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Lübeck Trockengelegt

Die Schifffahrt steckt in der längsten Krise ihrer Geschichte. Inzwischen ist auch der Beruf des Matrosen bedroht.

Quelle: Lutz Roeßler

Lübeck. Wenn er auf die Anfänge zurückblickt, dann hat er die Sätze seiner Mutter in den Ohren. Wie sie damals zunächst stöhnte bei seiner Entscheidung. „Nicht noch einer“, hatte sie gesagt, sie kannte das ja, vom eigenen Vater, vom Ehemann, sie wusste, was sie erwartete. Sascha Hamm guckt sehr ernst, wenn er das erzählt. Wie der Vater teilweise zwölf Monate weg war, selbst bei seiner Geburt sei er auf See gewesen. „Da kann man nachvollziehen, dass sie einen nicht loslassen möchte“, an seinem Entschluss aber änderte das nichts. „Entweder, man steht dahinter, oder man tut es nicht.“ Sascha ist 21, er klingt wie ein alter Seebär.

Diejenigen, die alles verbockt haben, ziehen sich aus den Finanzierungen zurück. Das ist der Skandal.“ Holger Garbelmann, Leiter der

Seemannsschule Lübeck-Priwall

Er ist in Brunsbüttel aufgewachsen, er ist einer von 120 Auszubildenden an der Seemannsschule in Lübeck auf dem Priwall. In wenigen Tagen wird er seinem Ziel, eines Tages als Lotse auf der Elbe zu fahren, wie Generationen seiner Familie vor ihm, wieder ein Stück näher sein. Ende März sind Abschluss-Prüfungen, und wer den hochgeschossenen jungen Mann einmal kennengelernt hat, zweifelt nicht am Gelingen seiner Pläne. Zunächst also die Prüfungen, dann ab Herbst Nautikstudium in Flensburg, dann drei Jahre auf See, immer so weiter, Anfang, Mitte 30 dann, wenn es mit den Beförderungen klappt, Kapitän, und schließlich die Elbe, er hat den Plan genau im Kopf. Sascha hatte mal überlegt, Wirtschaft zu studieren, aber das ist lange her. „Ich kann mir nicht vorstellen, im Büro zu sitzen. Mich zieht‘s in die große weite Welt“, er sagt es genau so, sein ganzer Körper nimmt dabei Haltung an.

Sein Vater war 16, als er begann, als Decksmann zu arbeiten. Und während früher der Beruf des Matrosen so etwas wie ein Garant auf eine sichere Zukunft war, zerfasert jetzt irgendwie das Ganze, das lässt sich gut an Zahlen festmachen. 2007 bildete Deutschland noch 345 Schiffsmechaniker aus, 2008 waren es 308, 2009 schrumpften die Zahlen auf 257, 2014 waren es nur noch 197. Man könnte den Eindruck haben, der Beruf löst sich langsam in Wohlgefallen auf oder wie der letzte Schnee im Regen.

Man muss nicht viel Einfühlungsvermögen besitzen, um sich in etwa vorzustellen, wie es Holger Garbelmann damit geht. Seit sieben Jahren leitet er die Seemannsschule, er ist 48 Jahre alt, gerade feierte er Geburtstag, er hat den Tag wie die meisten anderen Wochentage in der Schule verbracht. Und jetzt steht er also da, ein höflicher, freundlicher Mann, er sagt: „Ich bin grundsätzlich niemand, der den Kopf in den Sand steckt, nur weil dunkle Wolken aufziehen, aber man kann sich gegen politische Entscheidungen nur schlecht wehren“, es soll nicht zu negativ klingen, aber es schmerzt doch. Schaut Garbelmann von seinem geräumigen Büro aus dem Fenster, blickt er auf die Pötenitzer Wiek; Wasser, Wiese, Wald, alles da, und vor allem: Stille, man könnte das jetzt symbolisch sehen.

Wie so häufig im Leben begann die Krise mit einer Party, nichts schien unmöglich Anfang der Jahrtausendwende, die Schifffahrt boomte, Reedereien kauften Schiffe, als gäbe es keinen Morgen mehr, es war eine heile, vor allem aber satte Welt, bis 2007/2008, dann kam die Wende, die Misere, die kein Ende nehmen wollte — bis heute. Es ist die längste Krise der Schifffahrt. Schluss mit Pulsschlag, Ideen ausgeträumt. Zwar besitzt Deutschland noch immer eine der weltgrößten Handelsflotten, von den etwa 2845 Schiffen aber fahren nur noch 345 unter deutscher Flagge, schon bald werden es wohl keine 100 Schiffe mehr sein. Weil sich damit viel Geld sparen lässt. Weil man so die Löhne drücken kann. Und wenn passiert, was das Verkehrsministerium andeutet, steht mit einer Änderung der sogenannten Schiffsbesetzungsordnung neues Unheil an. Danach könnte die Mindestzahl deutscher Seeleute auf deutschen Schiffen von vier auf zwei reduziert werden, man kann sich ausrechnen, was das für angehende Schiffsmechaniker wie Hamm bedeutet. „Billig, billiger, Billigflagge“, schrieb die „Zeit“.

