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13:53 05.11.2018
Einschulung – aber ohne Eingangsuntersuchung. Weil den Gesundheitsämtern Ärzte fehlen, wurden allein in Lübeck 200 Abc-Schützen ohne Check zur Schule geschickt. Quelle: dpa
Lübeck/Kiel

„Für jedes Kind in Schleswig-Holstein ist die Schuleingangsuntersuchung Teil des Einschulungsverfahrens“, heißt es auf der Internetseite des Kieler Gesundheits- und Sozialministeriums ganz bestimmt. Erfahrene Ärzte stellten fest, ob das Kind den Anforderungen des Schulalltags körperlich und seelisch gewachsen sei oder welche Unterstützung und Hilfen es dafür noch brauche. Doch: Allein in Lübeck fiel die Untersuchung in diesem Jahr für 200 Kinder aus – weil dem Gesundheitsamt Ärzte fehlen. Und die Lage wird immer schlimmer.

In Lübeck fallen zehn Prozent der Abc-Schützen durchs Raster

In Lübeck konnten somit zehn Prozent der Sechsjährigen nicht untersucht werden, bestätigt Stadt-Sprecherin Valessa Glisovic auf LN-Anfrage. Und: „Es ist absehbar, dass die gleiche Problematik auch 2019 noch weiter bestehen wird.“ Die Grundschule Schönböcken etwa hat die Familien bereits informiert. „Durch Personalengpässe im Gesundheitsamt ist es möglich, dass eine schulärztliche Untersuchung nicht aller Kinder stattfinden wird“, heißt es in einem den Schreiben.

Stadtsprecherin Valessa Glisovic bestätigt: 2018 fiel die Schuleingangsuntersuchung für 200 ABC-Schützen in Lübeck wegen aus. Quelle: Olaf Malzahn

Kein Wunder: Die Gesundheitsämter in ganz Deutschland finden offenbar kein Personal mehr. Und in Schleswig-Holstein ist die Lage besonders dramatisch. Nach einem den LN vorliegenden Dokument ist in den 16 Gesundheitsämtern der Kreise und kreisfreien Städte jede fünfte von 123 Ärzte-Stellen nicht besetzt. Tendenz: weiter sinkend. Auch in Lübeck gebe es zurzeit „erhebliche Personalengpässe“, sagt die Stadt-Sprecherin. Neun Stellen im Amt sind nicht besetzt, davon vier Arzt-Stellen. Nicht nur der Kinder- und Jugendärztliche Dienst, sondern auch der Amtsärztliche und der Sozialpsychiatrische Dienst seien davon betroffen.

Eltern sollen einen Förderbedarf jetzt selbst diagnostizieren

Bitter: In Lübeck werden Eltern jetzt sogar schon aufgefordert, selber zu diagnostizieren, ob gesundheitliche Probleme oder ein Förderbedarf vorliegen. Wenn die Eltern dann eine schulärztliche Untersuchung wünschten, könne die Untersuchung nach Schulbeginn ja nachgeholt werden, heißt es aus dem Lübecker Gesundheitsamt. Das Kieler Sozial- und Gesundheitsministerium hingegen hatte vom Amt verlangt, zusammen mit den Schulleitungen sicherzustellen, „dass sämtliche Kinder untersucht werden, bei denen medizinische oder andere Auffälligkeiten zu erwarten seien“, erklärt dessen Sprecher Christian Kohl.

Der SPD-Landtags-Gesundheitspolitiker Bernd Heinemann ist von alldem entsetzt. „Das ist schrecklich“, sagt der Oppositionsabgeordnete. Die Jamaika-Landesregierung müsse sich sofort mit den Kommunen an einen Tisch setzen und nach Lösungen suchen. Die Kreise und kreisfreien Städte müssten aber auch selbst schon mal aktiv werden. „Wenn sie nicht genügend Amtsärzte finden, müssen sie die Schuleingangsuntersuchungen eben ausschreiben“, sagt Heinemann. Dann könnten sich zum Beispiel auch niedergelassene Ärzte bewerben und die Untersuchungen gegen Extra-Bezahlung durch die Kommune übernehmen.

