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Norddeutschland Torten werden zum Fall fürs Gericht
Nachrichten Norddeutschland Torten werden zum Fall fürs Gericht
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19:21 05.06.2015
Sylvia Zenz steht am Mittwoch, 17. Juni,  vor dem Amtsgericht Lübeck. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

 Mit feinen Pinselstrichen legt Sylvia Zenz gestern zum letzten Mal Hand an die Hochzeitstorte mit dem Eulenpaar – bald muss sie liefern, am späten Abend wird die kunstvoll gestaltete Süßigkeit schon verspeist. Torten zu verzieren, ist eine schöne und kreative, aber auch unschuldige Arbeit, sollte man meinen. Kaum vorstellbar, damit vor Gericht zu landen.

Doch Sylvia Zenz macht gerade eine andere Erfahrung. Am Mittwoch, 17. Juni, steht die 47-Jährige für ihre Arbeit vor dem Amtsgericht Lübeck. Das Ordnungsamt der Stadt Lübeck hatte ein Bußgeld von 633,50 Euro gegen sie verhängt, gegen das sie sich wehrt.

Nun hat sie es mit der Staatsanwaltschaft zu tun. „Das ist schon ein ganz komisches Gefühl“, sagt sie. „Ist es denn kriminell, was ich mache? Muss die Menschheit vor mir und meiner Arbeit geschützt werden?“ Die Gründerin von „Sugar Heart“ versteht die Welt nicht mehr. Sie sieht sich als freie Künstlerin, nicht als Handwer kerin.

Ihre Haupterwerbsquelle sei der Laden für Tortenzubehör in der Schönböckener Straße, außerdem gebe sie Kurse in ganz Deutschland und Österreich. Mit dem Verzieren von Torten nehme sie keinem Konditor die Arbeit weg.

Das beurteilt die Handwerkskammer Lübeck ganz anders. „Aus unserer Sicht ist das, was sie macht, eindeutig Konditorenhandwerk“, sagt Sprecher Ulf Grünke. Und deshalb müsse sie sich in die Handwerksrolle eintragen lassen. Die Kammer habe ihr eine Ausnahmereglung angeboten, weil sie keine Meisterin sei, aber das habe die Tortendesignerin abgelehnt, erklärt Grünke.

Die Eintragung in die Handwerksrolle koste 220 Euro pro Jahr, dazu kämen einmalige Gebühren von 108 Euro, rechnet er vor. Die Handwerkskammer habe den Fall dem Ordnungsamt der Stadt geschildert. Das Amt habe nach einer Prüfung das Bußgeld verhängt. Als Zenz Widerspruch gegen das Bußgeld einlegte, übergab die Stadt das Verfahren an die Staatsanwaltschaft. „Die Kammer ist vor dem Amtsgericht nur als Zeuge beteiligt“, stellt Grünke klar.

„Was, bitteschön, ist an dem, was ich tue, Handwerk?“, fragt Sylvia Zenz und erklärt, sie könne gar keine Torten backen, sondern sei darauf angewiesen, die Stücke von Konditoren zu kaufen. Sie sei eine „Traumkundin für jeden Konditoreibetrieb“. Nach der Gründung von „Sugar Heart“ hatte sie ihre Torten zunächst von der Konditorei Czudaj bezogen.

Jetzt arbeite sie mit ihrer Kollegin Nancy Weidemann von „Nancy Cake“ zusammen. „Ich fange da an, wo der Konditor aufhört“, sagt sie. Die Techniken, die sie beim Verzieren anwende, kämen im Konditorenhandwerk gar nicht vor und würden auch nicht gelehrt. „Es würde ja auch keiner auf die Idee kommen, von einem Künstler, der Bilder malt, zu verlangen, er müsse Malermeister sein und erst mal eine Malerlehre machen, bevor er seinen Beruf selbstständig ausüben kann“, argumentiert sie.

Zuerst habe die Kreishandwer kerschaft Ostholstein ihr unlauteren Wettbewerb und irreführende Werbung vorgeworfen und eine Unterlassungserklärung gefordert. Bei Zuwiderhandlung wären 4000 Euro fällig geworden, erzählt sie. Dieser Forderung habe sie widersprochen.

Dann habe sich die Handwerkskammer ihren Betrieb angesehen, sei aber bei ihrer Haltung geblieben. Als der „horrende Bußgeldbescheid“ in der Post lag, war das „der Punkt, an dem ich meine Anwältin eingeschaltet habe“. Für Sylvia Zenz geht es ums Prinzip. „Ich weigere mich, Handwerkerin zu sein oder mich zwingen zu lassen, eine zu werden.“

Unterstützung bekommt sie vom Berufsverband unabhängiger Handwerker (BUH). „Gerade im Raum Lübeck beobachten wir seit längerem einen hohen Ermittlungsdruck durch Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern, dessen Ziel es ist, sich die Konkurrenz mit dem Vorwurf der unerlaubten Handwerksausübung vom Leibe zu halten“, sagt Sprecher Jonas Kuckuk.

„Der Meisterzwang muss weg. Er durchbricht das Prinzip der freien Marktwirtschaft und bevormundet Anbieter wie Verbraucher“, sagt der Piraten-Abgeordnete Patrick Breyer.

Riesigen Zuspruch erntet Sylvia Zenz im Internet, wo sie ihren Fall schildert. Nach wenigen Stunden hatte sie schon 1200 Unterstützer auf Facebook und fast hundert Antworten mit guten Wünschen auf ihren Blogpost. „Ich dachte fast, mein Rechner explodiert“, sagt sie lachend – und freut sich auf Unterstützung bei ihrem Prozess.

Christian Risch

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