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Norddeutschland Eine Nacht in der Notaufnahme
Nachrichten Norddeutschland Eine Nacht in der Notaufnahme
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12:40 10.03.2019
Ein Notfallpatient, der mit dem Hubschrauber eingeflogen wurde, wird im Verbrennungszentrum behandelt. Jetzt geht es darum, die verbrannte Haut mit warmem Wasser abzuwaschen – ein schmerzhafter Prozess.
Lübeck

Jede Minute zählt. Rettungshubschrauber „Christoph Berlin“ landet auf dem Hubschrauberlandeplatz am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH). Wenige Meter entfernt vom Landeplatz steht ein Rettungswagen für den Transport des Verletzten zum Verbrennungszentrum bereit, ein Team aus Ärzten und Krankenpflegern wartet dort bereits auf den Patienten. Auch wenn das Zentrum nur rund 250 Meter vom Hubschrauberlandeplatz entfernt liegt – der Weg wird mit dem Wagen zurückgelegt.

Entscheidungen müssen binnen Sekunden gefällt werden: Welcher Patient hat Priorität?

Zeit ist in der Notaufnahme knapp. Rund 42 000 Notfallpatienten kommen pro Jahr in die Interdisziplinäre Notaufnahme (INA) am UKSH, da müssen schwere Entscheidungen binnen Sekunden gefällt werden: Welcher Patient hat Priorität? Bei wem steht möglicherweise gar das Leben auf dem Spiel? Und wer kann warten – trotz Schmerzen? „Auch wenn die Patienten das so natürlich nicht sehen – wer warten muss, kann von Glück sprechen“, sagt Dr. Sebastian Wolfrum, Ärztlicher Leiter der INA.

Wird ein Patient mit dem Rettungswagen in die Notaufnahme gebracht, wird die Rettungsleitstelle des UKSH vorab informiert, so dass Ärzte und Pfleger sich im Ernstfall auf den eintreffenden Notfall vorbereiten können. Wenn das Leben eines Patienten auf dem Spiel steht, heißt es für sie meist: „Schockraum sofort!“ Dann muss alles stehen und liegen gelassen werden.

Zur Multimedia-Recherche: So funktioniert die Notaufnahme im UKSH Lübeck

Jetzt muss alles schnell gehen

Bei dem Patienten aus dem Hubschrauber handelt es sich um einen solchen Notfall. Der Mann wurde bewusstlos in der Sauna gefunden, mit starken Verbrennungen – soviel weiß das Ärzteteam aus dem UKSH bereits. Die Rotorblätter des Helikopters sind zum Stillstand gekommen. Jetzt muss alles schnell gehen.

Die Türen des Hubschraubers fliegen auf, Notarzt Marcel Richter und Notfallsanitäterin Ellen Tiedt springen heraus, ziehen die Trage samt Patienten aus dem Bauch der Maschine. „Sie legen Ihre Hände wieder so schön auf den Bauch, in Ordnung?“, sagt Richter mit ruhiger Stimme, die Hand sanft auf der Schulter des Patienten ruhend. Die Liege wird in den Transportwagen geschoben, Türen knallen, der Motor heult auf. Jeder Handgriff sitzt. Dr. Uwe Krüger, Oberarzt am UKSH, läuft los, im Eilschritt hinter dem Einsatzwagen her.

Im Verbrennungszentrum ist es zwischen 38 und 40 Grad warm

Als Krüger zwei Minuten später den Transportwagen einholt, schieben Notarzt Richter und Tiedt die Trage mit dem Patienten bereits in Richtung Fahrstuhl. „So, Sie haben es gleich geschafft, ja?“, sagt Ellen Tiedt mit heller Stimme. Von Bergen auf Rügen bis hier ans UKSH in Lübeck hatte das Rettungsteam den Patienten heute Abend geflogen; das ist eine Luftlinie von gut 190 Kilometern. „Wenn Sie privat geflogen wären, wäre das sehr teuer geworden“, sagt Krüger schmunzelnd.

Die Türen des Fahrstuhls öffnen sich. Zur Übergabe schieben die Notärzte den Patienten in einen Vorraum, gerade groß genug für sie selbst, zwei Tragen und das von hieran übernehmende Ärzteteam. Ein Hitzeschwall lullt Patienten und Rettungssanitäter sofort ein. Zwischen 38 und 40 Grad warm ist es in dem Verbrennungszentrum, bei beinahe 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das ist wichtig, denn bei hochgradigen Verbrennungen kann der Patient seine Körpertemperatur nicht mehr richtig regulieren. Im Verbrennungsbad, kurz V-Bad, muss die verbrannte Haut mit warmem Wasser abgewaschen werden, ein sehr schmerzhafter Prozess. Der Patient muss unter Narkose gesetzt werden. „Die Haut muss runter, weil sie keine Funktion mehr hat und zur Infektionsquelle wird“, sagt Krüger.

Jeder Tag, jede Nacht ist anders. Zeit ist knapp, schwierige Entscheidungen müssen binnen Sekunden gefällt werden – Behandlungsprioritäten können sich minütlich verschieben.

