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Norddeutschland Rezept gegen Mangel an Hausärzten gesucht
Nachrichten Norddeutschland Rezept gegen Mangel an Hausärzten gesucht
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16:02 05.03.2016
Schleswig-Holstein gehen die Hausärzte aus. Jungen Medizinern, die die Hochschule verlassen, scheint die Aufgabe offensichtlich weder attraktiv noch lukrativ. Quelle: dpa

Gerade auf dem flachen Land bedeutet das für Patienten eine ärztliche Unterversorgung. Nur jede zweite Hausarzt, der aus Altersgründen ausscheidet, finde derzeit einen Nachfolger, schlägt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin Alarm. Sie fordert eine umfassende Reform des Medizinstudiums. Bund und Länder arbeiten daran.

„Wir stehen vor einer besorgniserregenden Entwicklung“, sagt Ferdinand Gerlach der Präsident der Gesellschaft, der auch Vorsitzender des Sachverständigenrats zu Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist. Während sich 35 Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums noch vorstellen können, Facharzt für Allgemeinmedizin zu werden, werden es bundesweit tatsächlich nur zehn Prozent.
„Das Problem beginnt schon an den Unis“, sagt Thomas Maurer, Vorsitzender des Hausärzteverbands Schleswig-Holstein. „Der Hausarzt hat ein schlechtes Image, obwohl er als Allrounder die schwierigste Aufgabe aller Mediziner hat.“ Das aber werde in der universitären Medizin nicht gewürdigt. Folge: „Für den Patienten werden die Wege weiter, die Wartezeiten beim Arzt länger.“

Das Nachwuchsproblem verschärft die Situation in den nächsten Jahren. In den Kreisen Segeberg, Kreis Herzogtum Lauenburg und Stormarn ist jeder zweite Hausarzt heute älter als 55 Jahre. Dramatische Züge nimmt es an der Westküste an: In Dithmarschen ist fast die Hälfte der Allgemeinmediziner über 60 Jahre alt und scheidet absehbar aus.

Die Universität Lübeck lege sich für die Allgemeinmedizin ins Zeug. Jährlich gingen etwa 200 Studenten in ein praktisches Jahr, weist Studiengangsleiter Jürgen Westermann Kritik an der Ausbildung zurück. Die Allgemeinmedizin werde als Wahlfach – unter 25 Alternativen – überproportional oft gewählt. Entscheidend sei aber letztlich, was den jungen Medizinern vor Ort gezahlt werde und wie die Infrastruktur aussehe. Und da hapere es, sagt Westermann. Der Lebenspartner des Arztes müsse am Ort seiner Niederlassung eine Chance auf einen Job haben, Kinder müssten gut versorgt sein, das Kulturangebot der Region müsse stimmen. Solange die Politik nicht in der Lage sei, diese Rahmenbedingungen zu schaffen, „kann die Landesregierung so viel werben, wie sie will“, so Westermann.

Immerhin ist das Problem in der Politik angekommen: Die Bundesländer sind aufgerufen, in den nächsten Monaten bis Jahresende einen „Masterplan Medizinstudium 2020“ zu erarbeiten. „Die Stärkung des Hausärzteberufes gehört zu den Zielen von Bund und Ländern in der Gesundheitsversorgung“, sagt die Kieler Wissenschaftsministerin Kristin Alheit (SPD). „Mir ist wichtig, dass diese Stärkung im Studium beginnt, beispielsweise durch eine größere Praxisnähe.“ Der Bund-Länder-Pakt will auch dafür sorgen, dass angehende Hausärzte das gleiche Geld bekommen wie ihre Kollegen, die eine Facharztausbildung im Krankenhaus machen.

Von Curd Tönnemann

 

Knapp 2000 Hausärzte im Norden

In Schleswig-Holstein praktizieren 5290 Ärzte und Psychotherapeuten. Davon sind 1940 Hausärzte, 2550 Fachärzte und 800 Psychotherapeuten. Bei den Fachärzten machen Frauenärzte (366) den größten Anteil aus. Es folgen Internisten (291), Kinderärzte (211), Orthopäden (208) und Augenärzte (205). Die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) mit Sitz in Bad Segeberg, Vertretung aller niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten im Land, schätzt die Situation aktuell noch nicht als dramatisch ein. Zu Engpässen bei der Versorgung von Patienten komme es lediglich regional.

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