Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Rot-weiß-roter Schweineprotest
Nachrichten Norddeutschland Rot-weiß-roter Schweineprotest
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:35 28.03.2015
Auf ihrem „Hof am Gölmbach“ in Todendorf hegt und pflegt Martina Winkler (54) die „Dänischen Protestschweine“. Quelle: Fotos: W. Maxwitat (2), H. Marohn
Todendorf

Tief entspannt und eng aneinander gekuschelt liegen „Karla“, „Help me“ und die anderen in ihrem Unterstand und schlafen. Von Trillerpfeifen, Plakaten oder Sprechchören ist hier weit und breit nichts zu sehen, geschweige denn zu hören. Allenfalls ein leises Schmatzen geben die fünf rot-weißen Schweine von sich. Komisch eigentlich — denn schließlich handelt es sich hier um waschechte „Dänische Protestschweine“.

„Kommt Schweinis, Schweinis“, ruft Martina Winkler vom anderen Ende des Geheges und weckt damit die schlafende Herde aus ihrem Mittagsschlaf. Mit lautem Grunzen und Quieken rasen die fünf rotbunten Husumer Schweine auf die 54-Jährige zu. „Den Namen ,Protestschwein‘ haben die Tiere Ende des 19. Jahrhunderts erhalten, als es den Dänen in Schleswig-Holstein verboten war, die dänische Flagge zu hissen“, erklärt Martina Winkler. Der Legende nach züchteten sich die Dänen aus Protest und Nationalstolz Schweine mit einer rot-weißen Fellfärbung. So konnten sie ihre Nationalfarben im Garten zeigen, ohne gegen das Verbot der Flaggenhissung zu verstoßen. „Eigentlich sind die Husumer Schweine robust, genügsam und sozial. Krawalliger als andere Schweine habe ich sie noch nicht erlebt“, sagt Hobby-Züchterin Winkler. Und in der Tat ist der einzige Protest, der sich unter der Schweineherde ausmachen lässt, lautstarkes Quieken, wenn das Futter zur Neige geht.

Auf ihrem Archehof „Hof am Gölmbach“ in Todendorf, auf halber Strecke zwischen Hamburg und Lübeck, hat sich Martina Winkler ganz der Erhaltung alter Haus-und Nutztierrassen verschrieben. „Angefangen hat alles mit Rindern“, sagt sie. Heute leben hier Pferde, Rinder, Hühner und natürlich Schweine. Nicht nur die rotbunten Husumer Schweine, die aber haben es der Tierfreundin besonders angetan. „Ich wollte gerne eine alte schleswig-holsteinische Rasse vor dem Aussterben retten.“ Auf das Schwein an sich ist Martina durch ihren jüngsten Sohn Niklaas gekommen. „Ich habe ein Praktikum beim Landwirt mit Schweinemastanlage gemacht und mich dort in ein kleines, rotes Ferkel verliebt“, erinnert sich der 21-Jährige. Also brachte er das Schwein und einen weiteren Artgenossen mit auf den Hof der Eltern. „Und da ging das dann los. Schließlich entschloss ich mich, dazu eine rotbunte Husumer Zuchtsau zu kaufen“, sagt seine Mutter. Das war 2008. Zuchtsau „Karla“ lebt immer noch hier, heute in Gesellschaft einer zweiten Sau mit Namen „Lina“, dem Zuchteber „Lasse“ und vier Nachkommen aus einem Wurf des letzten Jahres. Und die Todendorfer Hobbyzucht wächst stetig weiter: Schon im Mai erwartet „Lina“ den nächsten Nachwuchs.

Zwar werden einige der „Protestschweine“ auf dem Hof der Winklers auch geschlachtet, ihren Lebensunterhalt können und wollen sie aber nicht mit den Schweinen verdienen. „Ich habe ein enges Verhältnis zu den Tieren: Sie sollen hier bei mir ein schönes Leben haben“, sagt MartinaWinkler. Und so werden die „Schweinis“, wie die 54-Jährige sie liebevoll nennt, auch gebürstet und gestreichelt. „Das finden sie toll.“ Geschlachtet werden sie nicht auf dem Winkler-Hof, sondern bei einem Schlachter im Dorf. „Ich kann da aber nicht immer dabei sein und schicke meist meinen Mann oder meinen Sohn hin.“ Es sei die Kehrseite der engen Beziehung, die zwischen ihr und ihren Schweinen bestehe, meint die Hobby-Züchterin.

Viel lieber sei es ihr, die Tiere an andere Züchter oder Schweineliebhaber zu verkaufen: „Ist doch toll, wenn sich die Leute statt eines Hundes lieber eines meiner kleinen ,Schweinis‘ zulegen“, lächelt Martina Winkler. Dann schnappt sie sich einen blauen Plastikeimer, der bis zum Rand mit Möhren gefüllt ist, und macht sich auf den Weg zu ihren „Protestschweinen“.

Vom Aussterben bedroht
Das rotbunte Husumer Schwein zählt heute zu den bedrohten Arten. Weltweit gibt es Schätzungen zufolge nur noch rund 140 Exemplare. Hervorgegangen ist es aus einer Kreuzung zwischen dem schwarz-weiß gescheckten Holsteinischen Marschschwein mit dem englischen Tamworth Schwein und einer rot-weißen Farbvariante des Angler Sattelschweins.

Marieke Stender

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!