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Norddeutschland Sünderdatei: Das analoge Zeitalter endet
Nachrichten Norddeutschland Sünderdatei: Das analoge Zeitalter endet
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20:37 29.12.2017
Meterweise Akten: Eine Mitarbeiterin steht im Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) an einem Regal. Doch die Papierberge haben bald ausgedient. Das Register wird nach und nach digitalisiert. Quelle: Foto: Carsten Rehder/dpa
Flensburg

. Am Steuer mit dem Handy telefoniert. Gedrängelt. Gerast. Nach drei Glühwein ins Auto gesetzt und nach Hause gefahren. Wer dabei erwischt wird, kassiert Punkte in Flensburg. Gesammelt werden sie beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in der sogenannten Verkehrssünderdatei. Sie ist 60 Jahre alt. Am 2. Januar 1958 ging das Register in Betrieb.

In Flensburg werden seit 60 Jahren Verkehrsverstöße dokumentiert – Punktesystem seit 1974.

Minister lobt Datei

Die Verkehrssünder-Datei in Flensburg hat sich nach Worten des geschäftsführenden Bundesministers Christian Schmidt (CSU) 60 Jahre nach ihrem Start bewährt. Die Kartei leiste „einen wichtigen Beitrag für mehr Verkehrssicherheit auf deutschen Straßen“, sagte Schmidt.

2016 gab es nach Angaben der Behörde rund 8,6 Millionen Punkte-Inhaber. Etwa 6,6 Millionen davon waren Männer. Die meisten Einträge gab es wegen Geschwindigkeitsverstößen. Bei Männern waren es 3,8 Millionen, bei Frauen 1,1 Millionen. Die Zahlen sind seit Jahren relativ konstant. Zum 1. Januar 2017 stieg der Bestand kurzfristig auf mehr als zehn Millionen Personen an – wegen der seit der Reform des Punktesystems im Mai 2014 verlängerten Tilgungsfristen.

Den Punktezählern in Flensburg wird die Arbeit wohl nicht so schnell ausgehen, glaubt der Geschäftsführer des Bundesverbandes niedergelassener Verkehrspsychologen, Rüdiger Born. „Es ist ja nicht naturgegeben, sich an Regeln zu halten.“ Viele Menschen bekämen in ihrer Autofahrerkarriere mal einen Punkt.

„Die überwiegende Zahl der Einträge wird innerhalb einiger Jahre aber wieder gelöscht“, so der Verkehrspsychologe. Sprich, der Autofahrer lerne dazu und halte sich eher an die Regeln, weil er weitere Punkte vermeiden wolle. Um so viele Punkte zu sammeln, dass der Führerschein entzogen wird, brauche es eine „große Beharrlichkeit“, sagt Born.

Hunderte Regalmeter in einem 60er-Jahre-Zweckbau in Flensburg sind gefüllt mit Hängeakten. Im Schredder im Keller des Gebäudes werden die Papier gewordenen Punkte nach Erlöschen vernichtet. Doch auch im Kraftfahrt-Bundesamt macht der digitale Fortschritt nicht Halt. „Noch gibt es sie zwar, die bekannten Ordner in den Hängeregistraturen“, sagt Präsident Ekhard Zinke. Doch dieses vertraute Bild sei bald Geschichte. Der Datenbestand werde nach und nach digitalisiert. Höchstens 20 Prozent der gespeicherten Personendaten sind noch auf Papier vorhanden, so eine Schätzung. Für Zinke zeugt die Digitalisierung „von der Fortschrittlichkeit und heutigen Modernität“ des vor 60 Jahren eingeführten Registers.

Am 2. Januar 1958 nahm das Verkehrszentralregister in Flensburg seine Arbeit auf. Der Grund: Der Autoverkehr nahm im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik Deutschland rasant zu, die Zahl der schweren Unfälle auch. Das Punktesystem gab es in den ersten Jahren des Registers allerdings noch nicht. 1974 wurde es eingeführt – aus einem traurigen Grund: Anfang der 70er Jahre war nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der Rekordwert von mehr als 21 000 Verkehrstoten zu beklagen.

Ob es ohne das Register mehr (tödliche) Unfälle und Regelverstöße gäbe, lässt sich schwer sagen. „Die wenigsten Unfälle werden mit Vorsatz verursacht“, hieß es im Sommer beim ADAC. Es komme immer wieder zu schweren Regelverstößen. „Dabei spielt häufig die Illusion eine große Rolle, jede Situation unter Kontrolle haben zu können.“

Birgitta von Gyldenfeldt

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