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Norddeutschland Selbstverteidigungs-Kurse sind bei Frauen gefragt
Nachrichten Norddeutschland Selbstverteidigungs-Kurse sind bei Frauen gefragt
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11:40 18.01.2016
Selbstverteidigungs-Trainer Torsten Manthey. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Eigentlich wollte Julika nur eben in die Bar, etwas trinken gehen. Da wird sie von der Seite angequatscht. „Na, wie sieht‘s aus?“, fragt der unbekannte Mann neben ihr leicht lallend, das Bierglas in der Hand. Sie reagiert nicht. „Hey“, sagt er zu der 23-jährigen zierlichen Frau und wird zudringlich. „Lass das“, brüllt sie ihn an. Doch er ist ihr schon bedrohlich nahe gekommen. Sie schubst ihn weg und rennt zum Ausgang. Ihr Angreifer liegt am Boden und jault.

Es ist ein Angriff, wie er fast überall passieren kann und wahrscheinlich schon vielfach passiert ist: In einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem vergangenen Jahr geben 55 Prozent der Frauen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Doch diese Szene in den Übungsräumen in der Polizeidirektion Lübeck war nur gespielt.

Links zum Thema

Agentur der Europäischen Union für Grundrechte

Gewalt gegen Frauen: Eine EU-weite Erhebung

Der vermeintliche Angreifer Torsten Manthey, von Kopf bis Fuß in einen Schutzanzug gehüllt, ist in Wirklichkeit Selbstverteidigungstrainer. Er steht vom Boden auf und nimmt seinen Helm ab, Julika kommt vorsichtig wieder zur Tür herein und fragt: „Das war okay, oder?“ Die Studentin hat gezeigt, was sie gelernt hat: Einen festen Stand einzunehmen, sich nicht abdrängen zu lassen. Sie hat mit klarer, lauter Stimme gesprochen und ist im richtigen Moment geflüchtet, als der Angreifer ihr den Weg versperren wollte. „Der Kurs hat einiges verändert“, sagt Julika, auch wenn sie in Wirklichkeit zum Glück selbst noch nicht in eine so gefährliche Situation geraten ist. „Aber allein zu wissen, wie ich mich im Notfall verteidigen könnte, gibt mir schon ein besseres Gefühl“, sagt sie. Und achtet seither sehr darauf, dass sie an unangenehmen Plätzen selbstsicher wirkt: „Damit man nicht als Opfer abgestempelt wird.“

In Mantheys Kursen, die er in Kooperation mit der Opferschutzorganisation Weißer Ring anbietet, sind aber auch viele Frauen, die schon Gewalt erlebt haben. Meist innerhalb ihres näheren Umfelds.

„Darauf muss man natürlich sehr vorsichtig eingehen“, sagt der 55-Jährige, der auch Polizisten für Einsätze schult. „Hier wird niemandem etwas übergestülpt, sondern alle sollen selbstreflektierend herausfinden, wie sie Konflikte bewältigen können.“ Und auch wie das Sicherheitsgefühl gesteigert wird — das wahrscheinlich größte Thema derzeit, seit den Übergriffen unter anderem in Herrenwyk, aber auch in Köln in der Silvesternacht. „Ich bekomme fast jeden Tag Anrufe oder E-Mails von Frauen, die sich informieren wollen“, sagt Manthey. „Es sind alle gerade sehr sensibilisiert für das Thema.“

Auch der Weiße Ring verzeichnet seit den Übergriffen mehr Anfragen nach Beratung und Hilfe zum Thema Selbstschutz und Selbstverteidigung. Neben dieser Verunsicherung stellt Detlef Hardt, Leiter der Lübecker Außenstelle, aber auch eine über die Jahre stetig gewachsene Bereitschaft fest, sexuelle Übergriffe anzuzeigen. „Das zumindest ist erfreulich“, sagt Hardt. „Auch wenn das Dunkelfeld, also die Taten, die nicht registriert werden, sehr groß ist.“ Da helfe nur Prävention, insbesondere eben durch die Selbstverteidigungskurse. Aber auch der Frauen-Notruf, bei dem insbesondere Opfer von Gewalt Rat suchen, bietet präventive Hilfe zu konkreten Angstsituationen an. „Dann arbeiten wir in der Beratung individuelle Lösungen heraus, wie man dem begegnen kann“, sagt Catharina Strutz-Hauch vom Frauennotruf Lübeck.

Im Fall der Selbstverteidigungskurse hat die Präventionsarbeit jedenfalls schon so manches Mal geholfen. Eine Kursteilnehmerin hat Torsten Manthey zum Beispiel gerade berichtet, wie sie am Lübecker Holstentorplatz einen Mann verscheucht hat, der eine weitere Person bedrohte. Sie ging auf ihn zu und sagte mit lauter Stimme: „Hören Sie sofort auf, sonst rufe ich die Polizei“ — woraufhin der Angreifer verschwand. Manthey: „Das ist dann schon ein tolles Feedback und zeigt, wie selbstbewusst die Frau geworden ist.“

Hilfe bei Gewalt
Einen Schnupperabend zum Thema Selbstverteidigung bieten Torsten Manthey und der Weiße Ring am 16. Februar um 18 Uhr im Behördenhochhaus (Possehlstraße 4, Lübeck) an. Die Teilnahme ist kostenlos und erfordert keine Anmeldung.
Das allgemeine kostenfreie Hilfstelefon bei Gewalt gegen Frauen ist unter 08000116 016 zu erreichen.

Lena Modrow

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