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Norddeutschland Straftaten in Landesunterkunft Boostedt 2018 mehr als verdoppelt
Nachrichten Norddeutschland Straftaten in Landesunterkunft Boostedt 2018 mehr als verdoppelt
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17:26 12.03.2019
Die Zahl der Straftaten innerhalb und außerhalb der Boostedter Flüchtlingsunterkunft ist in 2018 stark angestiegen. Quelle: dpa
Boostedt/Kiel

Ein Grund könnte die hohe Belegung der Landesunterkunft sein. Bereits zuvor war bekannt geworden, dass es in den vergangenen drei Monaten eine deutlich erhöhte Zahl an Anzeigen gegeben hatte (die LN berichteten). Den Angaben zufolge gab es im vergangenen Jahr in der Landesunterkunft 343 Straftaten.

2017 waren es 126 gewesen und in den Jahren zuvor 69 (2016) und 33 (2015). In der Gemeinde Boostedt selbst stieg die Zahl der Straftaten um fast 74 Prozent - von 207 auf 360. In allen Fällen wurden ausländerrechtliche Verstöße aus der Statistik herausgerechnet.

Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) nannte als einen Grund die fast drei mal so hohe Belegung der Landesunterkunft. Er wies den Vorwurf einer nicht transparenten Informationsarbeit zur Entwicklung der Kriminalitätszahlen in Boostedt zurück.

In der Landesunterkunft gab es 97 Rohheitsdelikte, davon allein 84-mal Körperverletzung. Außerdem weist die Statistik zweimal Mord/Totschlag und zwei weitere „Straftaten gegen das Leben“ aus sowie vier „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ – darunter war kein einziger sexueller Missbrauch. Außerdem gab es 44 einfache und 17 schwere Diebstähle sowie 28 Rauschgiftdelikte.

Mehr Straftaten auch außerhalb der Unterkunft

In der Gemeinde Boostedt schnellte die Zahl der einfachen Diebstähle in die Höhe – von 68 in 2017 auf 167 im Jahr 2018. Auch die Zahl der schweren Diebstähle stieg von 37 auf 64 stark. Dagegen sank die Zahl der „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ von vier auf zwei. Flüchtlinge waren beiden Fällen nicht tatverdächtig.

Im Februar 2018 lebten 1400 Flüchtlinge in Boostedt. Inzwischen ist die Zahl laut Innenministerium auf unter 900 gesunken. Bis Ende des Jahres soll die Zahl auf 500 sinken und in Notsituationen maximal 700 betragen. Seit der Wiedereröffnung der Landesunterkunft in Rendsburg Ende Februar geht die Flüchtlingszahl in Boostedt deutlich zurück. Damit dürfte auch die Zahl der Straftaten sinken, sagte ein Ministeriumssprecher.

Grote stellt am Donnerstag Polizeistatistik vor

Grote, der die Polizeiliche Kriminalstatistik 2018 für ganz Schleswig-Holstein und „selbstverständlich“ auch für Boostedt am Donnerstag in Kiel vorstellen wird, verteidigte das Informationsverhalten von Polizei und Ministerium. Er knüpfte an seine Äußerungen vom September im Landtag an. Damals hatte er betont, mit Straftaten von Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit genauso offen umzugehen wie mit jeder anderen Straftat.

Allein dass eine Straftat von einem Flüchtling oder einem Zuwanderer begangen werde, begründe für ihn kein gesteigertes öffentliches Interesse. „Dieser Maßstab gilt für mich heute noch, er wurde und wird eingehalten“, sagte Grote am Dienstag.

190 000 Straftaten, 4500 Presseerklärungen

Die Polizeidirektion Segeberg bewerte in ihrer morgendlichen Stabsbesprechung alle aktuellen polizeilichen Einsätze in der Landesunterkunft Boostedt auch mit Blick auf eine mögliche Pressearbeit. Zu berücksichtigen sei, dass die Polizei landesweit jährlich etwa 190 000 Straftaten erfasse, zu denen etwa 4500 Presseerklärungen abgesetzt würden. „Wenn ausschließlich für Boostedt aufgrund der dortigen Flüchtlingsunterkunft andere Maßstäbe für eine proaktive Pressearbeit angelegt würden, dann wäre das unverantwortlich“, sagte Grote.

Minister weist Bürgermeister-Kritik zurück

Der Minister wies außerdem die Kritik von Boostedts Bürgermeister Hartmut König zurück. Dieser hatte Grote vorgeworfen, die im vergangenen Herbst zugesagte Transparenz „nicht umfänglich“ eingelöst zu haben. Laut Grote hat es seit der Bürgerversammlung im Herbst 2018 mehr als zehn Kontakte von anlassbezogenen Gesprächen gegeben - etwa zu Selbstvergiftungen in der Landesunterkunft und dem vermeintlichen sexuellen Missbrauch eines Kindes sowie Einbrüchen und Kfz-Aufbrüchen über runde Tische bis hin zu konkreten Arbeitsgesprächen. „Ich habe großes Verständnis dafür, dass der ehrenamtlich tätige Bürgermeister bei weiteren Gelegenheiten, beispielsweise der Vorstellung des neuen Leiters des Landesamtes, verhindert war und sich vertreten ließ“, sagte Grote.

dpa