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Vergiftetes Marzipan vor der Schule: Polizei sucht Erpresser

Kiel Vergiftetes Marzipan vor der Schule: Polizei sucht Erpresser

Kampfmittelräumdienst und Spürhunde in Kiel im Einsatz – Drohung richtet sich gegen Handelskonzern Coop – Offenbar ist niemand zu Schaden gekommen.

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Auch die Käthe-Kollwitz-Schule in Kiel wurde gestern von Polizeibeamten durchsucht.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Ein Erpresser, der nach Informationen der Kieler Nachrichten von der Handelskette Coop mehrere Millionen Euro verlangt, verbreitet in der Landeshauptstadt Angst und Schrecken. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, hatte er in der Nacht zu gestern drei Schulen bedroht, die daraufhin am Morgen auf Anweisung der Polizei geräumt wurden. Hunderte Schülerinnen und Schüler mussten die Klassenräume verlassen. Der Erpresser hatte gestern Morgen in einer Mail gedroht, Bomben an Schulen platziert zu haben.

Die Polizei durchsuchte die Gebäude mit Spürhunden und Sprengstoffexperten und sicherte mehrere verdächtige Gegenstände, die später vom Kampfmittelräumdienst überprüft wurden. Am Nachmittag dann die Entwarnung: „Wir haben nichts gefunden“, sagte Torge Stelck, Sprecher des Landespolizeiamts.

Ein Coop-Vorstandsmitglied bestätigte am Nachmittag den Kieler Nachrichten, dass sein Unternehmen seit Dienstag erpresst werde. Dabei habe der Täter in seinen Mails, die stets unter dem Absender „coopwillpay“ verschickt wurden, für die Geldübergabe einen Weg verlangt, der schon rein technisch nicht möglich sei. Coop wisse nicht, was den Erpresser zu seiner Tat veranlasst habe. Nähere Angaben machte das Unternehmen mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht.

Kiels Bildungsdezernentin Renate Treutel betonte gestern, dass die Stadt die Lage „sehr ernst“ nehme. „Wir bitten Eltern um erhöhte Aufmerksamkeit und Kinder darum, herumliegende Lebensmittel nicht anzufassen oder zu probieren.“

Der Täter hatte bereits in der Nacht zum Dienstag eine Kieler Schule vor vergifteten Süßigkeiten gewarnt. Tatsächlich fand ein Mitarbeiter der Schule am Dienstagmorgen Marzipanherzen im Eingangsbereich. Das toxikologische Gutachten ergab, dass das Marzipan mit giftigen Substanzen angereichert war, die „zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen“ hätten führen können, wie eine Sprecherin des Landeskriminalamts (LKA) bestätigte. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass niemand die Süßigkeiten verzehrt habe. Schleswig-Holsteins stellvertretender Landespolizeidirektor Joachim Gutt, der den Einsatz gestern persönlich leitete, hatte die außergewöhnliche Dimension des Falles betont. „Es handelt sich um einen Fall von schwerer Erpressung.“

„Wir haben mit einem sehr starken Kräfteeinsatz operiert“, sagte Torge Stelck, Sprecher des Landespolizeiamtes in einer ersten Bilanz des Einsatzes gestern Vormittag. Nach Schätzung von Augenzeugen waren mehr als 100 Beamte des Landes im Einsatz. Beteiligt waren sechs Hundeführer mit ihren Sprengstoffhunden. Abends teilte die Polizei mit, dass „keine konkreten weiteren Drohungen gegen Schulen oder andere Einrichtungen“ vorliegen. Das Bürgertelefon der Polizei, das gestern freigeschaltet worden war, ist am Wochenende nicht mehr besetzt. Hinweise nimmt die Polizei in Kiel unter dem Polizeiruf 110 entgegen.

Gift als Druckmittel

„Produkterpressung“ heißt im Fachjargon der Versuch, Hersteller von Lebensmitteln zu erpressen, indem ihre Waren vergiftet werden.

Der Fall Lidl: Anfang 2006 fand sich in Regalen des Discounters Mundwasser, das mit Salzsäure versetzt war. Ein Unbekannter forderte Geld von Lidl und drohte damit, auch Babynahrung und Marmelade zu vergiften, falls nicht gezahlt werde. Im Sommer konnte die Polizei den drogen- und spielsüchtigen Täter fassen.

Der Fall Aldi: Lampenpetroleum in der Apfelschorle, Essig im Mundwasser – das waren nur einige der Anschläge, die ein Oldenburger 2010 bei Aldi Nord verübte. 800 000 Euro forderte er von dem Konzern und ließ mehrere Geldübergabetermine platzen, weil er argwöhnte, dass die Polizei im Spiel sei. Das war sie auch – am Ende flog der Erpresser aber auf, weil gegen ihn wegen Kreditbetruges ermittelt wurde. Auf seinem Computer fanden die Ermittler auch Beweise für die Aldi-Erpressung.

Der Fall Nestlé: 730 000 Euro verlangte 2009 ein gewisser „Roger Rabbit“ vom Lebensmittelkonzern Nestlé. Zur Untermauerung dieser Forderung war dem Erpresserschreiben ein Glas mit Babynahrung beigefügt, das mit Unkrautvernichtungsmittel versetzt war. Verweigere Nestlé die Zahlung, würden solche Gläser in den Handel gebracht, drohte der Unbekannte. Bei der Geldübergabe ging dann aber alles schief.

Kristian Blasel

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