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Norddeutschland Studie: Tunnelbau stört Schweinswal kaum
Nachrichten Norddeutschland Studie: Tunnelbau stört Schweinswal kaum
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23:21 24.06.2013
Von Curd Tönnemann
Die Zahl der Schweinswale geht zurück. Kiel hält die Schadstoff-Belastung der Ostsee und den zunehmenden Lärmpegel für die Ursache. Quelle: Foto: NDR

Der Bau des Fehmarnbelttunnels zwischen Puttgarden (Ostholstein) und Rødbyhavn (Lolland) hat nur geringe Auswirkungen auf die Schweinswale in diesem Meeresgebiet. Das steht in einer Umweltverträglichkeitsstudie im Auftrag von Femern A/S, die die dänische Regierung der Öffentlichkeit Ende der Woche vorstellen will. Dabei machen die Tunnelplaner folgende Rechnung auf: Von den 2000 bis 3000 Schweinswalen, die sich im Sommer im Fehmarnbelt tummelten, würden durch die Bauarbeiten rechnerisch gerade mal sechs Tiere gestört. In Kiel erklärten BUND- Umweltschützer gestern, der Bestand an Schweinswalen sei akut in Gefahr. In der östlichen Ostsee lebten schon nur noch 600 Tiere.

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Die Zahl der Schweinswale geht zurück. Kiel hält die Schadstoff-Belastung der Ostsee und den zunehmenden Lärmpegel für die Ursache.

Für die Tunnelplaner ist die Umweltverträglichkeitsstudie ein wichtiger Meilenstein. Deshalb waren die Untersuchungen den Dänen 70 Millionen Euro wert. 2000 Seiten stark ist die dänische Fassung des Papiers, 5000 Seiten stark die deutsche Fassung, die erst im Herbst vorgestellt werden soll. Meeresexperten haben dafür unter anderem Flora und Fauna, Vogelzug und Meeresströmung untersucht — und die Schweinswale beobachtet. Von Land, aus der Luft und vom Wasser aus waren die Tiere regelmäßig gezählt worden. Tenor des Papiers, das den LN vorab vorliegt: Alles halb so schlimm.

Die Studie für Femern A/S will zwar nicht leugnen, dass der Schweinswal während der Tunnelbauarbeiten leidet: Zum einen entstehe Lärm durch zusätzlichen Schiffsverkehr im Belt. Zum anderen würden für die Arbeitshäfen auf Fehmarn und Lolland Spundwände in den Meeresboden getrieben, um im Flachwasser als Wellenbrecher zu fungieren. Das aber führe nur „kurzfristig“ zu Lärmemissionen. Auch die eingesetzten Nassbagger würden den Tieren nicht den Lebensraum rauben. Schließlich verursachten Scandlines-Fähren heute schon einen Schalldruck von 140 Dezibel, der nicht dazu geführt habe, dass Schweinswale das Gebiet meiden. Pfahlrammarbeiten wie beim Bau von Windparks seien um ein Vielfaches lauter.

Dass sich das Ostseewasser beim Verlegen des Absenktunnels trübe, stelle keine Beeinträchtigung für Schweinswale dar. Die Säuger nutzten bei ihrer Jagd Ultraschall zur Echoortung. Die Wissenschaftler hätten auch keine Anzeichen dafür gefunden, dass der 17 Kilometer lange Korridor für den Tunnel ein wichtiges Aufzuchtgebiet für Schweinswale sei.

Dem widerspricht Nikola Vagt, Vize-Leiterin beim Nabu Wallnau (Fehmarn): „Der Fehmarnbelt ist die Kinderstube der Schweinswale. Und junge Tiere sind nun einmal empfindlicher.“ Man könne nicht ausschließen, dass Tiere bei den Tunnelarbeiten sterben. Aufgrund der gesammelten Daten zu solchen Schlussfolgerungen zu kommen, wie Femern A/S es tue, nennt Vagt „grob fahrlässig“.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen deuteten darauf hin, so Femern A/S, dass Schweinswale sogar Nutznießer der Änderungen am Meeresboden sein könnten. Der Tunnelgraben könne mit seiner Gesteinsschutzschicht als künstliches Riff fungieren, das Fische anziehe. Die Schweinswal-Population in der westlichen Ostsee wird auf 20 000 Tiere geschätzt, davon halten sich im Sommer 2000 bis 3000 Schweinswale im Fehmarnbelt auf. Die kleine Zahl von sechs gefährdeten Tieren ergibt sich laut Femern-Sprecher Obinna van Capelleveen so: „Für die Studie ist die Gesamtpopulation auf die Tiere in der betroffenen ,Lärmfläche‘ heruntergerechnet worden.“ Dabei gehe man davon aus, dass die Nassbagger einen Schweinswal maximal im Umkreis von 870 Metern stören.

Unterdessen macht der Nabu auch gegen die Fischer Front: Stellnetze gefährdeten zahlreiche Meeresvögel, und eben auch Schweinswale — laut BUND ist das qualvolle Ertrinken in Stellnetzen häufigste Todesursache für sie. Langfristiges Ziel müsse ein Verbot dieser Fangmethode sein. Umweltminister Robert Habeck (Grüne) kündigte an, eine geänderte Küstenfischereiverordnung auf den Weg zu bringen.

Sie sehe die Einführung von Schutzgebieten vor. In drei Bereichen der Ostsee soll zu bestimmten Zeiten das Ausbringen von Stellnetzen untersagt werden. Dazu zählen Bereiche vor Nord- und Westfehmarn in der Zeit vom 15. Juni bis 15. September und 15. November bis 15. April — mit Ausnahmen für wissenschaftliche Untersuchungen.

Der „Ostsee-Flipper“
Der Schweinswal, auch Kleiner Tümmler genannt, ist die einzige an deutschen Küsten heimische Walart. Der Meeressäuger wird maximal 2,50 Meter lang und wiegt, abhängig von seiner Größe, 30 bis 200 Kilo. Anders als die mit ihnen verwandten Delfine haben Schweinswale einen runden Kopf mit stumpfer Schnauze.


Für die Studie im Fehmarnbelt untersuchte Georg Nehls von Bio Consult SH in Husum in den Jahren 2009 und 2010 die Bewegungen der „Ostsee- Flipper“ mit 30 Unterwasser-Abhörstationen. Sie zeichneten die akustischen Signale der Tiere auf. Außerdem wurden Schweinswale von Flugzeugen und Schiffen aus gezählt.


Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) outete sich erst jüngst als Fan der Meeressäuger. „Der Schutz der Schweinswale liegt mir besonders am Herzen“, sagte er bei einem Besuch im Ozeaneum in Stralsund (Mecklenburg-Vorpommern). Es gelte, Schweinswale effektiv zu schützen — unter anderem vor der Schallbelastung, die beim Bau von Windkraftanlagen auf hoher See entstehe.

Curd Tönnemann

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