Die Schuleingangsuntersuchung

In Schleswig-Holstein werden alle Kinder eines Jahrgangs zur Schuleingangsuntersuchung eingeladen, die bis zum 30. Juni des Einschulungsjahres das sechste Lebensjahr vollendet haben und damit schulpflichtig sind. Jüngere Kinder können auf Antrag vorzeitig eingeschult und dann auch vorzeitig untersucht werden. Die Untersuchung durch Ärztinnen und Ärzte der Kreisgesundheitsämter finden meist in der künftigen Grundschule, in einer Kita oder im Gesundheitsamt selber statt. Im Gegensatz zu den Vorsorgeuntersuchungen U8 und U9 der Kinderärzte gehe es dann vor allem darum, festzustellen, „ob das Kind den Anforderungen des Schulalltags körperlich und seelisch gewachsen ist, welche Unterstützungsbedarfe vorhanden sind und wo zum Beispiel in der Schule gegebenenfalls Hilfen benötigt werden“. Auf diese Weise könnten „für jedes Kind individuell die besten Voraussetzungen für eine gelingende Schullaufbahn geschaffen werden“.

Gesetzliche Grundlage ist Paragraf 27 des Schulgesetzes des Landes. „Kinder und Jugendliche, Schülerinnen und Schüler haben sich, soweit es zur Vorbereitung schulischer Maßnahmen und Entscheidungen erforderlich und durch Rechtsvorschrift zugelassen ist, schulärztlich, schulpsychologisch und sonderpädagogisch untersuchen zu lassen“, heißt es dort in Absatz 1. Sie müssten auch „an vom für Bildung zuständigen Ministerium zugelassenen standardisierten Tests teilnehmen“.

Für Carsten Leffmann von der Schleswig-Holsteinischen Ärztekammer liegt der Grund für den Amtsärztemangel derweil auf der Hand: die schlechte Bezahlung. „Krankenhäuser zahlen im Moment einfach besser“, sagt Leffmann.

Amtsärzte werden zu schlecht bezahlt, sagt Carsten Leffmann, Hauptgeschäftsführer der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Quelle: LN-ARCHIV

„Die Ärzte bekommen 1000 Euro weniger Grundgehalt als Kollegen im Krankenhaus“, sagt auch Alexandra Barth, Landesvorsitzende der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Der Tarif sei einfach nicht konkurrenzfähig, müsse angeglichen werden. Zwar böten einzelne Kommunen inzwischen eine Aufstockung an. Der Kreis Steinburg etwa finde aber trotz zehn Prozent Zulage keinen Kinder- und Jugendarzt. Einige Kreise würden aus Verzweiflung mittlerweile auch Mediziner ohne die erforderliche Qualifikation einstellen und sie dann selber weiterbilden.

Der Landkreistag verweist auf den allgemeinen Fachkräftemangel

In Lübeck versucht man sich mit Honorarverträgen zu helfen, heißt es – offensichtlich ohne durchschlagenden Erfolg. Die Kreise seien nun einmal ans Tarifrecht gebunden, ein echtes Zulagensystem sei erst im Entstehen, sagt Sönke Schulz vom Schleswig-Holsteinischen Landkreistag und schiebt das Problem auch auf den allgemein eklatanten Fachkräftemangel. Es gebe mittlerweile einfach überall zu wenig Nachwuchskräfte.

FDP-Sozial- und Gesundheitsminister Heiner Garg will das so nicht stehen lassen. Die Gesundheitsministerkonferenz habe immer wieder Gesprächsangebote an die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände und die Tarifgemeinschaft deutscher Länder gerichtet, sagt sein Sprecher Christian Kohl. Geschehen sei bislang nichts. Man wolle jetzt im Land immerhin schon mal den öffentlichen Gesundheitsdientst stärker im Medizinstudium verankern und mehr Praktika in den Ämtern anbieten. Und: Man werde Imagekampagnen starten.

Derweil wächst auch im Bildungsministerium die Sorge. „Wir haben ein großes Interesse an den Schuleingangsuntersuchungen“, sagt Staatssekretärin Dorit Stenke. Sie seien „mit Blick auf Früherkennung und Bildungsgerechtigkeit sehr wichtig“.

Saskia Bücker und Wolfram Hammer

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