Fragt man Holger Garbelmann, den Schulleiter, was er von all dem hält, antwortet er diplomatisch, er ist alles andere als ein sturer Kopf. „Grundsätzlich sollte man anerkennen, dass Qualität einen gewissen Preis hat, und den sollte man bereit sein zu zahlen, dann würde sich vieles regulieren.“ Er hält nichts von einseitiger Schuldzuweisung und spricht davon, dass es nicht den bösen Reeder gebe, „den gibt es sicher auch“, aber es gebe eben auch die anderen, die zu ihren Leuten und zu ihren Worten stehen, „Aber irgendwann sind die alle am Limit.“ Der eigentliche Skandal jedoch sei, dass heute Banken Schiffsfinanzierungen nicht mehr sicher stellen wollen, „wenn zum Beispiel das Schiff nicht ausgeflaggt ist, wenn nicht sicher gestellt ist, dass die Betriebskosten so gering wie möglich gehalten werden“. „Diejenigen also, die alles verbockt haben, ziehen sich jetzt aus den Finanzierungen zurück.“ Garbelmann hat die Hände in den Hosentaschen, es ist ein schwieriges Thema.

„Geht nicht, gibt‘s nicht“, diesen Satz lernt jeder Seemann. Er ist an einem Punkt angelangt, von dem er nicht weiß, wie es weiter geht. Die Anmeldungen für den nächsten Ausbildungs-Block zu Ostern seien zwar okay, wenn sich aber tatsächlich die gesetzlichen Vorgaben ändern, „dann, ja dann, dann lassen Sie uns nächstes Jahr nochmal telefonieren, dann wissen wir, wie schlimm es wird.“ Er sagt es langsam, beinahe stockend.

Sascha Hamm, der angehende Schiffsmechaniker, hatte sich bei zehn, zwölf Reedereien um einen Ausbildungsplatz beworben; die meisten winkten ab, statt auszubilden bauen die meisten Häuser in großem Stil ab, er ist dann bei der Reederei Hermann Wulf in Glücksstadt untergekommen. Früher waren sie 30 Lehrlinge, heute sind sie zu zweit, sie werden, so ist zu befürchten, die Letzten der Reederei sein.

Stirbt der Beruf des deutschen Seemanns also aus?

Schulleiter Holger Garbelmann sagt. „Ich glaube zwar nicht, dass es in fünf Jahren keine deutschen Seeleute mehr an Bord großer Schiffe gibt. Aber es wird natürlich immer schwerer.“ Sascha Hamm sagt:

„Die Seefahrt war schon immer ein Auf und Ab. Es gab immer Krisen. Man muss sich darauf einlassen.“ Blickt er zurück auf die Anfänge, dann hat er seinen Vater noch im Ohr. „Bist du dir sicher?“, hatte er ihn gefragt. Was für eine Frage. Er ist es bis heute.

Vom Matrosen zum Kapitän

Lehrjahre sind keine Herrenjahre , und wer Kapitän werden will, für den gilt: Zehn Jahre dauert in der Regel der Weg. Zur Ausbildung gehören Schiffsführung und -technik, Navigation und Kommunikation, sicherer Umgang mit der Ladung, aber auch Personalführung. In Deutschland können Abiturienten eine dreijährige Lehre zum Schiffsmechaniker machen und dann zum Beispiel am Institut für Schiffsbetrieb und Seeverkehr der Fachhochschule Hamburg vier Jahre studieren. Das Studium schließt mit dem Offizierspatent ab, danach müssen die Schiffsoffiziere weitere drei Jahre Fahrzeit nachweisen, bevor sie das Kapitänspatent erhalten. Wer fünf Jahre „außer Dienst” ist, muss das Patent erneut beantragen.

Karriere in der Seeschifffahrt

1969 wurde aus dem Matrosen der Junggrad und seit 1986 heißt die offizielle Berufsbezeichnung Schiffsmechaniker. Die Ausbildung dauert drei Jahre, danach sticht der Schiffsmechaniker in See. Große Nachfrage hat die Schifffahrt seit einigen Jahren aber nicht mehr nach Schiffsmechanikern. Das Gros der Mannschaft auf den riesigen Conatinerschiffen wird zumeist von zehn bis 15 philippinischen Seeleuten gestellt, die keine Ausbildung nach deutschem Standard haben. Aktuell bilden hierzulande noch 55 Redereien aus; stärkste Ausbildungsreederei ist Hapag Lloyd mit 85 Auszubildenden. Die angehenden Seeleute absolvieren unter anderem eine praktische Ausbildung an Bord von Ausbildungsschiffen — die Anerkennung der Ausbildungsschiffe und die Überwachung der praktischen Ausbildung obliegt der Berufsbildungsstelle Schifffahrt e.V. in Bremen. In Deutschland gibt es drei Seemannsschulen: die Schleswig-Holsteinische Seemannschule auf dem Priwall in Lübeck, das AFZ Aus- und Fortbildungszentrum in Rostock und das Maritime Kompetenzzentrum GmbH in Elsfleth, Niedersachsen.

Mehr Informationen

Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt e.V: www.berufsbildung-see.de

Telefon: 0421/ 173 67-0 .

Von Marion Hahnfeldt

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