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Norddeutschland „Under fire!“ – Polizisten für Afghanistan
Nachrichten Norddeutschland „Under fire!“ – Polizisten für Afghanistan
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00:00 26.11.2012
Übungsszenario auf der Teerhofsinsel in Lübeck: Zwei Polizisten gehen hinter ihrem Fahrzeug vor einem Angriff der Taliban in Deckung und erwidern das Feuer.
Lübeck

Polizeioberkommissar Steffi S. (37) aus Bochum sitzt am Steuer des grünen Range Rovers. Sie trägt Stahlhelm und kugelsichere Weste, das Gewehr G 36 liegt griffbereit auf dem Beifahrersitz. Soeben haben sie und ihr Kollege den Architekten Jamal an der Baustelle für das neue Polizeigebäude irgendwo in Afghanistan abgesetzt. Vier Arbeiter sind dort beschäftigt.

Plötzlich eine Explosion. Schüsse fallen. „Oh, nein“, stöhnt Steffi S. und greift zum Funkgerät. „Under fire. Stand by.“ Da hastet schon ihr Kollege, Polizeikommissar Haroun G. (45) aus Berlin herbei, Jamal hält er am Arm. Sie steigen ein, Steffi gibt Gas. „Drei Bauarbeiter verletzt“, lautet die Meldung. „Schutzperson im Auto.“

Es ist eine typische Situation, wie sie in Afghanistan jeden Tag passieren kann. Diesmal nur eine Übung, denn hier, auf der Teerhofsinsel in Lübeck, werden Polizisten aus ganz Deutschland auf ihren Auslandseinsatz vorbereitet. „Jeder Lehrgang dauert vier Wochen“, informiert Friedrich-Wilhelm Britt, der Sprecher der Bundespolizeiakademie in Lübeck, die die Ausbildung durchführt. Diesmal sind es neun Teilnehmer. Wo genau sie in Afghanistan eingesetzt werden, wissen sie noch nicht. Auf jeden Fall aber an einem der Standorte, an denen auch die Bundeswehr präsent ist: Kundus, Masar-i-Scharif oder Kabul.

„In Afghanistan sind Deutsche an der Ausbildung afghanischer Polizisten beteiligt“, so Britt. „In Kabul haben wir außerdem eine Polizeiakademie mit aufgebaut.“ Was bedeutet: Die Kollegen aus Deutschland sind auf den Straßen des Landes am Hindukusch unterwegs, transportieren Personen und Gegenstände, müssen sich mit der Bevölkerung auseinandersetzen. Dabei kann es zu Konflikten kommen. „Darauf versuchen wir hier vorzubereiten.“

Was zum Beispiel ist zu tun, wenn man als Polizist einer aufgebrachten Menschenmenge gegenübersteht? Wie verhält man sich, wenn man als Geisel genommen wird? Was tun, wenn man mit dem Auto in eine Sprengfalle gerät?

Polizeihauptkommissar Christian Tuschik (48) aus Techau leitet diese Ausbildung seit Jahren. Er gibt die Lage aus: „Nach Koranverbrennungen ist die Bevölkerung aufgebracht. Sie haben den Auftrag, einen Kollegen am Trainingszentrum abzusetzen.“

Polizeikommissar Haroun G. ist diesmal der Gruppenführer, er brieft seine Leute an der Kühlerhaube des Geländewagens, die als Kartentisch dient. „Ein ganz normaler Fahrauftrag“, sagt Britt. „Die Kollegen wissen nicht, was ihnen dabei blüht.“ Er zwinkert. „Kann was passieren. Muss aber nicht.“

Natürlich passiert etwas. An einer Kurve lauert ein Taliban, dargestellt von einem Ausbilder. Mit einer Panzerfaust zielt er auf das erste der beiden Fahrzeuge des Polizei-Konvois und schießt. „Ein Fahrzeug ausgefallen“, krächzt es über Funk. „Gruppenführer verletzt.“ Die Polizisten nutzen die Autos als Deckung, feuern auf den Feind. Sie versuchen, Haroun zu bergen und sich mit dem verbliebenen, fahrbereiten Wagen zurückzuziehen.

Auch Erste Hilfe gehört zur Ausbildung. Steffi S., so will es die Übungsleitung, ist plötzlich angeschossen. Zwei Kollegen ziehen sie aus dem Auto in das deckende Gebüsch am Straßenrand. Während der eine sich mit dem Feind einen Schusswechsel liefert, bindet der andere die stark blutende Armwunde ab. „Dazu hat jeder Polizist ein Tourniquet“, erläutert Sanitätsausbilder Carsten Graßhoff (38). So lautet der Fachbegriff für den Riemen, den Polizisten für die Wundversorgung stets am Mann haben.

Übungsleiter Tuschik ist zufrieden mit den Leistungen der Kollegen. Er selbst war schon an allen Standorten in Afghanistan. „Die Übungssituationen, die wir hier in Lübeck trainieren, sind schon sehr realistisch“, schätzt er ein. Seit 2003 findet die Ausbildung auf der Teerhofsinsel statt. Wie es nach dem Abzug der Bundeswehr 2014 weitergehen wird, ist offen. War dann vielleicht alles umsonst? „Nein“, glaubt Tuschik. „Unser Konzept ist der Aufbau selbsttragender Strukturen. Wir werden unsere Einrichtungen an die Afghanen übergeben. Und hoffen, dass unsere Schüler bis dahin gelernt haben, wie sich ein Polizist in einem demokratischen Land verhält.“ Keine Selbstverständlichkeit, denn Korruption ist immer noch an der Tagesordnung in Afghanistan, auch unter Polizisten. Menschenrechte und das Folterverbot gehören zu den Dingen, die die Deutschen den einheimischen Ordnungshütern seit zehn Jahren vermitteln. Jahrhundertealte Traditionen und das traditionelle islamische Rechtssystem, die Scharia, sind dagegen tief im Weltbild der muslimischen Polizeischüler verankert. „Was die Methoden angeht, sind die Menschen auf dem Land in Afghanistan oft weit rückständiger als in der Hauptstadt Kabul“, meint der Ausbilder.

Allein die Korruption zu bekämpfen sei „eine Riesenaufgabe“. Ob afghanische Polizisten sich auch nach dem Abzug der Deutschen immer so korrekt verhalten werden, wie sie es gelernt haben, hält auch Tuschik für fraglich. „Es wäre eine Illusion zu glauben, dass wir das vollständig hinkriegen. Man kann es nur vorleben.“

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