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Norddeutschland Teure Hochzeiten: Standesbeamte sollen abkassiert haben
Nachrichten Norddeutschland Teure Hochzeiten: Standesbeamte sollen abkassiert haben
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22:41 25.10.2013
Außergewöhnliche Hochzeits-Locations wie hier am Nordsee-Ufer liegen im Trend. Auf Amrum wollten Beamte daraus ein Geschäft machen. Quelle: dpa
Flensburg

Sechs Standesbeamte stehen seit gestern in Flensburg vor Gericht. Ihnen werden gemeinschaftliche Untreuehandlungen vorgeworfen. Laut Anklage haben die drei Frauen und drei Männer auf der Insel Amrum von Brautpaaren für Trauungen außerhalb der Dienstzeiten überhöhte Gebühren verlangt. Pro Trauung sollen sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft 100 Euro extra in Rechnung gestellt haben — und das in fast 300 Fällen. Das Geld sei dann auf ein eigenes Konto eingezahlt worden, für das die Angeklagten im Alter zwischen 31 und 52 Jahren eigens eine Gesellschaft gegründet hätten. Für eigene Zwecke sei es untereinander aufgeteilt worden. Die Tatvorwürfe beziehen sich auf den Zeitraum 2005 bis 2009.

Mehrere Verteidiger stellten zu Beginn der Verhandlung vor dem Landgericht den Antrag, die Anklageschrift nicht zu verlesen und stattdessen das Verfahren einzustellen. Die Schrift weise wesentliche Mängel auf. So fehlten Hinweise darauf, dass die Angeklagten die Absicht hatten, andere zu schädigen. Auch sei der „bloße Anschuldigungscharakter“ der Anklageschrift nicht gewahrt worden. Die Vorwürfe würden geschildert, als seien sie bereits erwiesen. Zudem gebe es keine ausreichend konkreten Zeitangaben, einige Zahlen widersprächen sich sogar. Die Tatvorwürfe beziehen sich auf einen Zeitraum von fünf Jahren. Eine Angeklagte habe mit den Brautpaaren keinerlei Gespräche über Zahlungen geführt, unterstrich ein Verteidiger. „Er kann gar nicht erkennen, was er gemacht haben soll“, sagte ein anderer Anwalt über seinen Mandanten.

Zudem bezeichneten einige Verteidiger die Besetzung des Gerichts als vorschriftswidrig. Es handele sich um „nicht gesetzliche Richter“, da das Verfahren von einer ursprünglich zuständigen Strafkammer auf eine andere, neu gebildete, übertragen wurde. Das Gericht wies den Antrag auf Nichtverlesung zurück. Die Entscheidung über den Antrag auf Einstellung wurde zunächst zurückgestellt.

Nach der Verlesung Hunderter Fälle äußerte sich zunächst keiner der Angeklagten. „Sie kann sich nicht einlassen“, sagte einer der Verteidiger über seine Mandantin — aufgrund der Ablehnung der Richter und Schöffen und der „unrechtmäßigen“ Verlesung der Anklageschrift. Die Verhandlung wird am Mittwoch fortgesetzt. Trauungen sowohl außerhalb der Öffnungszeiten als auch der Räumlichkeiten des Standesamtes sind nichts Ungewöhnliches (siehe unten). Allerdings gelten auch dafür feste Regeln. Laut der Landesverordnung über Verwaltungsgebühren dürfen Trauungen außerhalb der üblichen Öffnungszeiten oder außerhalb der Amtsräume lediglich 80 Euro mehr kosten. Trifft beides zu, dürfen die Mehrkosten nur 120 Euro betragen. Auch die Orte und Zeiten sind in jeder Gemeinde festgeschrieben.

Genau das würden viele Brautpaare aber nicht wahrhaben wollen, sagt Regina Tege Standesamtsleiterin in Lübeck: „Viele haben sich da etwas in ihren Kopf gesetzt: Eine Hochzeit im eigenen Garten oder ganz woanders.“ Wenn die Paare die Auskunft erhalten, dass das nicht möglich sei, würden einige versuchen, die Standesbeamten mit Geld zu locken. Bestechung also. In Lübeck würden die Paare damit allerdings auf Granit beißen, so Tege. Dabei würden die angebotenen Sonnabend-Trauungen bereits auf einem Freiwilligkeits-Prinzip der Beamten basieren: „Der Standesbeamte hat da von den Zusatzgebühren nichts. Er erhält lediglich die Stunden ausgeglichen“, erklärt Tege, die froh ist, dass der Fall von Amrum an die Öffentlichkeit gekommen ist.

Heiraten auf dem Wasser, im Schloss oder im Sand
80 Euro Zusatzkosten entstehen, wenn die Trauung von einem Beamten außerhalb der Räumlichkeiten des Standesamtes vorgenommen wird.

In Lübeck ist das auf der Viermastbark „Passat“ von März bis Oktober möglich. Ebenfalls an Bord kann man sich in Malente-Gremsmühlen auf der weißen Flotte das Ja-Wort geben.
Vier außergewöhnliche Ort zum Heiraten bietet Eutin an: Das Schloss, das Jagdschlösschen in Sielbeck am Ukleisee, die Dunkersche Kate in Bosau sowie die Wisser-Kate in Braak.

In Dahme können Paare auf dem Leuchtturm heiraten, auf Sylt unmittelbar am Strand — und in Grömitz sogar in der Tauchglocke, drei Meter unter der Meeresoberfläche.

jwu

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