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Norddeutschland Rock ‘n‘ Roll und alte Autos
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08:51 21.02.2016
Sabine und Olaf Kinzen fahren fast jedes Wochenende zur Oldtimer-Tankstelle. Quelle: Fotos: B. Zill

Die Polstersitze quietschen, als Olaf und Sabine Kinzen in ihrem Opel Rekord auf den Schotterplatz fahren. Der Motor stottert im Takt der Rock-‘n‘-Roll- Musik. Der Wackel-Elvis auf der Hutablage bewegt seine Hüften gekonnt im Rhythmus der Saxophonklänge, die kratzend aus den Lautsprechern ertönen.

Behäbig kommt das Auto neben den anderen Oldtimern zum Stehen. Der Wind wirbelt den rot-weißen Petticoat von Sabine Kinzen hoch, während das Ehepaar aussteigt.

Das Ehepaar dreht die Zeit zurück — es lässt die 50er Jahre lebendig werden. Zwischen grauen Betonriesen, Bahnschienen und der Elbe haben die Kinzens einen Ort in Hamburg gefunden, an dem die Uhr ebenfalls stehengeblieben ist. „Wir mögen dieses tolle Ambiente hier. Das ist unser Treffpunkt, unsere Basis“, sagt die 53-Jährige und blickt auf die Tankstelle vor ihr. Das historische Gebäude am Brandshof wurde 1953 gebaut. Wer damals über die Elbbrücken in die Hansestadt kam und zum Großmarkt in die Deichtorhallen wollte, der fuhr über den Röhrendamm. Anfang der 60er Jahre wurde dann der neue Großmarkt gebaut und die Straße zur Sackgasse.

2010 erweckte Besitzer Alex Piatscheck die alte Retro-Tanke, die 1983 geschlossen wurde, im Stil der 50er Jahre wieder zum Leben.

Zwar kann man hier nicht mehr tanken, doch der „Erfrischungsraum“ und die GTU-Prüfstation sind zum Treffpunkt für Autofreaks aus ganz Deutschland geworden. Meist am Wochenende trifft man sich zum Staunen, Fachsimpeln und Kaffee trinken.

Während ihr Mann mit den anderen Besuchern über seinen Opel — Baujahr 1959 — spricht, hat sich Sabine Kinzen vor der Jukebox hingesetzt und trinkt ihren Kaffee. Das Café wird voller, fast jeder Platz vor der originalgetreuen Theke ist besetzt. Nebenan im Werkstatt-Vorzimmer schauen sich Gäste die ausgestellten Original-Autoteile an. Zwei grüne Ohrensessel, das alte Schnurtelefon und die handbetriebene Kasse erinnern ebenfalls an die Vergangenheit.

Im Ausstellungsraum und im hellen, halbrunden Café ist Rock ‘n‘ Roll zu hören. „Das ist eine Musik, die begeisterungsfähig bleibt“, sagt die 53-Jährige und erinnert sich, wie sich ihre Leidenschaft zu den 50er Jahren entwickelte.

Durch Elvis Presley kam sie zum Rock ‘n‘ Roll. „Seit ich 14 bin, bin ich Elvis-Fan“, erzählt die gelernte Krankenschwester. Außerdem habe sie schon immer gern Petticoat getragen. Die Kleider seien sehr feminin, das möge sie. Durch Freunde lernte sie in den 80ern ihren Ehemann kennen, der die Leidenschaft zum Rock ‘n‘ Roll teilt. „In den 50ern war die Welt noch in Ordnung. Es war nicht so hektisch, eher ruhig“, sagt Sabine Kinzen.

Das Paar tauscht nach der Arbeit oft seine Alltagskleidung gegen Petticoat und Nietenjeans. „Seit unser Sohn aus dem Haus ist, knüpfen wir dort an, wo wir aufgehört haben. Back to the roots“, sagt sie.

Vor der Tankstelle werden die Oldtimer bestaunt. Die Nieten an Olaf Kinzens Lederjacke funkeln in der Sonne. Das rot-schwarz karierte Hemd, die enge Jeans und seine perfekt gelegten grauen Haare runden sein Outfit ab. Jugenderinnerungen würden wach, wenn er die Klamotten trüge. Zum Lebensstil passt auch ihr Auto. „Das sind noch Autos mit Charakter“, betont er. Der gelernte Maschinenschlosser kaufte das Schmuckstück in Alabaster-Grau 2010 in Herne. Nach dem Kauf steckte er in die 45-PS-Limousine noch „etliche hundert Stunden rein“.

Der Erfrischungsraum ist gefüllt, draußen an den Tischen vor dem gläsernen Halbrund sitzen meist die Begleitungen und erzählen. Immer mehr Liebhaber kreisen wie Geier um die aufgestellten Autos. In dem Gewusel bahnen sich Olaf und Sabine Kinzen mit ihrem Opel einen Weg zum Ausgang. Der Vierzylinder blubbert, der Fahrer lehnt lässig den Arm aus dem offenen Fenster. Rock ‘n‘ Roll läuft. Auf der Hutablage steigt der Wackel-Dackel neben Elvis ins allgemeine Kopfnicken ein. Ein zufriedenes Lächeln huscht über Olaf Kinzens blasses Gesicht. Die 50er Jahre, das sei mehr als ein Hobby. „Das ist ein Lebensgefühl.“

Beke Zill

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