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Norddeutschland Autonomes Fahren auf Flüssen und Kanälen soll erforscht werden
Nachrichten Norddeutschland Autonomes Fahren auf Flüssen und Kanälen soll erforscht werden
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23:00 07.11.2018
Sind Binnenschiffe (hier auf dem Dortmund-Ems-Kanal) bald autonom auf Flüssen und Kanälen unterwegs? Quelle: Caroline Seidel/dpa
Lübeck/Duisburg

Kapitän von Bord: Auf deutschen Binnenschiffen könnte das in Zukunft möglich sein. Im Ruhrgebiet soll jetzt das autonome Fahren auch auf Flüssen und Kanälen erforscht werden. Erste Testfahrten sind für 2021 geplant. In Schleswig-Holstein erhofft man sich neue Impulse für die Binnenschifffahrt.

Mehr Schiffe statt Lastwagen – das könnte ein wichtiger Beitrag zur Lösung der Verkehrs- und Umweltprobleme sein. Doch der Gütertransport auf den Wasserstraßen kommt in Deutschland nicht so recht voran. Im vergangenen Jahr wurden 222 Millionen Tonnen über die Flüsse und die Kanäle transportiert. Zehn Jahre zuvor waren es noch fast 250 Millionen Tonnen. Vor allem der Lastwagen drohe den Schiffen noch mehr Ladung abzujagen, warnen die Industrie- und Handelskammern (IHK) im Ruhrgebiet. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Lastwagen erst ferngesteuert und dann völlig autonom über die Straßen rollen“, meint Ocke Hamann, Geschäftsführer der IHK Duisburg, zu deren Bereich der größte Binnenhafen Europas gehört. Damit gerate auch der Kostenvorteil des Binnenschiffs ins Wanken.

Machbarkeitsstudie präsentiert

Die Kammern haben deshalb ein Projekt angestoßen, damit in Zukunft Schiffe ohne einen Kapitän am Ruder auf Flüssen und Kanälen fahren, sich selbstständig in Schleusen einfädeln und in Häfen anlegen können. „Wir haben das konkrete Ziel, in 15 Jahren autonom fahrende Binnenschiffe auf unseren Wasserstraßen zu sehen“, sagte Hamann am Mittwoch bei der Vorstellung einer Machbarkeitsstudie in Duisburg. Denn autonomes Fahren biete die Chance, auch kleinere Frachtschiffe wettbewerbsfähig betreiben zu können, betont das Duisburger Entwicklungszentrum für Schiffstechnik und Transportsysteme, das die Studie erstellt hat. So könnten Güter von den großen Rheinfrachtern statt auf Lastwagen auf kleinere Schiffe umgeladen und über die Kanäle weiter transportiert werden. Solche Schiffe mit deutlich weniger Ladekapazität seien nur wettbewerbsfähig, wenn sie automatisiert betrieben werden, heißt es in der Studie. Außerdem werde der Personalmangel, unter dem auch die Binnenschifffahrt leide, entschärft.

Innovationsprojekt der Uni Kiel

Selbstfahrende Schiffesind auch an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ein Thema. Seit einigen Monaten arbeiten 14 Professuren aus fünf Fakultäten in einem neuen bundesweiten Netzwerk mit. Zugleich sollen unter dem Namen CAPT in Kiel elektrisch angetriebene Buslinien mit elektrisch betriebenen autonomen Personenfähren kombiniert werden. Denkbar sei eine Pilotlinie, die das West- und das Ostufer der Kieler Förde durch die kombinierte Nutzung besser vernetzt, heißt es in einer Mitteilung der Universität.

„Autonom fahrende Wasserfahrzeuge würden der Binnenschifffahrt neue Impulse geben“, sagt Can Özren, Sprecher der IHK zu Lübeck. „Wenn wir die Straßen nachhaltig entlasten wollen, indem wir Güterverkehr über die Kanäle abwickeln, und zugleich den Schadstoffausstoß der Lkw reduzieren wollen, sollten wir die Attraktivität der Binnenschifffahrt stärken.“ Auch Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) sieht „große Chancen für eine autonome Binnenschifffahrt“. Zwar sei Schleswig-Holstein als Land zwischen den Meeren im Gegensatz zu Nordrhein-Westfalen eher durch reine Seeschifffahrt geprägt, dennoch könne und werde diese technische Revolution nicht an Schleswig-Holstein vorbeigehen. „Bei uns gibt es viele Zulieferbetriebe für die Schifffahrt, die von derartigen Entwicklungen genau wie im Bereich der Seeschifffahrt profitieren können,“ sagt Buchholz. Auch angesichts des absehbaren Fachkräftemangels und zum Teil wenig attraktiver Arbeitsbedingungen an Bord könnte die autonome Binnenschifffahrt zum Erhalt des Wirtschaftsstandortes beitragen.

Erste Testfahrten schon 2021

Als Testgebiet schlägt die Studie einen Abschnitt des Dortmund-Ems-Kanals zwischen Dortmund und Waltrop vor. Auf der etwa 20 Kilometer langen Strecke gebe es relativ wenig Schiffsverkehr, die Gefahr einer Kollision mit einem Gefahrgutschiff sei gering, es könnten Schleusenmanöver und das Anliegen in verschiedenen Hafenbecken getestet werde. Die erste Testfahrt mit einem automatisierten Schiff peilen die Autoren der Studie schon für 2021 an, da auf den Schiffen schon jetzt eine ganze Menge technischer Navigationshilfen im Einsatz seien, die weiterentwickelt werden könnten. Kommen könne der Test aber nur, wenn es Fördergelder gebe. Denn anders als in der Autobranche gebe es in der Binnenschifffahrt keine Milliardenkonzerne, die mit Hochdruck an autonomen Fahren forschten.

Für Thomas Schlipköther, im Vorstand des Duisburger Hafens für Technik und Betrieb zuständig, ist das alles ferne Zukunftsmusik. Er hat momentan ganz andere Sorgen. „Warum bauen wir nicht endlich Schiffe, die auch bei einer Wassertiefe von nur 1,20 Metern fahren können“, sagte er bei der Präsentation der Studie. „Extrem niedrige Wasserstände wie zur Zeit werden wir mehr kriegen“, fürchtet der Hafenmanager.

Und noch ein anderes Problem der Binnenschiffer braucht eine Lösung. Viele Schiffe tuckern noch mit alten Dieselmotoren über die Flüsse, die viele Schadstoffe in die Luft pusten. NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) forderte deshalb in der „Rheinischen Post“ Umrüstprämien auch für Binnenschiffe.

Julia Paulat

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