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10:46 14.09.2016
Nie war der Terrorismus näher: Drei mutmaßliche IS-Kämpfer wurden im Südosten Schleswig-Holsteins festgenommen.
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Berlin

Die Ermittler packten das ganz große „Besteck“ aus, nutzten so ziemlich alle Instrumente, die ihnen zur Verfügung standen. Sie beschatteten die gestern in Ahrensburg, Großhansdorf und Reinfeld (Kreis Stormarn) festgenommenen Terror-Verdächtigen heimlich rund um die Uhr. Sie hörten mit, wenn einer von ihnen das Telefon benutzte. Sie wussten, wer ein- und ausgeht in den Flüchtlingsunterkünften. Sie kannten die Reiseroute des Trios nach Deutschland.

In der Bildergalerie sehen Sie weitere Eindrücke zum Terroreinsatz.

Es bestehe der Verdacht, dass die drei Verdächtigen Mahir Al-H. (17), Ibrahim M. (18) und Mohamed A. (26) im November 2015 mit Anweisungen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ ausgestattet nach Deutschland kamen, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gestern mit. „Die Sicherheitsbehörden wollten mit der heutigen Festnahme denkbare Gefahren abwenden“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) knapp neun Stunden nach Beginn einer der größten Anti-Terror-Aktionen der jüngeren Zeit gestern in Berlin. „Es könnte sich um eine Schläferzelle handeln.“ Die Männer hätten nach bisherigen Ermittlungen einen Bezug zu den Attentaten in Paris im November 2015. Es spreche alles dafür, dass dieselbe Schlepper-Organisation, die bei den Attentätern von Paris aktiv gewesen sei, auch diese drei als Flüchtlinge getarnten Männer nach Deutschland gebracht habe.

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Am Anfang stand nur eine Merkwürdigkeit. Vor knapp neun Monaten hatten den deutschen Verfassungsschutz, später auch das Bundeskriminalamt, Hinweise französischer und belgischer Behörden erreicht, die die Spitzen der Sicherheitsdienste aufschreckten. Die drei Verdächtigen, unter ihnen zwei bei der Einreise noch Minderjährige, waren bei der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex mit ihren registrierten Passdokumenten im Ermittlungsraster hängengeblieben. Sie hatten ähnliche Passdokumente im Besitz wie zwei Mittäter der blutigen Terrorattacken vom November in Paris.

In Paris hatten sich zwei Attentäter vor dem Fußballstadion in die Luft gesprengt, als in der Arena das Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland lief. Eines dieser Ausweisdokumente war der Polizei seinerzeit relativ unbeschädigt in die Hände gefallen. Bei der Rückverfolgung der Fluchtroute hatte sich herausgestellt, dass seinerzeit nicht nur ein Teil der Paris-Attentäter, sondern auch die drei Männer der mutmaßlichen deutschen IS- Schläferzelle mit der gleichen Passserie ausgestattet worden waren. Eine weitere Parallele deckten eingehendere Ermittlungen auf: Alle waren vom gleichen türkisch-syrischen Schlepperunternehmen erst nach Griechenland und dann in Richtung Balkanroute transportiert worden. Alle Dokumente seien „auf den ersten Blick“ einwandfreie Originale mit Originalstempeln gewesen.

Es ist bekannt, dass dem IS bei seinen Besetzungen ganzer Regionen in Syrien, im Irak und auch in Libyen zahlreiche Ausweis-Blankoformulare in die Hände gefallen waren. Dies bestätigten Sicherheitsexperten, die gestern über das Bundeskriminalamt Zugang zu direkten Fahndungsergebnissen hatten.

Erst vor vier Wochen hatte der Verfassungsschutz nach Informationen des Redaktionsnetzwerks Deutschland, zu dem die LN zählen, darauf aufmerksam gemacht, dass noch immer „Tausende junger Flüchtlinge“ mit ungeklärter Identität in der Bundesrepublik seien. Vor einem Jahr hatte das Bundeskriminalamt davor gewarnt, dass hierzulande 450000 Flüchtlinge unregistriert unterwegs seien. Unter ihnen sei „eine hohe zweistellige Zahl“ womöglich im Terrorkampf ausgebildeter Aktivisten. Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) hatte seinerzeit um Zurückhaltung in der Kommunikation gebeten, man brauche „eine Versachlichung der Debatte“.

Bis zu 14 Sicherheitsbeamte haben fast neun Monate lang in Tag- und Nachtschichten die drei Verdächtigen observiert. Ihnen war bekannt, welche Handys mit welcher Verschlüsselungssoftware die mutmaßlichen Terroristen mitgebracht hatten. Sie kannten die „nennenswerten“ Bestände an US-Dollar. Vieles deutete darauf hin, dass hier Täter auf den entscheidenden Befehl warteten. Einen konkreten Hinweis auf eine geplante Aktion gab es aber nicht. Trotzdem hatte sich Generalbundesanwalt Peter Frank zu Beginn dieser Woche entschieden, die Razzien zu starten.

Dieter Wonka

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