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Norddeutschland "Teamwork" bringt Schleswig-Holsteins Heulern zweite Chance
Nachrichten Norddeutschland "Teamwork" bringt Schleswig-Holsteins Heulern zweite Chance
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09:33 14.01.2017
Kegelrobben-Heuler "Mimi-Fleur" wartet auf dem Flugplatz Heide-Büsum auf den Weitertransport zur Seehundstation. Das Tier wurde auf Helgoland wegen extremen Untergewichts eingesammelt und soll nun aufgepäppelt werden. Quelle: dpa
Helgoland

Wenn die Kegelrobben im Winter ihre Jungen großziehen, herrscht auf Helgolands Düne dichtes Gedränge. Hunderte Tiere liegen dann nebeneinander an den Stränden, und in das Rauschen der Brandung mischt sich das Kreischen der Möwen und das Rufen der Robben. Seehundjäger Rolf Blädel behält jedoch den Überblick. Er merkt sofort, wenn irgendwo irgendetwas nicht stimmt: Zum Beispiel, wenn zwischen den mächtigen Tierleibern eine kleine Robben-Waise  verzweifelt nach ihrer Mutter sucht.

Woran er das erkennt? „Das hört man“, sagt Blädel. „Was meinen sie, wie die klagen können.“ Es ist der gleiche Ruf, mit dem ein Robben-Baby auch sonst nach seiner Mutter ruft, „aber ununterbrochen.“

Einen Laien kann das Heulen irritieren, bestätigt Tanja Rosenberger von der Seehundstation Friedrichskoog. Und berichtet von einem Touristen, der von einer Schiffstour zu den Seehundbänken mit einem Seehund-Baby zurückkehrte. Das Tier habe mutterseelenallein auf einer Sandbank gelegen, erzählte der Mann. Eine Fehleinschätzung, „weil die Mutter zwischendurch immer gern einmal ins Wasser geht“, erklärt der Seehundjäger. „Wenn sie zurückkommt, sucht sie ihr Junges genau an seinem Platz.“ Denn Robben-Babys „bleiben normalerweise genau dort liegen, wo sie geboren wurden“.

Doch Blädel muss nicht erst auf die Schreie eines Heulers warten, um Probleme zu erkennen. Schon gleich nach der Geburt sucht er nach Auffälligkeiten. „Wenn das Muttertier nach der Geburt nicht direkt neben dem Jungtier liegt, stimmt da etwas nicht: Das „Schnäuzeln“ der beiden ist wichtig, weil sie sich so gegenseitig ihren Geruch einprägen.“

Rund drei Wochen lang ist das Kegelrobben-Baby auf seine Mutter und die fetthaltige Muttermilch angewiesen. In dieser Zeit muss es sich eine isolierende Speckschicht anfuttern: „Sein Geburtsgewicht von 10 bis 14 Kilogramm auf rund 50 Kilo erhöhen“, erklärt die Biologin Tanja Rosenberger das Ziel. Manchmal klappt das nicht: „Wenn das Tier zu wenig gesäugt wurde, also ein unerfahrenes Muttertier sich nicht oft genug anbietet, zu gestresst ist oder sich ablenken lässt“, erklärt die Biologin.

So geschehen vor einigen Tagen auf Helgoland. Das Kegelrobben-Mädchen „Mimi-Fleur“ hatte extremes Untergewicht, „sie war zu schlapp war, um alleine klar zukommen“. Die kleine Robbe wog nur 16,7 Kilogramm. „30 Kilo wären für ein Weibchen in ihrem Alter schön“, sagt Rosenberger.

Statt die junge Robbe ihrem Schicksal zu überlassen, startete eine eingespielte Rettungs-Maschinerie: Blädel packte das Tier in eine Transportkiste, und lud diese ins nächste Flugzeug zum Festland. Auf dem Flugplatz Heide-Büsum wartete schon Tierpflegerin Sabrina Zurlo, um „Mimi-Fleur“ sofort weiter zur Seehundstation Friedrichskoog zu bringen. Dort wird die Robbe jetzt „aufgepäppelt“.

„Mimi-Fleur“ ist zurzeit nicht der einzige Gast der Seehundstation. Aktuell werden rund zehn junge Kegelrobben fit gemacht für ein Leben unter Artgenossen in der Nordsee, sagt Stationsleiterin Rosenberger. Zum Beispiel das „Weihnachtswunder“ von der Hallig Süderoog. Der Robben-Junge heißt „Nordwind“ und lag nach dem Heiligabend-Sturm zwischen den Schafen mit auf der Warft. „Zwei Tage musste er ausharren, bis das Wetter es zuließ, dass die beiden Hallig-Bewohner mit ihrem kleinen Boot nach Nordstrand rüber konnten, um das Tier an uns weiterzugeben“, berichtet Rosenberger.

Mittlerweile frisst „Nordwind“ schon ganzen Fisch selbstständig. Die anderen Kegelrobben kamen unter anderem von Amrum und von Sylt, oder wurden nach den Stürmen am Strand von Sankt Peter-Ording und am Eidersperrwerk gefunden.

Seehundjäger und freiwillige Tierschützer, Fährschiff-Reedereien, der Sylt-Shuttle, und eine Fluggesellschaft sorgen dafür, dass Seehund-Waisen schnell und kostenlos in die Seehundstation Friedrichskoog kommen. Manche haben Bissverletztungen, wenn sie an Bullen gerieten, die zu den Weibchen wollten. „Die müssen ärztlich behandelt werden“, erklärt Rosenberger. Bei anderen wie „Mimi-Fleur“ geht es nur um Ruhe und Ernährung. Doch eins haben sie alle gemeinsam: Das Zusammenspiel vieler und zum Teil ehrenamtlicher Helfer gibt den Heulern eine zweite Chance.

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