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Norddeutschland Tierpfleger – kein Job für Weicheier
Nachrichten Norddeutschland Tierpfleger – kein Job für Weicheier
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13:17 16.07.2016
Ein Kakadu sitzt im Weltvogelpark Walsrode auf der Schulter von Tiertrainer Lech Bretschek. Quelle: Fotos: Arnold/dpa
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Walsrode

. Keinen hält es mehr in seiner Box, die Tukane hüpfen und betteln aus Leibeskräften. Wolfgang Magnus lässt sich von der lautstarken Truppe nicht aus der Ruhe bringen. „Ohne Gelassenheit ginge es nicht“, sagt der Zootierpfleger und greift nach Futterschale und Pinzette. Magnus arbeitet auf der Babystation des Weltvogelparks Walsrode in der Lüneburger Heide. In dem 24 Hektar großen Park leben 4000 Vögel und 650 verschiedene Arten.

Dreckspatzen und Morgenmuffel sind hier fehl am Platz. „Du bist die Putzfrau für die Tiere“, sagt Flugschauleiter Lech Bretschek. „Vor Parköffnung muss es sauber sein“, betont seine Kollegin Cindy Quade, die in der kleinen Schau- Aufzuchtstation arbeitet. Dort können die Besucher hinter Glas die Handaufzucht von ein paar „robusten“ Jungtieren verfolgen. Wenn Quade den noch nackten Ara zum Füttern aus dem Inkubator holt oder die vollgekotete Papp-Unterlage des Gänsegeiers wechselt, schauen ihr etliche Augenpaare auf die Finger.

Das Gros der jährlich rund 400 bis 500 Handaufzuchten wird jedoch im Verborgenen aufgepäppelt. „Das ist schon mit der anstrengendste Job im Park“, sagt Tierarzt Andreas Frei. Die Jungtierpfleger arbeiten in zwei Schichten, die Futterrunde läuft im Zwei-Stunden- Takt. „Sie müssen strikt darauf achten, dass jeder was bekommt“, sagt Frei. „Wenn sie zwei, drei Mal nichts fressen, sind sie schon tot.“ Der Tierarzt lebt auf dem Parkgelände, so ist er im Notfall schnell zur Stelle: „Vögel sind recht undankbare Patienten, sie verbergen es lange, wenn sie krank sind.“

Die Ausbildung zum Zootierpfleger ist begehrt. „Wir haben keine Probleme, die Stellen zu besetzen“, sagt Parksprecherin Sonja Buchhop. Manch ein Bewerber komme aber mit rosaroten Vorstellungen. „Die ganzen Sendungen, die im Fernsehen laufen, machen es uns nicht einfacher“, meint Bretschek. Potenzielle Lehrlinge müssen ein mehrwöchiges Praktikum absolvieren. „Da trennt sich dann der Traum von der Realität“, sagt Buchhop. Der Park ist von Mitte März bis Ende Oktober geöffnet, während der Saison arbeiten dort 130 Menschen, ganzjährig sind es 65. Für einige ist schon die Futterküche eine Herausforderung. Auf dem Speiseplan der 4000 geflügelten Schützlinge stehen Obst, Gemüse, Fisch oder Fleisch. Die Mahlzeiten werden jeden Morgen ab 6 Uhr zubereitet. „Man muss einen harten Magen haben“, sagt Bretschek. Etwa beim Zerkleinern hunderter Futterküken oder beim Arbeiten am Fleischwolf. „Manche werden ganz blass dabei.“

Auch die Fliegenzucht im Kolibrihaus mit zermatschten Bananen sei nichts für schwache Mägen, sagen Ana Lage und Carlos San Gil. Die beiden betreuen drei Dutzend Kolibris. Zwei Mal am Tag bekommen die kleinsten Vögel der Welt aus Pulver angerührten Nektar. Der enthält zu 80 Prozent Kohlenhydrate, dazu kommen Vitamine und Mineralien. Die Fliegen liefern das Protein. „Wir müssen auch alle eineinhalb Stunden gucken, ob sie fressen oder ob die Nektarröhrchen verstopft sind“, sagt die Spanierin. Kolibris sind Einzelgänger, kommen nur in der Balz zusammen. Das Brutgeschäft übernimmt das Weibchen – wenn es sich nicht um die Eier kümmert, springen die Pfleger ein. „Erfüllend“ findet Ana ihren Job: „Es lohnt sich, obwohl es sehr anstrengend ist.“

Zwei Mal täglich läuft eine Flugshow. Im Training sind fast 100 Tiere, Handaufzuchten oder aus schlechter Haltung gerettete Vögel. So wie Graupapageidame Ronja, die einst ohne Artgenossen in einem Wohnzimmer lebte. „Wir arbeiten viel über Beziehungen. Mit jedem Vogel hast du ein Ritual. Die Tiere machen nichts falsch, nur die Pfleger“, sagt Bretschek. Besser als mit der Show könne man die Vögel nicht beschäftigen.

 Berit Böhme

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