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Norddeutschland Reederei-Erbinnen wegen Veruntreuung angeklagt
Nachrichten Norddeutschland Reederei-Erbinnen wegen Veruntreuung angeklagt
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19:54 30.01.2018
Silke Ahrens (l-r), Richterin am Landgericht, Jörg Beer, Vorsitzender Richter am Landgericht, und Monika Bischoff, Richterin am Landgericht, sitzen zu Beginn der Verhandlung gegen zwei ehemalige Geschäftsführerinnen auf der Richterbank. Die ehemaligen Geschäftsführerinnen mehrerer Flusskreuzschifffahrtsgesellschaften müssen sich vor Gericht verantworten.  Quelle: Markus Scholz/dpa
Lübeck/Neustadt

„Den Finanzbehörden wurden vorsätzlich unrichtige und unvollständige Angaben gemacht“, hielt Oberstaatsanwältin Wenke Haker-Alm bei der Verlesung der Anklage den Schwestern vor. Diese waren ganz in Schwarz und mit langen Schals zum Termin erschienen. Als Arbeitgeber hätten sie für die Angestellten ihrer Flusskreuzfahrt-Kommanditgesellschaften keine oder zu geringe Beiträge für Kranken- und Rentenversicherung gezahlt, führte Haker-Alm aus. Auch Lohnsteuer sei nicht korrekt abgeführt, Überstunden nicht angegeben worden. Zudem geht es um verbilligte Flusskreuzfahrten, die Arbeitnehmern der Reederei gewährt worden seien. Ein geldwerter Vorteil, der steuerpflichtig war.

Insgesamt ist laut Staatsanwaltschaft ein Schaden von etwa 1,5 Millionen Euro entstanden. „Geschädigt können laut Anklage der Staat, Krankenkassen, Rentenkassen und Arbeitnehmer sein“, erläutert Landgerichtssprecher Stephan Bahlmann. Laut Anklage waren die Arbeitnehmer gemeldet, die gezahlten Abgaben aber zu gering.

In der gestrigen Verhandlung ging es ausschließlich um die Verlesung der Anklageschrift, die einen dicken Leitzordner füllt. Das dauerte rund 40 Minuten. Danach setzte das Gericht einen neuen Verhandlungstermin für den 6. Februar fest. Die Angeklagten äußerten sich nicht. Die Verteidiger zogen sich mit den Richtern noch zum „Verständigungsgespräch“ zurück. Anwalt Friedrich Bergmann sagte in einer ersten Einschätzung, seine Mandantin sei möglicherweise mit der kaufmännischen Geschäftsführung überfordert gewesen. Die Zwillingsschwestern hatten die Reederei nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters Ende 2003 geerbt.

Für die angeklagten Delikte – Vorenthaltung und Veruntreuung von Arbeitsentgelt und Hinterziehung von Sozialabgaben und Lohnsteuer (§ 266 a Strafgesetzbuch) – drohen den beiden Reederinnen eine Geldstrafe oder Haft. Das Gericht hat fünf Verhandlungstage geplant und vier Zeugen geladen.

„Wenn zu wenig Abgaben gezahlt werden, dann meist im Zusammenhang mit einer Insolvenz“, sagt Frank Schischefsky von Verdi Nord. Der Fall sei außergewöhnlich, sagt Stefan Scholtis, Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Kiel. Normal sei so ein Vorgehen in der Branche sicher nicht.

„So etwas ist in Reedereien gang und gäbe“, versichert hingegen Jörg Sträussler vom Lübecker Verein der Kapitäne und Schiffsoffiziere. „Das gibt es seit 100 Jahren.“ Häufig würden in der Seefahrt Ausländer für Niedriglöhne arbeiten.

Die Reederei-Schwestern, die bis zur Insolvenz 2009 auch das einstige TV-Traumschiff „Deutschland“ betrieben, waren bereits 2016 wegen versuchter Steuerhinterziehung zu je zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt worden. Dagegen legten sie erfolgreich Revision ein. Ab 7. Februar soll neu verhandelt werden.

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