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Rätselhaft und bizarr: Vor 30 Jahren starb Uwe Barschel

Kiel Rätselhaft und bizarr: Vor 30 Jahren starb Uwe Barschel

Es war Mord, sagen viele, an Selbstmord glauben andere. Der Tod des CDU-Politikers Barschel ist auch nach 30 Jahren nicht zweifelsfrei geklärt. Der Fall fasziniert bis heute.

Der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU) weist bei einer Pressekonferenz in Kiel am 18. September 1987 mit einem "Ehrenwort" alle Beschuldigungen in Zusammenhang mit der Bespitzelung des ehemaligen Oppositionsführers Engholm zurück. 

Quelle: dpa

Kiel. „Gefängnis für Dr. Uwe Barschel?“ - Mit dieser Frage auf der Titelseite erscheint der „Spiegel“ am 12. Oktober 1987. Dazu das Foto eines entsetzten ehemaligen Kieler Ministerpräsidenten, die Hand auf der Brust. Der CDU-Politiker ist schon seit dem Abend des 10. Oktober tot. Unfassbares hatte das Nachrichtenmagazin überholt, das einen Monat zuvor einen Riesenskandal publik gemacht hatte. Am 11. Oktober fand ein „Stern“-Reporter Barschels Leiche. Barschel lag bekleidet in der Badewanne des Hotelzimmers im Genfer „Beau-Rivage“, das der kurz zuvor zurückgetretene Politiker auf der Rückreise von Gran Canaria bezogen hatte.

Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU) im Gespräch mit dem SPD-Herausforderer Björn Engholm am 6.3.1983. Die Ursache für den Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel ist auch nach 30 Jahren nicht zweifelsfrei geklärt. Der Fall fasziniert bis heute Zeitzeugen, Politiker und Rechercheure.

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Ob der 43-Jährige aus eigenem Willen starb oder ermordet wurde, steht bis heute nicht zweifelsfrei fest. Je mehr Zeit vergangen ist, desto mehr hat sich das Glaubensbild in Richtung Mord verschoben. Die Schweizer Behörden hatten sehr schnell auf Selbstmord erkannt - und mussten sich erhebliche Ermittlungspannen ankreiden lassen.

Die Vorgeschichte: Am 6. September, eine Woche vor der Landtagswahl, berichtet der „Spiegel“, Detektive hätten im Auftrag unbekannter Hintermänner SPD-Spitzenkandidat Björn Engholm bespitzelt. Gefälschte Unterlagen über ihn seien anonym zur Steuerfahndung gelangt. Eine Woche später zitiert das Magazin aus einer eidesstattlichen Versicherung des Staatskanzlei-Referenten und Affärenmanns Reiner Pfeiffer: Barschel selbst habe Steueranzeige und Bespitzelung angeordnet, letzteres, um den Verdacht zu erhärten, Engholm sei homosexuell und führe dennoch „ein ausschweifendes Leben mit dem weiblichen Geschlecht“. Barschel sagt: Alles „erstunken und erlogen“.

Der CDU-Politiker tritt schließlich unter riesigem Druck zurück. Am 10. Oktober ist er tot. Selbstmord, Sterbehilfe, Mord? - das kann bis heute niemand mit letzter Sicherheit sagen. Die Mordthesen stehen im Zusammenhang mit angeblichen Verstrickungen Barschels in Waffenhandel. CIA, Iran-Contra-Affäre, Stasi, Mossad, BND, Libanon, Südafrika - unglaublich viele tatsächliche und vermeintliche Spuren und Verbindungen kreuzen seinen Lebensweg.

Fest steht, dass er einen verhängnisvollen Medikamentencocktail im Körper hatte. Ob er das letztlich tödliche Mittel noch selbst zu sich nehmen konnte, blieb unter Rechtsmedizinern umstritten.

Zum 30. Todestag legt sich ein weiteres Buch auf Mord fest, von dem die Barschel-Familie von Anfang an und Ex-Chefermittler Heinrich Wille seit langem überzeugt waren. „Im Spinnennetz der Geheimdienste. Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet? - unter diesem Titel bringen der Kieler Journalist Patrik Baab und der amerikanische Politologe Robert E. Harkavy Barschels Fall mit dem Tod des früheren schwedischen Ministerpräsidenten und eines Ex-CIA-Chefs in Zusammenhang. „Heute ist klar: Uwe Barschel hatte Kontakt zum US-Geheimdienst“, heißt es in dem Buch, das unzählige Hintergründe und Details über Barschel bündelt - rätselhafte Reisen inklusive.

„Aus meiner Sicht sind einige seiner Besuche in der DDR und CSSR (Tschechoslowakei) unerklärbar. Sie passen schlicht und einfach nicht in die Verhaltensweise eines westdeutschen Ministerpräsidenten zur Zeit des Kalten Krieges“ - so zitieren die Autoren den früheren Kieler SPD-Bundestagsabgeordneten und Verteidigungsexperten Norbert Gansel. „Er hatte Kontakte zu Geheimdiensten und war eingebunden in den internationalen Waffenhandel“, schreiben sie. „Doch ob daraus ein Motiv für einen Mord erwächst, bedarf des Beweises.“ Ein konkretes Motiv oder einen Tatverdächtigen kann bis heute niemand benennen. „Es handelt sich weder um einen klassischen Mord noch um einen klassischen Selbstmord“, bilanzierte 2007 Generalstaatsanwalt Erhard Rex.

Das Foto auf dem spektakulären „Spiegel“-Cover hat dpa-Reporter Carsten Rehder gemacht. So erinnert er sich 30 Jahre später: „Das Foto entstand bei einer Pressekonferenz in Barschels Wohnort Mölln; es ging um Anschuldigungen einer Angehörigen eines Unglücksopfers, Barschel habe am 31. Mai bei einem Anflug auf Lübeck den Piloten zur Landung gedrängt, obwohl die Witterungsbedingungen sehr schlecht waren“. Der Ministerpräsident bestritt die Vorwürfe. Die Maschine war abgestürzt, als einziger von vier Insassen überlebte Barschel schwer verletzt. Rehder stellt eins klar: „Das Foto von Mölln wird oft zur Illustration des berühmten Barschel-Ehrenworts verwendet, obwohl es nicht bei der legendären Pressekonferenz am 18. September entstanden war, bei der er alle Anschuldigungen zur Kieler Affäre zurückwies“.

Wer den Polit-Krimi von 1987 als Thriller sehen möchte, kann das am 30. Todestag Barschels tun: 3Sat zeigt am Dienstag einen rasanten Zweiteiler, den die ARD im Februar 2016 erstmals ausgestrahlt hatte. Regisseur und Drehbuch-Mitautor Kilian Riedhof zeichnet das Bild einer düsteren Allianz zwischen Politik-Elite, Waffenhändlern und demokratischer Kontrolle entrückten Geheimdienstlern. Der Fall sei deshalb ein Mythos, weil er nicht geklärt sei, sagte Riedhof vor der Erstaufführung. „Die Ambivalenz hält uns bis heute in Atem.“

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