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Norddeutschland Raus mit dem Mief! Minister: „Wir brauchen mehr Qualität“
Nachrichten Norddeutschland Raus mit dem Mief! Minister: „Wir brauchen mehr Qualität“
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22:45 23.10.2013
Sonnenuntergang am Meer, Traum vieler Urlauber: 24 Millionen Gäste übernachteten 2012 in Schleswig-Holstein. Die Branche erwirtschaftete 7,7 Milliarden Euro. Quelle: Fotos: Koehler, Tash, Friemann, dpa
Lübeck

Heute trifft sich die deutsche Tourismusbranche in Lübeck. Thema: „Kofferpacken für 2030“. Es geht um Zukunftstrends. Gastgeber ist Reinhard Meyer, Präsident des Deutschen Tourismusverbands (DTV) — und SPD-Wirtschaftsminister in Kiel.

Lübecker Nachrichten: Schleswig-Holstein lebt wie kaum ein anderes Bundesland vom Tourismus, legte bei den Übernachtungen zuletzt aber weniger zu als andere Bundesländer. Was läuft falsch?

Reinhard Meyer: Andere Länder, mit denen wir im Wettbewerb stehen, sind besser aufgestellt. Unser Tourismus hat immer noch eine zu kleinteilige Struktur, besonders im Vergleich zu Mecklenburg-Vorpommern. Wir haben die Tash als Dachorganisation, regionale und lokale Tourismusorganisationen und viele Gemeinden, die ihr eigenes Ding machen. Es fehlt damit an gemeinsam definierten Zielen.

LN: Wäre das nicht Aufgabe der Tash?

Meyer: Auch, aber nicht allein ihre. Die Tash muss aber durchsetzungsfähiger werden. Das ist zunächst keine Geldfrage, wie von der Tash bisweilen behauptet wird.

LN: Konsequenz?

Meyer: Wir arbeiten mit allen Akteuren an einer neuen Tourismusstrategie für Schleswig-Holstein, die wir Anfang 2014 präsentieren.

LN: Bedeutet das eine Nachjustierung am Berger-Gutachten, wonach das Marketing sich derzeit auf drei Zielgruppen fokussiert?

Meyer: Ja. Die Themen sind zuletzt einfach zu sehr in den Hintergrund getreten. Wir müssen über Gesundheitstourismus reden, naturnahen oder den boomenden Städtetourismus. Lübeck ist übrigens ein positives Beispiel dafür, wie man mehr aus Städtetourismus machen kann.

LN: Gefällt Ihnen das an Qualität, was die Beherbungsbranche in Schleswig-Holstein anbietet?

Meyer: Wir haben hohen Nachholbedarf bei Angebot und Ausstattung. Vielerorts gibt es eine Masse an Ferienwohnungen, aber kaum oder keine Hotels hoher Qualität.

LN: Wobei auch vielen Pensionen und Ferienwohnungen der Mief des letzten Jahrhunderts anhaftet.

Meyer: Wir haben einen hohen Modernisierungsstau. Den müssen wir auflösen, ein Signal setzen: Schleswig-Holstein modernisiert sich.

LN: Qualität lässt sich schwer verordnen. Staatliche Investitionsprogramme würden manchem Vermieter auf die Sprünge helfen.

Meyer: Wir legen gerade ein Sonderprogramm auf, besonders für kleine und mittlere Betriebe.

LN: Das Land führt auf Ihre Initiative eine Tourismusabgabe ein. Erwarten Sie, dass Lübeck und Flensburg ihre Bettensteuer kippen?

Meyer: Ja. Ich lehne die Bettensteuer ab. Das Geld fließt in den allgemeinen Haushalt. Das lässt sich vor dem Gast nicht begründen. Die Abgabe ist aber nur der Anfang.

Es muss weitere Schritte geben. Stichwort Kurtaxe.

LN: . . . gegen deren Abschaffung Tourismusgemeinden Sturm laufen.

Meyer: Die Faszination, dass wir irgendwann alle Kontrollhäuschen am Strand abbauen, ist groß. Wenn am Ende steht, dass der Gastgeber dem Urlauber ein All-inclusive-Angebot bietet, wird die kritische Diskussion verstummen. Die Kommunen müssen verstehen, dass ihnen keine Einnahme weggenommen werden soll.

LN: Dass Sie Minister und als DTV-Präsident zugleich Lobbyist sind, stößt der Landtagsopposition auf. Werden Sie ein Amt abgeben?

Meyer: Ich verhehle nicht, dass es zwischen Standpunkten des DTV und eines Wirtschaftsministers zu Konflikten kommt. Aber die sind lösbar, und mein Ehrenamt wurde bislang überall als Plus angesehen, ich bin dadurch etwa im Tourismus-Beirat der Bundesregierung oder im Verwaltungsrat der Deutschen Zentrale für Tourismus vertreten. Da kann man viel für Schleswig-Holstein bewegen.

Interview: Curd Tönnemann

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