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Training für einen Kulturwandel

Eutin Training für einen Kulturwandel

Die Ermittlungspannen nach den NSU-Morden sind Anlass für ein neues Seminar an der Eutiner Polizeischule: Die Anwärter sollen lernen, sich in Minderheiten hineinzuversetzen. Wie wichtig das ist, zeigt der aktuelle Rassismus-Skandal.

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Gruppendynamik: In zahlreichen Übungen erleben die jungen Polizeianwärter als Teilnehmer der neuen Seminarwoche, wie Gruppenzugehörigkeiten die eigene Wahrnehmung und Haltung bestimmen.

Eutin. „Wissen Sie eigentlich, wie viele Übergriffe auf Flüchtlinge es im vergangenen Jahr in Deutschland gegeben hat?“ fragt Seminarleiter Jürgen Schlicher.

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Ermittlungspannen nach NSU-Morden sind Anlass für neues Seminar an Eutiner Polizeischule – Anwärter sollen lernen, sich in Minderheiten hineinzuversetzen – Wie wichtig das ist, zeigt der aktuelle Rassismus-Skandal.

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Kopfschütteln. Nein, das wissen sie nicht. „Vier. Pro Tag! Wie sehr treibt uns jeder Terroranschlag um“, sagt Schlicher, „aber die alltägliche Bedrohung bestimmter Gruppen nehmen wir gar nicht wahr.“

Schweigen. Die jungen Polizeianwärter gehören zu den ersten Teilnehmern einer gerade erst in ihre Ausbildung integrierten Seminarwoche unter der Überschrift „Interkulturelle Kompetenz“.

Der Unterricht soll sie für die Ursachen und Ausprägungen von Rassismus und Diskriminierung – auch in den eigenen Reihen – sensibilisieren. „Je bunter und multikultureller unsere Gesellschaft wird, umso wichtiger wird es auch für einen Polizeibeamten, mit dieser Verschiedenartigkeit umzugehen“ – so sagte es Jürgen Funk, bis vor wenigen Tagen Leiter der Eutiner Polizeischule. „Polizei ist ein Machtinstrument des Staates, und wir haben ein großes Interesse daran, dass unsere Polizeibeamten gegen jedermann ohne Vorurteile agieren.“

Die neue Unterrichtseinheit wurde aufgrund der Empfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses eingerichtet, der den Polizei- und Sicherheitsbehörden ein schweres Versagen in der Ermittlungsarbeit zu den Morden der Neonazi-Zelle anlastet und dazu aufforderte, eine neue Arbeits- und Fehlerkultur in den Dienststellen zu entwickeln: Die Reflexion der eigenen Arbeit und der Umgang mit Fehlern soll Gegenstand der polizeilichen Aus- und Fortbildung werden.

Erfahren, wie sich Diskriminierung anfühlt

Deshalb sitzen sie hier, etwa zwei Dutzend Anwärter der Landespolizeischule in Eutin, die gerade wegen massiver rassistischer Äußerungen in einer ihrer Ausbildungsgruppen in die Schlagzeilen geraten war. Auch damit werden sich die angehenden Polizisten in dieser Woche auseinandersetzen müssen. Gerade noch haben sie selbst erlebt, wie es sich anfühlt, diskriminiert zu werden. Sie alle haben am „Blue Eyed Workshop“ teilgenommen, der die Teilnehmer zwei Gruppen zuordnet: Wer bei den „Blauäugigen“ landete, hat an diesem Tag sehr unangenehme Erfahrungen gemacht, wurde von den „Braunäugigen“ schikaniert, gedemütigt und abfällig behandelt. Basti, bärtig, blauäugig und meist gut gelaunt, sagt, er habe zum ersten Mal erlebt und verstanden, welche Gefühle und Reaktionen Diskriminierung auslöst. „Am wütendsten hat mich gemacht, dass alle Braunäugigen mitbekommen, was passiert – und einfach nichts tun.“

Auch die „Braunäugigen“, vom Seminarleiter geschickt manipuliert und bevorzugt, lässt das Rollenspiel nicht unberührt. An einer Tafel haben sie notiert, wie sie sich während des Workshops fühlten:

privilegiert, selbstbewusst, überlegen. Genervt von den aufbegehrenden „Blauen“ – und peinlich berührt davon, wie wenig sie für die Unterdrückten eintraten.

