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Norddeutschland Sssssssss.... die Mücken greifen an
Nachrichten Norddeutschland Sssssssss.... die Mücken greifen an
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19:00 30.07.2017
Quelle: dpa
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Lübeck

Es juckt. Überall. Lieuwe Dykstra betrachtet unglücklich seine Beine, an denen sich unzählige, rot geschwollene Mückenstiche abzeichnen. Der 63-Jährige aus Holland macht gerade eine mehrwöchige Radtour quer durch Norddeutschland. Tags fährt er durch Felder und Wälder, abends schlägt er auf Campingplätzen sein Zelt auf. „Die Viecher kommen vor allem abends“, sagtDykstra, „dann ziehe ich mir lange Kleidung an.“ Aber das hilft nicht immer. Manche Mücken stechen sogar durch den Stoff. Hartnäckige Quälgeister.

Lieuwe Dykstra macht gerade eine mehrwöchige Radtour quer durch Norddeutschland. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Gestochen wird man überall. So etwa Abiturient Jaap Asmussen. „Ich wollte draußen Volleyball spielen“, berichtet der 18-Jährige, „plötzlich war ein ganzer Schwarm um mich herum.“ Eine Woche ist der Besuch auf dem Sportplatz her, die Stiche an den Beinen jucken immer noch.

Abiturient Jaap Asmussen. „Ich wollte draußen Volleyball spielen“, berichtet der 18-Jährige, „plötzlich war ein ganzer Schwarm um mich herum.“ Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Die Väter Mario Hagen und Alma Holderbach gehen häufig mit ihren Kindern auf einen Spielplatz nahe der Moltkebrücke. „Bei der Schaukel geht es, aber die Wippe steht zu nah am Gebüsch“, sagt Holderbach, „da lauern sehr viele Mücken.“ Auch der achtjährige Vincent kratzt sich nach einer Fahrradtour am Wake nitzufer bereits die Beine. „Die jucken ganz doll“, sagt er zu Vater Manuel Franklin.

Die Väter Alma Holderbach (r.) und Mario Hagen (l.) mit ihren Kindern auf dem Spielplatz. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Die Stiche jucken, weil Mücken mit ihrem Speichel unter anderem die Blutgerinnung verhindern. Darauf regiert das menschliche Immunsystem. „Je exotischer die Mückenart in Deutschland ist, desto heftiger reagiert der Körper“, sagt Biologe Tobias Langguth vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Insgesamt gibt es 28 Mückenfamilien in Deutschland. Besonders prominent ist die gemeine Stechmücke, auch als Hausmücke bekannt. Viele Biologen und Mediziner stufen ihre Stiche als harmlos ein. Ein Fehler, findet Jonas Schmidt-Chanasit. Der Arzt und Virologe arbeitet am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. „Seit 2010 überträgt sie auch Viren, die eine Hirnhautentzündung hervorrufen können“, sagt er. Das wüssten auch viele Ärzte nicht, weshalb böse Infektionen oftmals falsch behandelt würden.

Schuld an der erhöhten Infektionsgefahr hat unter anderem der Klimawandel. Es wird immer wärmer und feuchter. Mücken, denen es sonst zu kalt war, kommen zu uns und verbreiten gefährliche Viren. Die asiatische Tigermücke und der japanische Buschmoskito sind subtropische Arten, die inzwischen aber auch vermehrt in Süd- und Mitteldeutschland auftreten. „In den Norden hat es bisher noch keine Tigermücke geschafft“, sagt Biologe Langguth, „aber in Zukunft werden wir uns sicherlich auf diese Arten einstellen müssen.“

Die Mücken sind also auf dem Vormarsch. Sie lieben die Wärme, die Feuchtigkeit und den Schatten. Stehende Gewässer, Sportplätze, dichte Wälder – hier tummeln sie sich in Scharen.
Dabei geht es gerade erst los. „Die Hauptsaison ist im August“, sagt Virologe Schmidt-Chanasit. Die Bedingungen sind dieses Jahr besonders günstig: Die Überschwemmungen in Niedersachsen und die für dieses Jahr überdurchschnittlich ausfallenden Regenfälle in Kombination mit einem vergleichsweise warmen Klima bieten ideale Bedingungen für die Mücken. Sie legen ihre Brut ins Wasser. „Das kann auch eine kleine Pfütze am Wegesrand, ein Tümpel im Wald oder ein großer See sein“, sagt Biologe Langguth. Die Brutzeit beträgt nur zwei bis vier Wochen. Bis zu acht Generationen gibt es dann im Jahr, sagt Mückenexpertin Doreen Walther.

Was hilft gegen die Plagegeister? „Auf keinen Fall kratzen“, empfiehlt Schmidt-Chanasit. Im Normalfall sind die klassischen Methoden ausreichend: Betroffene Stellen kühlen, Mückensprays und Salben aus der Apotheke holen und draußen lange Kleidung tragen. Bei dicken Schwellungen, die nur sehr langsam abklingen, rät er jedoch zu einem Besuch beim Arzt.

Von Saskia Bücker

Alarm im Blumenbett: Auch Hobbygärtner sind frustriert

Deutlich mehr Nacktschnecken kriechen dieses Jahr wegen der vielen Regenschauer durch Felder, Wiesen und über Grünflächen, sagt Reinhard Degener vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Zum Leidwesen vieler Hobbygärtner: „Alle zwei Wochen streue ich Schneckenkorn“, sagt etwa Kleingärtner Gerd Stöver. Unzählige verklebte Schleimspuren, tote Schneckenkadaver und angefressene Blätter zeugen in seinen Blumenbeeten von der Weichtierplage. Besonders beliebt: Die orangene Studentenblume. Stöver hatte sie in nahezu allen Beeten angepflanzt, um Mücken fernzuhalten. Die Drüsen an den Blatträndern stoßen einen strengen Duft aus. Der behagt vielen Insekten nicht, sodass sie abdrehen. Was Stöver zuvor allerdings nicht wusste: Schnecken finden das Blattwerk ausgesprochen appetitlich.

In seinem Kleingarten pflanzt Gerd Stöver (71) Studentenblumen: Mücken können ihren Duft nicht ausstehen. Dafür kommen die Schnecken. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
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