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Norddeutschland Uni-Präsident fordert Abkehr vom Turbo-Abi
Nachrichten Norddeutschland Uni-Präsident fordert Abkehr vom Turbo-Abi
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22:29 03.11.2016
„Das war ein Versuch, und wenn man den korrigiert, dann ist das keine Schande.“ Werner Reinhart, Uni Flensburg
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Flensburg/Kiel

Damit würde auch dort, wie an den Gemeinschaftsschulen, das Abi wieder nach insgesamt 13 Schuljahren abgelegt werden. Die Studienanfänger seien bei G8 viel zu jung und unreif, so Reinharts Begründung.

Prof. Werner Reinhart Quelle: dpa

Die jungen Leute würden zwar ein „Zeugnis der Reife“ mitbringen, sagt Reinhart, könnten aber längst nicht alles für ihr Studium selber regeln. Einige seiner 1050 Studienanfänger seien in der Einführungswoche als Minderjährige von manchen Veranstaltungen ausgeschlossen gewesen. Zum Teil tauchten deshalb die Eltern in der Studienberatung auf, in einem Fall sogar ohne ihr Kind. Es sei nun aber einmal nicht die Aufgabe der Universität, das neunte Schuljahr zu ersetzen. Das G8-Abitur sei ein Versuch gewesen, „und wenn man den korrigiert, dann ist das keine Schande“.

Die Landtags-Opposition in Kiel nimmt Reinharts Vorlage dankbar auf. Es sollten „mehr Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, nicht nur an einer Gemeinschaftsschule, sondern auch an einem Gymnasium das Abitur nach neun Jahren ablegen zu können“, sagt die CDU-Bildungspolitikerin Heike Franzen. Erst am Mittwoch hatte die Union ihr Wahlprogramm zur Landtagswahl 2017 vorgelegt. Gewinnt sie am 7. Mai, will sie in allen Gymnasien des Landes erneut abstimmen lassen, ob die Schule eine G8- oder G9-Schule sein soll. Ein solches Verfahren hatte es zuletzt im CDU-FDP-Regierungsjahr 2010 gegeben, 15 von 100 Gymnasien hatten G8 damals abgelehnt, an vielen Schulen im Land waren zuvor darüber heftige Auseinandersetzungen unter Lehrern, Eltern und Schülern ausgebrochen. Die FDP fordert immer noch, dass alle Gymnasien sich jederzeit entscheiden und wieder umentscheiden können, ob sie ein G8- oder G9- oder sogar ein Y-Gymnasium sein wollen, an dem beide Zweige parallel angeboten werden.

Bei SPD-Bildungsministerin Britta Ernst kommen solche Überlegungen allesamt nicht gut an. Es müsse an der Qualität gearbeitet werden, „statt Energie mit einer neuen Schulstrukturdebatte zu vergeuden“, ließ die Ministerin erklären. Das G8-Abitur sei in Schleswig- Holstein im Rahmen eines breit angelegten Bildungsdialogs von einer Mehrheit bestätigt worden, „und es hat sich bewährt“. Es gebe daher keinen Grund, diese Entscheidung infrage zu stellen. Außerdem böten Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe und einige Gymnasien ja die Möglichkeit zum Abi nach neun Jahren.

Aus der Regierungskoalition kommt Unterstützung. „Die Schulen brauchen Ruhe“, sagt die Grünen-Bildungspolitikerin Anke Erdmann. CDU und FDP würden Lösungen für Probleme versprechen, „die wir ohne sie nicht hätten“. Es seien doch Union und Liberale gewesen, die noch vor Jahren fürs G8-Abitur gekämpft hätten. „Die Strukturdebatte sollte beendet sein. Jetzt stehen wichtigere Themen an“, sagt auch ihr SPD-Kollege Martin Habersaat. G8 sei in Europa der Normalfall, sagt Jette Waldinger-Thiering vom SSW, und dass die kürzere Schulzeit ja gerade Gelegenheit biete, durch ein Freiwilliges Soziales oder Kulturelles Jahr die soziale Kompetenz ausreifen zu lassen und an Lebenserfahrung zu gewinnen. Pirat Sven Krumbeck hält die G8/G9-Debatte einfach nur für „zeitaufreibend“.

 Wolfram Hammer

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