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Norddeutschland Toter Junge in Eutin: Die Betroffenheit ist groß
Nachrichten Norddeutschland Toter Junge in Eutin: Die Betroffenheit ist groß
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21:17 22.04.2016
2015 schockierte der Tod von Tayler (1) die Republik. Quelle: dpa
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Eutin/Lübeck

Immer wieder, wenn Kinder in der Obhut ihrer Eltern sterben müssen, stellt sich die Frage nach dem Warum. Tayler, Marko, Yagmur, Chantal — die Liste der Kindernamen, die allesamt für schlimme Schicksale hinter verschlossenen Türen stehen, wird jedes Jahr ein Stück länger. Jetzt kommt möglicherweise noch der Name eines kleines Jungen aus Eutin dazu, auch wenn für seine Mutter und ihren Partner weiterhin die Unschuldsvermutung gilt. Ob sie das Kind getötet haben, wie es die Kriminalpolizei vermutet, werden die weiteren Ermittlungen zeigen.

Doch schon jetzt macht der Fall die Menschen in Ostholstein und darüber hinaus tief betroffen. „Der Tod des kleinen Jungen macht uns alle sehr traurig“, sagte Anja Sierks-Pfaff, Sprecherin des Kreises Ostholstein. Martin Liegmann, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes (KSB) Ostholstein, spricht von „einem tragischen Fall“ wie auch die KSB-Landesvorsitzende Irene Johns. „Ich habe 30 Jahre Erfahrung im Bereich des Kinderschutzes — aber so etwas zu hören, macht mich immer noch rat- und fassungslos.“

Aber sind solche Tragödien zu verhindern? Mathias Pliesch, stellvertretender Leiter des Kinderschutzzentrums der Arbeiterwohlfahrt in Lübeck, ist sich da nicht sicher. Zwar habe sich in den vergangenen Jahren vieles getan, um Probleme innerhalb von Familien frühzeitig zu erkennen. So seien Vorsorgeuntersuchungen, bei denen Misshandlungen auffallen können, inzwischen verpflichtend und auch die Gesellschaft reagiere heutzutage sensibler auf Kindeswohlgefährdung. Vorherzusehen sei die Tötung eines Kindes aber kaum. „So etwas tun Eltern so gut wie nie vorsätzlich. Bei den Fällen, die wir kennen, handelt es sich entweder um einen erweiterten Suizid eines Elternteils oder um die Folge von Misshandlungen.“ So wie im Fall Tayler aus Hamburg. Das Baby starb im Dezember 2015 an den Folgen eines Schütteltraumas. Unter Tatverdacht steht der 27-jährige Lebensgefährte von Taylers Mutter. „Manche sind sich ihrer Kraft nicht bewusst und überschauen nicht, was sie ihren Kindern antun können“, sagt Pliesch.

Eine Todesgefahr für ein Kind vorherzusagen sei deshalb schwierig. „Selbst wenn beim Besuch des Familienbetreuers alles in Ordnung ist, kann sich eine Situation später dennoch zuspitzen.“ Bisweilen gebe es zwar warnende Hinweise. Allzu oft seien die aber erst im Nachhinein richtig zu deuten.

In schrecklicher Erinnerung ist unter anderem der Fall Marko aus Lübeck geblieben. Im Mai 2008 war der achtjährige Junge von seiner 46-jährigen Mutter mit Schlaftabletten betäubt und in der Badewanne ertränkt worden. Ihr anschließender Suizid scheiterte. Besonders traurig: Eine Freundin hatte die Polizei im Vorwege auf die Suizidgefahr und das Risiko für den Jungen hingewiesen. Aber die schritt nicht ein. Im November 2008 verurteilte das Landgericht die 46-Jährige wegen Totschlags zu sieben Jahren Gefängnis.

Bundesweit Schlagzeilen machte auch das Schicksal der dreijährigen Yagmur aus Hamburg, die im Dezember 2013 infolge andauernder Misshandlungen starb. Im November 2014 wurde Yagmurs Mutter wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, der Vater wegen Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen zu vier Jahren und sechs Monaten.

Zum Glück nicht zum Äußersten kam es im Fall des Bad Segeberger „Kellerkindes“. Ein Paar hatte seinen dreijährigen Sohn wochenlang in einem verdreckten Kellerraum eingesperrt. Das Amtsgericht verurteilte beide Ende 2014 zu einer Geldstrafe von 320 Euro. Ein Urteil, das damals sehr überraschte.

Statistik Kindstötungen

108 Kinder unter 14 Jahren wurden nach aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes im Jahr 2014 fahrlässig oder vorsätzlich getötet. 153 waren es im Jahr 2013, 167 im Jahr 2012. Seit dem Jahr 2000 wurden in Deutschland insgesamt 2931 Kinder Opfer eines Tötungsdeliktes. Jedes Jahr werden 3000 bis 4000 Kinder Opfer körperlicher Gewalt — das Dunkelfeld dürfte aber deutlich größer sein.

Von Oliver Vogt, Ulrike Benthien und Beke Zill

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