Patient wurde bewusstlos vor einer Sauna gefunden

„Der Patient wurde in Bauchlage bewusstlos im Vorraum einer Sauna gefunden. Er ist 88 Jahre alt. Kreislauf ist stabil“, bringt Notarzt Marcel Richter die Ärzte am UKSH auf den aktuellen Stand. „Jetzt zum Verletzungsmuster – also 30 Prozent Verbrennungen insgesamt. Davon etwa 20 bis 25 Prozent Verbrennungen ersten Grades. Einigermaßen überschaubar also. Der Patient hat keine Vorerkrankungen, nimmt keine Medikamente, und Allergien sind auch nicht bekannt.“

Alle nicken. „Die Daten von seiner Ehefrau und seinem Sohn haben Sie hier auch“, ergänzt Richter und blättert seine Mappe durch. Dr. Sally Kempa lächelt und tritt neben den Verletzten. „Herr Müller*, wie geht es Ihnen? Ich bin Dr. Sally Kempa, Ihre behandelnde Ärztin. Wir werden Sie jetzt auf die andere Liege legen – können Sie Ihre Beine nach rechts schieben?“, fragt sie mit einem aufmunternden Lächeln und berührt vorsichtig seinen Arm. Müller nickt und schiebt seine Beine mithilfe der Sanitäter und Ärzte auf die andere Liege. Die Tür zum OP-Saal geht auf, verschluckt Ärzte und Patienten.

Erlitt der junge Mann einen Herzinfarkt?

In der Notaufnahme macht Schwester Grit Hadler eine Übergabe. Die Rettungsassistenten hatten Ryan Thatford soeben ins Krankenhaus gebracht. Eine Nachricht, die er nach Dienstschluss bekommen hatte, hatte ihn in Rage versetzt. „In meinem Kopf ist alles ganz heiß geworden und ich habe einen starken Druck in der linken Brust verspürt, mein Arm ist auch ganz taub geworden“, beschreibt Thatford seine Symptome.

Wenngleich Thatford noch sehr jung ist – einen Herzinfarkt können die Ärzte nicht ausschließen. Hadler rattert einen Fragenkatalog herunter. „Auf einer Skala von eins bis zehn – wie groß sind Ihre Schmerzen?“ Ryan Thatford überlegt einen kurzen Moment: „Vorhin zwischen sieben und acht, jetzt nur noch so zwischen drei und vier.“ Hadler überträgt die Informationen in das System.

Das bedeuten die Dringlichkeitsstufen in der Notaufnahme

Das sogenannte Manchester-Triage-System (MTS) hilft Krankenpflegern durch einen standardisierten Fragenkatalog, eine erste Einschätzung des Zustandes des Patienten vorzunehmen und so Behandlungsprioritäten für die Ärzte zu setzen. Das Beschwerdebild, dargestellt in verschiedenen Farben, zeigt so in fünf Dringlichkeitsstufen, innerhalb welcher Zeit ein Patient von einem Arzt untersucht werden muss.

Dringlichkeitsstufe Eins – Rot – bedeutet, dass der Patient sofort von einem Arzt untersucht werden muss. Die Farbe Orange signalisiert, dass ein Arzt den Patienten sehr dringend, innerhalb von zehn Minuten, untersuchen muss. Stufe Drei ist gelb und impliziert, den Patienten spätestens nach 30 Minuten von einem Arzt untersuchen zu lassen. Die Farben grün und blau bedeuten eine längere Wartezeit von 90 und 120 Minuten.

Die Notrufnummer 112: Der direkte Weg in die nächste Leitstelle. Hier werden die Rettungsdienste koordiniert. DRK, ASB und Johanniter unterstützen die Berufsfeuerwehr beim Rettungsdienst in Lübeck.

Die Behandlungsprioritäten können sich minütlich verschieben

Bei Ryan Thatford flimmert der Bildschirm orange auf. Zehn Minuten. Hadler rollt sein Bett in den Behandlungsraum. Bildschirme piepen, flimmern. Krankenpfleger und Schwestern schieben sich aneinander vorbei, sichten Unterlagen anderer Patienten, nehmen ihnen Blut ab. Thatford scheint all das nicht zu kümmern. „Ich bin doch jetzt in guten Händen“, sagt er und lächelt müde. Hauke Tews, Assistenzarzt, tritt an Thatfords Bett. „Wir werden gleich ein EKG machen und Ihnen Blut abnehmen. Es ist aber wahrscheinlich nichts Ernstes.“

Mit dem Stethoskop horcht er Thatfords Herz ab, tastet Bauch und Brust ab. „Ich komme dann gleich noch einmal wieder“, sagt er, lächelt und ist schon beim nächsten Patienten. Für das EKG klebt Schwester Julia Elektroden auf die Brust Thatfords. Dann piept ihr Funkgerät: „Schockraum sofort!“ Ein neuer Notfall ist reingekommen. Die Behandlungsprioritäten haben sich verschoben. Für Schwester Julia das Signal, in den Schockraum zu laufen. Sofort.

*Name geändert Zur Multimedia-Recherche: So funktioniert die Notaufnahme im UKSH Lübeck

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Klicken Sie hier, um wichtige Tipps zu sehen, wie Sie bei einem Verkehrsunfall Erste Hilfe leisten können.

Josephine Andreoli

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