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Norddeutschland Schulleiter empört: Leere Bänke wegen „Flunkerferien“
Nachrichten Norddeutschland Schulleiter empört: Leere Bänke wegen „Flunkerferien“
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09:31 18.07.2017
„Wenn die in Wahrheit in Urlaub gefahren sind, kriege ich das raus.“ Stefan Pabst Leiter der Gemeinschaftsschule St. Jürgen in Lübeck
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Lübeck

„Stellenweise wird sichtbar, dass einzelne Schüler fehlen“, bestätigt Hans-Joachim Wagner, Schulleiter des Leibniz-Gymnasiums in Bad Schwartau. Legal, das heißt mit Zustimmung des Schulleiters, sei dies nur in Ausnahmefällen möglich. So bei wichtigen Familienfeiern oder bei Trauerfällen. „Es ist kein Grund, dass der Flug am Tag vorher 1000 Euro billiger ist“, stellt Wagner fest. Fehle der Schüler dann unerlaubt, gebe es „wenige Instrumente, das in den Griff zu bekommen“.

Belastbare Zahlen dazu, wie viele der 287 683 Schüler an allgemeinbildenden öffentlichen Schulen im Land vorzeitig in „Flunkerferien“ gehen, gibt es nicht. Selbst Schätzungen seien nicht möglich, ist beim Kieler Bildungsministerium zu hören. Was die Ausnahmegenehmigungen angehe, sagt Sprecherin Patricia Zimnik, hätten die Schulleiter jedoch einen gewissen Ermessensspielraum.

Sven Ulmer, Leiter der Eutiner Wilhelm-Wisser-Gemeinschaftsschule, erinnert sich an wenige Fälle, in denen er für eine frühe Abreise grünes Licht gab. „Einmal war das bei einer indischen Hochzeit in den USA, die über mehrere Tage andauern sollte. Da hab’ ich gesagt: Okay, das sehe ich ein.“ Finanzielle Gründe sind auch für ihn kein Argument.

Dabei sind Flugreisen vor dem offiziellen Ferienbeginn tatsächlich deutlich günstiger. „Der Unterschied zu den Preisen ab dem ersten Ferientag kann bei Linienflügen bis zu einige hundert Euro ausmachen“, sagt Alexandra Oestreich vom Lübecker Reisebüro „Flugcontact“. „Bei mehreren Personen läppert sich das.“ Der Grund sei, dass gerade der erste Ferientag besonders viel gebucht werde. Die steigende Nachfrage treibe die Preise hoch.

Dass viele Eltern unter diesen Voraussetzungen auf die letzten Schultage pfeifen, hat laut Katrin Engeln vom Landeselternbeirat noch einen anderen Grund. „Die Wertschätzung für den Schulunterricht lässt zunehmend nach“, glaubt sie. Daran seien die Lehranstalten selbst schuld: An vielen Schulen im Land sei die vergangene Woche „Vorhabenwoche“ gewesen. „Manche Schüler sind da nur eine Stunde am Tag in der Schule gewesen.“ Die aktuelle Woche werde vielfach als „Projektwoche“ genutzt. „Da wird auch nicht viel gearbeitet“, kritisiert Engeln. Es gebe die Tendenz, nicht nur am letzten Schultag ein Eis essen zu gehen, „sondern die Tage vorher auch“.

Schulleiter Wagner widerspricht dieser gängigen Annahme. „Es stimmt nicht, dass kurz vor Ferienbeginn nichts mehr passiert.“ Am letzten Tag versammele sich die Schulgemeinschaft zum gemeinsamen, würdigen Abschluss für das Schuljahr. Wenn einige Schüler daran aufgrund eigenmächtig vorgezogener Ferien nicht teilnähmen, sie dies „ schon ärgerlich“.

Stefan Pabst, Leiter der Gemeinschaftsschule St. Jürgen in Lübeck, hakt bei verdächtigen Krankmeldungen stets nach. „Wenn die in Wahrheit in Urlaub gefahren sind, kriege ich das raus. Die Schüler können meist nicht dicht halten.“ In Einzelfällen lasse er vom Ordnungsamt ein Bußgeld verhängen.

Kontrollen an Flughäfen durch die Bundespolizei brauchen die Schulschwänzer allerdings nicht zu fürchten, sagt Matthias Menge, Sprecher der Bundespolizeidirektion Bad Bramstedt. „So etwas machen wir nicht.“

 Marcus Stöcklin

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