Seminarleiter Jürgen Schlicher hat den von der Amerikanerin Jane Elliot entwickelten „Blue Eyed Workshop“ vor gut 20 Jahren nach Deutschland gebracht. Als Trainer und Gründer von „Diversity Works“ (zu deutsch: Vielfalt funktioniert) bietet er zudem Schulungen zu interkultureller Kompetenz sowie Anti-Diskriminierungs-Trainings an. Nun hat sich die Polizeischule Eutin den Politikwissenschaftler als externen Trainer ins Haus geholt, um das Seminarkonzept als festen Bestandteil der Ausbildung zu etablieren und die eigenen Ausbilder darin zu schulen. „Der Unterricht fordert dazu auf, die Perspektive zu wechseln, die Rolle des Polizeibeamten zu verlassen und den Blickwinkel von Bürgern oder Randgruppen einzunehmen“, sagt Ausbilder Carsten Witt (47), der die Seminarwoche als Teilnehmer miterlebt.

Den Blickwinkel verändern

Die Ausbildungswoche beinhaltet zahlreiche Übungen, in denen die Polizeianwärter erfahren, wie sehr die eigene Brille ihre Wahrnehmung prägt. Was etwa passiert, wenn sich Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund begegnen? Jürgen Schlicher bildet zwei Gruppen, die untereinander höfliche Alltagsgespräche führen sollen: Wo warst du im Urlaub? – Wie war die letzte Party? Eine ganz lockere Übung, aber es kommt sehr schnell zu Irritationen.

Ablehnung und Aggressionen bauen sich auf, denn der Seminarleiter hatte den beiden Gruppen unterschiedliche „normale“ Verhaltensweisen zugewiesen, die der anderen Gruppe fremd waren. „Wie reagierst du, wenn dir jemand immer etwas zu nahe kommt? Wie wirkt einer, der dir nicht in die Augen schaut, weil das in seiner Kultur die Höflichkeit gebietet?“, fragt Jürgen Schlicher.

Immer wieder vollziehen die Schüler solche Perspektivwechsel. Sie erleben, wie Gruppenzugehörigkeiten und stillschweigende Annahmen das eigene Handeln bestimmen – und die Polizeiarbeit wie im Falle des NSU über viele Jahre in die falsche Richtung lenken, mit fatalen Folgen. Einen „strukturellen Rassismus“ bescheinigte die Sprecherin der SPD im NSU-Untersuchungsausschuss, Dr. Eva Högl, den Ermittlungsbehörden. „Wir brauchen einen Kulturwandel in der Polizei“, sagt Jochen Degner (59), Fachlehrer für Psychologie und Verhaltenstraining an der Polizeischule am Ende der Ausbildungswoche. „Wir brauchen eine Fehlerkultur, die nicht nach Schuldzuweisungen sucht, sondern nach den Ursachen des Fehlers fragt – und welche Strukturen vielleicht dazu geführt haben.“

Polizeischule im Fokus

Seit dem 1. August hat die Polizeischule in Eutin eine neue Führung: Michael Wilksen als Leiter und Maren Freyher als Vize-Chefin, 30 Jahre nach der Öffnung der Schutzpolizei im Norden für Frauen die erste Inhaberin eines solchen Postens im Land. Die beiden sollen die Ausbildung nach dem Sexismus- und Rassismusskandal im Sinne einer Bürger-Polizei modernisieren.

Ende 2014 hatten drei junge Anwärterinnen die damalige Schulleitung über sexuelle Belästigungen und fremdenfeindliche Posts durch und von männlichen Mit-Azubis unterrichtet. Die Beschuldigten wurden aber gar nicht dazu vernommen, Akten zu spät an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet und schließlich vernichtet. Disziplinarverfahren wurden erst eingeleitet, als Landtags-Pirat Patrick Breyer die Dokumente ein Jahr später wieder ausgrub und das Innenministerium eine neue Untersuchung anordnete. Schließlich wurde einer der jungen Männer aus dem Polizeidienst entlassen, gegen einen weiteren wird noch ermittelt.

Die Ausbildung in Eutin soll jetzt mehr Berufsethik und interkulturelle Kompetenz vermitteln. Wilksen und Freyher können dabei auf Projekte wie das hier im Artikel beschriebene aufbauen.

 Regine Ley

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