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Unfälle mit vielen Verletzten: Horror für die Rettungskräfte

Itzehoe Unfälle mit vielen Verletzten: Horror für die Rettungskräfte

Wann ist ein Mensch wirklich tot? Notärzte müssen unter Druck richtige Diagnose stellen.

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Den Einsatzkräften auf der A 23 bei Itzehoe bot sich am Montag ein schrecklicher Anblick.

Quelle: dpa

Itzehoe. Itzehoe/Lübeck — Unfallopfer liegen in zerstörten Autos, Glassplitter und Trümmerteile säumen die Straße: Bei schweren Verkehrunfällen bietet sich den Rettungskräften ein dramatisches Bild. Ein Leitender Notarzt muss dann schnelle Entscheidungen treffen und den Einsatz koordinieren. Ist ein Unfallopfer leicht verletzt, schwer verletzt oder tot? Der Notarzt muss die Situation blitzschnell erfassen und die medizinische Behandlung einleiten. Ein sogenannter Massenanfall von Verletzten — wie aktuell in Itzehoe — stellt die Helfer vor besondere Herausforderungen.

„Wenn wir Rettungskräfte an eine Unfallstelle mit mehr als fünf Verletzten kommen, gelten andere Regeln“, erklärt Jan Höcker, Leitender Notarzt in Kiel. Zuerst müssten sie sich einen Überblick über die Unfallstelle verschaffen. „Wie viele Verletzte sind es? Brauchen wir mehr Kräfte? Das muss entschieden werden, um allen Patienten bestmöglich zu helfen“, sagt Höcker. Die Individualmedizin stehe dann nicht an erster Stelle, auch wenn dadurch ein Patient versterben könnte. „Das ist auch für erfahrene Retter eine schwere Aufgabe.“

Wenn dann dem Einzelnen geholfen wird, gehen die Rettungskräfte nach einem klaren Plan vor. „Zuerst sprechen wir die Menschen an. Dann prüfen wir die Atmung und unter anderem mit Schmerzreizen das Bewusstsein.“ Dann werde die Herzaktion überprüft. „Bei Unfallopfern ist eine Reanimation oft nicht erfolgreich. Deshalb werden bei Massenunfällen, wenn die Tests keine Lebenszeichen anzeigen, die Kräfte gebündelt und den anderen Verletzten zuerst geholfen“, sagt Höcker.

Für eine Todesdiagnose bedarf es „mit dem Leben nicht vereinbarer grober Verletzungen“ wie etwa einen Aorta-Abriss oder einen Nachweis von mindestens einem der drei sicheren Todeszeichen. Dazu gehören die Totenstarre, Fäulnis und die Selbstauflösung abgestorbener Körperzellen durch Enzyme, Autolyse genannt, sowie die typischen Totenflecken. „Erst wenn der sichere Tod durch einen Arzt festgestellt und die Bescheinigung ausgestellt worden ist, dürfen die Bestatter die Leiche mitnehmen“, erklärt Rolf Lichtner, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. Der Leichnam werde dann entweder in eine gekühlte Aufbewahrungshalle auf dem Friedhof oder beim Bestatter gebracht. „Bei ungeklärten Unfällen werden die Opfer oft auch in die Rechtsmedizin oder die Pathologie gebracht, um die Schuld- und Todesfrage zu klären“, sagt Lichtner.

Tot oder doch nicht? In ganz seltenen Fällen — wie jetzt in Itzehoe — stellt ein Arzt den Tod fest, obwohl der Mensch noch am Leben ist. Bei diesem sogenannten Scheintod sind zwar die üblichen feststellbaren Lebenszeichen auf ein Minimum reduziert, aber lebenserhaltende Restfunktionen des Körpers noch vorhanden. Bei einer schnellen Untersuchung etwa an einem unübersichtlichen Unfallort kann es vorkommen, dass sie nicht registriert werden.

„In der Regel passiert so etwas nicht“, da sind sich Bestatter Lichtner und Notarzt Höcker einig. Solche Fälle lägen meist in den chaotischen Zuständen am Unfallort begründet. „In über 1000 Einsätzen habe ich noch nie einen Unfall mit mehr als fünf Verletzten erlebt“, sagt der Notarzt. Einen Scheintod zu übersehen sei eine absolute Ausnahme.

Die Angst vor dem Scheintod prägt Geschichte und Literatur
Bereits im ersten Jahrhundert wurde von aufsehenerregenden Fällen berichtet, bei denen vermeintlich tote Römer auf dem Scheiterhaufen wieder zu Bewusstsein kamen. Auch im Mittelalter kursierten Berichte über Särge, in denen Kratzspuren der Toten entdeckt wurden.


Im 18. Jahrhundert wies dann der Mediziner Jacques-Bénigne Winslow darauf hin, dass vor allem Totenflecken und Verwesung eindeutige Beweise für den Tod sind.

1792 wurde das erste Totenhaus in Europa in Weimar von dem Mediziner Christoph Wilhelm Hufeland eingerichtet. Die Leichen sollten dort bis zur Verwesung aufbewahrt werden.

1844 befasste sich Schriftsteller Edgar Allen Poe mit dem Scheintod. In „The Premature Burial“ schrieb er: „Lebendig begraben zu werden ist ohne Zweifel die grässlichste unter den Qualen, die das Schicksal einem Sterbenden zuteilen kann.“

Kim Meyer

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