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Norddeutschland "Solche Taten dürfen den Glauben an Demokratie nicht zerstören"
Nachrichten Norddeutschland "Solche Taten dürfen den Glauben an Demokratie nicht zerstören"
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09:18 07.10.2016
Joachim Kebschull (61) kehrte gestern wieder ins Gemeindehaus zurück. Dort schilderte er, wie er die Attacke erlebt hat. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat
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Oersdorf

Erstmals äußerte er sich selbst öffentlich zu der Attacke. „Der Vorfall macht mir Angst“, bekannte der 61-Jährige. Jedoch werde er sich davon nicht bestimmen lassen. „Ich werde diese ehrenamtliche Aufgabe weiter erfüllen.“ Seine Haustür schließt er jetzt aber ab.

Für einen kurzen Moment habe er überlegt, aufzuhören. „Doch mir war schnell klar, dass solche Taten unsere Ziele, unseren Glauben an Demokratie nicht zerstören dürfen“, sagte er gestern Morgen im Gemeindehaus des Ortes. Nur 40 Meter entfernt, auf dem benachbarten Parkplatz der Feuerwehr, war er eine Woche zuvor kurz vor der Sitzung des Bauausschusses attackiert worden. „Ich bekam von hinten einen Schlag auf den Kopf und verlor die Besinnung“, berichtet Kebschull. Zum Täter könne er keine Angaben machen. „Es ging sehr schnell, die Dämmerung war angebrochen, und es regnete stark.“

Der Angriff stand offenbar im Zusammenhang mit einem inzwischen verworfenen Plan, Flüchtlinge in einem alten Bauernhaus im Dorf unterzubringen. Die Gemeinde hatte das Gebäude erworben, um Wohnungen darin einzurichten. Die teuren Umbaupläne sollten am vergangenen Donnerstag in der Ausschusssitzung vorgestellt werden. Weil es vorab Drohbriefe und gar Bombendrohungen gegeben hatte, sicherten Polizisten das Gebäude. Da Kebschull seine Notebook-Tasche zu Hause vergessen hatte, fuhr er eine halbe Stunde vor Beginn der Sitzung noch einmal zurück. Bei seiner Rückkehr wurde er an seinem Auto niedergeschlagen, als er die Tasche herausnehmen wollte. „Wir sind alle davon ausgegangen, dass die Drohungen verbale Drohungen sind. Mit Taten habe ich nicht gerechnet“, erklärte er gestern sichtlich bewegt. Und forderte dazu auf, verbaler Gewalt stärker entgegentreten. „Unsere Geschichte zeigt, dass so etwas in reale Gewalt mündet.“

Kebschull geht davon aus, dass der Täter „jemand aus dem Dorf ist, der in gewisser Weise verwirrt ist“. Denn die Angst vor Flüchtlingen habe keine Grundlage, betonte er. Im gesamten Amt Kisdorf sind nach Auskunft des Amtsvorstehers Horst-Helmut Ahrens aktuell 97 Flüchtlinge untergebracht, allerdings keine davon in Oersdorf. In den Drohbriefen soll teils von „wir“ die Rede sein, einer ist nach den Worten Kebschulls auch mit „American Sniper“ unterzeichnet. Die Polizei ermittelt weiter in alle Richtungen, hieß es gestern.

Schon seit den ersten Drohungen im Juli rätselt Kebschull, wer der Täter sein könnte. „Aber ich kann mir niemanden vorstellen.“ Der Bürgermeister kennt nach eigenen Angaben rund 600 der 872 Einwohner des Ortes. Kebschull ist in Oersdorf geboren. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Seit achteinhalb Jahren ist er dort als Gemeindevertreter tätig, seit dreieinhalb Jahren als ehrenamtlicher Bürgermeister.

Die in Drohbriefen geäußerte Kritik an der Arbeit der Gemeindevertretung wies er zurück. „Alle Sitzungen und Beschlüsse sind öffentlich.“ Einige Anschuldigungen hätten sich darauf bezogen, dass heimlich etwas in Sachen Flüchtlinge beschlossen werde. Ähnlich hatte sich vor einigen Tagen auch ein früherer Gemeindevertreter von der SPD geäußert. Anwohner hatten zudem von „aggressiver Stimmung“ bei den Sitzungen des Gemeinderats in den vergangenen Monaten berichtet. Der Erwerb und die Umgestaltung des alten Bauernhauses hat die Gemeinde offenbar gespalten.

Nach dem Schädelhirntrauma hat Kebschull jetzt noch mit leichten Schwindelgefühlen und einem Rauschen im Ohr zu kämpfen. Die Ärzte hätten ihm aber versichert, dass er keine Langzeitschäden davontragen werde. „Besonders froh bin ich, dass ich festgestellt habe, dass ich meinen Humor nicht verloren habe.“ Er hofft, dass der Rummel bald vorbei ist. „Und dass ich dann wieder ganz normal mit dem Rad im Dorf herumfahren werde.“ Noch aber begleiten Polizisten seinen Alltag.

Gemeinde im Grünen

Oersdorf liegt rund 20 Kilometer nördlich von Norderstedt in ländlicher Umgebung im Kreis Segeberg. „Die Gemeinde im Grünen“ nennt sich Oersdorf auf seiner Internetseite. Sie gehört zum Amt Kisdorf. In der Nähe verläuft die A 7 (Hamburg–Flensburg).

Von elf Sitzen in der Gemeindevertretung hat die Oersdorfer Wählervereinigung (OeWV) seit 2013 fünf Sitze, die Alte Wählergemeinschaft Oersdorf (AWOe) vier Sitze; FDP und SPD haben je einen Sitz. Bürgermeister Joachim Kebschull ist parteilos.

 Julia Paulat

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