor dem Lübecker Landgericht. Als seine Mutter ihm die Haustür öffnet, schlägt der Angeklagte nach eigener Schilderung sofort mit bloßen Händen auf die 59-Jährige ein. Sie habe ihm jedoch verziehen, als er von ihr ablässt.

Fast eineinhalb Stunden habe er dann für sich alleine in einem Zimmer gesessen und immer wieder mysteriöse Stimmen gehört, die ihm befahlen zu töten. Schließlich habe er sich eine Holzlatte aus dem Kleiderschrank genommen, sei zu seiner Mutter ins Nebenzimmer gegangen und habe ihr damit immer wieder auf den Kopf geschlagen. Als die Latte zerbrach habe er sich eine Haushaltsschere genommen und von Sinnen auf die wehrlose Frau eingestochen.

Diesen dritten Angriff mit mindestens 60 Stichen überlebte sie nicht. Nachbarn hörten noch die Hilferufe der 59-Jährigen und riefen die Polizei. Doch die Hilfe kam zu spät, die Frau war tot. Ohne Widerstand zu leisten, ließ sich der Sohn festnehmen, machte wirre Aussagen, wie eine Polizistin als Zeugin erklärte.

Seit dem 3. Januar wird Babak M. in der Psychiatrie in Neustadt behandelt. Über Jahre hinweg fühlte er sich von seiner Familie missverstanden. „Ich wollte schon lange nichts mehr mit meiner Familie zu tun haben, die waren mir gegenüber immer aggressiv“, erklärte M. dem Gericht. Doch seine Mutter habe ihn nicht in Frieden leben lassen. „Sie wollte die totale Kontrolle über mich“, sagte er. Kurz vor der Tat gab es ein klärendes Gespräch, das die frühere Schulpsychologin des jungen Mannes organisiert hatte. Die einzige Frau, die sich über Jahre um Babak M. kümmerte. Seine Freundin ließ erst ein Baby abtreiben, jetzt hat er einen einjährigen Sohn, den er aber nur einmal vor der Bluttat an seiner Mutter gesehen hat.

„Mir wird langsam klar, was ich getan habe, ich bin darüber unendlich traurig“, sagte der Angeklagte. Der Prozess wird fortgesetzt.

„Meine Mutter wollte die totale Kontrolle über mich.“
Babak M. (31)

Timo Jann

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