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Norddeutschland Unterrichtsausfall: Verband wirft Ländern Verschleierung vor
Nachrichten Norddeutschland Unterrichtsausfall: Verband wirft Ländern Verschleierung vor
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22:07 18.04.2016
Die meisten Schüler freut es, ihre Eltern sind dagegen häufig besorgt, wenn ständig der Unterricht ausfällt. Quelle: Thomas Imo/phalanx Fotoagentur
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Lübeck/Kiel

Sein Eindruck sei, dass viele Länder „gar nicht so genau wissen“ wollen, wie viele Stunden tatsächlich komplett ausfallen oder nur vertreten werden, sagt Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende der Gymnasiallehrer-Gewerkschaft. Ähnliche Kritik kommt auch vom Landesverband in Schleswig-Holstein. „Die Zahlen vom Bildungsministerium in Kiel bilden nicht den tatsächlichen Unterrichtsausfall ab“, sagt deren Vorsitzender Helmut Siegmon. „Wir wollen eine ehrliche Bilanz, keine Schönrederei.“

Richtiger Unterricht sei für ihn nur, wenn er von einem fachlich ausgebildeten Lehrer geleitet werde. Alles andere müsse als Ausfall verzeichnet werden. Das gelte auch für eigenverantwortliches Arbeiten, Zwei-Klassen-Betreuungen, studentische Aushilfen und wenn ein Englisch-Lehrer eine Mathe-Stunde übernehme. „Berücksichtigen wir das alles, landen wir bei erheblichen Ausfallzahlen von 20 bis 30 Prozent“, sagt Siegmon.

Tatsächlich sind die offiziellen Zahlen des Bildungsministeriums deutlich geringer. Im ersten Halbjahr 2015/16 seien landesweit 8,1 Prozent der Stunden nicht planmäßig erteilt worden, heißt es auf Anfrage. „Glasklare Zahlen“ wolle auch das Bildungsministerium, sagt deren Sprecher Thomas Schunck zur Kritik des Philologenverbandes. Deshalb gebe es das neue System PUSH (Portal zur Unterrichtserfassung in SchleswigHolstein). „Damit werden die Gründe für und der Umgang mit Unterrichtsausfall differenziert erfasst“, sagt er. So sei in der Statistik abzulesen, warum Unterrichtsstunden auszufallen drohen und   auch, wie und in welchem Umfang es den Schulen gelinge, das mit ihren Vertretungskonzepten zu verhindern.

„Statistisch betrachtet sieht das ganz gut aus, aber in der Praxis ist der Unterrichtsausfall oft viel extremer“, sagt Thomas Wulff vom Landeselternbeirat. „In der gefühlten Wahrnehmung ist er sehr, sehr hoch. Wenn ich mit Elternvertretern einzelner Schulen und Kreise spreche, klingt die Situation dramatisch.“ So habe er von einer Schule gehört, in der es über Monate keinen Erdkunde-Unterricht gegeben habe, in einer anderen falle häufig Mathe aus. Generell könnten Methoden wie eigenverantwortliches Lernen mit durchdachtem Konzept durchaus sinnvoll sein. „Aber so etwas darf nicht genutzt werden, um Unterrichtsausfall zu kaschieren“, sagt Wulff.

„Eltern und Schüler wissen, dass die Unterrichtsausfall-Statistik gerade in Schleswig-Holstein überhaupt nichts mit der Realität zu tun hat“, sagt auch die CDU-Bildungspolitikerin Heike Franzen. „Das Bildungsministerium schönt seit Jahrzehnten die Zahlen mit unterschiedlichen Methoden.“ Martin Habersaat, bildungspolitischer Sprecher der SPD, sagt dagegen: Die Koalition habe mit jedem Haushalt Maßnahmen ergriffen, um die Unterrichtsversorgung durch mehr Stellen als ursprünglich vorgesehen sowie den Vertretungsfonds zu verbessern.

Helmut Siegmon reicht das noch nicht. „Wir verlangen eine 105-prozentige Unterrichtsversorgung an den Schulen“, sagt er. In der Realität liegt sie aber nicht mal bei 100 Prozent, im vergangenen Schuljahr erreichte sie laut Ministerium rund 94 Prozent. Lernerfolg sei aber abhängig von Kontinuität und Verlässlichkeit, sagt Siegmon. „Wenn die Kinder merken, der Unterricht fällt mal hier, mal da aus, dann schlägt sich das auf ihre Arbeitshaltung nieder“, erklärt er. „Wir sehen große Defizite bei jungen Leuten, wenn der Unterricht längere Zeit ausfällt.“

Offizielle Ausfallquoten

8,1Prozent der Unterrichtsstunden werden in Schleswig-Holstein laut Bildungsministerium schulübergreifend nicht planmäßig gegeben. Besonders hoch ist die Ausfallquote mit 9,3 Prozent an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe. An Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe liegt sie bei 8,4 Prozent, an Gymnasien bei 7,7 Prozent, an Grund- und Förderschulen bei 7,2 Prozent. 1,9 Prozent der Stunden wurden landesweit ersatzlos gestrichen, die übrigen durch Vertretungen, Stillarbeit oder Ähnliches ersetzt.

Von Janina Dietrich

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