Lübeck. Norman L. sitzt wegen Verdacht des Mordes an der Joggerin Anna-Lena U. in Untersuchungshaft und schweigt weiter eisern. Dass er die 29-Jährige am 7. Juli ermordet hat, daran besteht nach eindeutig nachgewiesenen DNA-Spuren kein Zweifel. Bevor der 45-Jährige einige Tage nach der Tat in seiner Wohnung festgenommen wurde, hatte die Polizei aber zunächst einen anderen in Verdacht: Asmuth Domeyer. Der 39-jährige Lübecker geriet völlig unschuldig in die Fänge der Ermittlungsbehörden, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war.

„Ich hatte Urlaub und in meinem Urlaub wandere ich immer viel“, erzählt der Elektroinstallateurmeister. So sei er am Tag des Mordes auch bis nach Herrnburg durch die Palinger Heide marschiert. Auf einmal habe ihm ein Beamter dort von hinten auf die Schulter getippt und ihn aufgefordert mitzukommen. Dass kurz zuvor in der Nähe eine junge Frau unter brutalen Umständen getötet wurde, wusste Domeyer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. „Man hat mir gesagt, ich hatte auf Rufe der Beamten nicht reagiert und sei einfach vom Weg abgebogen“, sagt Asmuth Domeyer. Das stimme zwar. „Aber ich habe überhaupt nicht gehört, dass jemand nach mir gerufen hat.“

Was folgte, war ein unschöner Tag in Polizeigewahrsam in Grevesmühlen. Zuvor habe ihn die Polizei nach Hause gebracht, um Kleidung zu holen. Den Anlass für die Verhaftung, habe ihm aber niemand gesagt. „Ich habe mir das später selbst zusammengereimt, weil die Beamten von einem ,armen Mädchen‘ sprachen — aber direkt mit mir darüber gesprochen hat niemand.“

Auf dem Revier habe er sich in Gegenwart von vier Beamten vollständig entkleiden und alle Sachen abgeben müssen. „Die haben wirklich das ganz große Programm gefahren, ich kam mir wirklich wie ein Verbrecher vor. Die Beamten waren auch alles andere als freundlich“, sagt Asmuth Domeyer. Stundenlang habe er auf dem Revier warten müssen, ohne dass sich jemand mit ihm befasst habe. Ein Glas Wasser habe es ebenso wenig gegeben wie eine Erklärung für die Behandlung. „Ein mieses Gefühl“, sagt der 39-Jährige.

Erst sehr viel später am Abend, nach etwa zehn Stunden in Obhut der Mecklenburger Polizei, wurde Domeyers Status von „Verdächtiger“ in „Zeuge“ geändert. Eine Streife brachte ihn nach Hause.

„Er hat gezittert, als er wieder da war“, erzählt Vater Wolfgang Domeyer, der zu Hause stundenlang vergeblich auf Nachrichten gewartet und sich große Sorgen um seinen Sohn gemacht hatte.

„Das war ein furchtbares Verbrechen und mir tut die Frau, die wegen so eines Menschen sterben musste, unendlich Leid“, sagt Asmuth Domeyer. Ein gewisses Verständnis habe er daher auch für die Polizei. „Aber so würdelos wie man mich behandelt hat, das war eindeutig zu viel des Guten“, sagt der Lübecker. Eine Entschuldigung dafür habe es nicht gegeben. Auch seine Wanderkleidung im Wert von etwa 400 Euro habe die Polizei bislang nicht wieder herausgerückt. Auf Anrufe hin habe sich niemand zuständig gefühlt. Im September will der 39-Jährige in den Wanderurlaub. „Und bis dahin hätte ich die Sachen eigentlich ganz gern zurück.“ Oliver Vogt

LN