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21:20 07.07.2016
Gamze K. mit ihrem Mann und den drei Söhnen. Heute soll sie an der gebrochenen Nase operiert werden. Quelle: Fotos: Thomas Eisenkrätzer, Rehder/dpa

Die Betroffenheit ist geradezu greifbar, wenn in Kiel die Rede auf die Tat des Mannes kommt, der im Stadtteil Neumühlen-Dietrichsdorf eine Frau niederschlug, allem Anschein nach nur, weil sie ein Kopftuch trug. Unterdessen trägt das Opfer Gamze K. zwar schwer an dem Geschehen, zeigt aber große Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen: „Ich stehe das durch.“

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass mir das passiert ist.“ Gamze K. (35)

Schmerzen am ganzen Kopf und im Nacken, damit muss Gamze K. erst einmal leben. Heute fährt sie ins Krankenhaus, um ihre gebrochene Nase operieren zu lassen, hofft, dass es dann nach und nach besser wird. Ihre Seele wird wohl erst recht einige Zeit brauchen, um sich zu erholen. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass mir das passiert ist“, sagt die 35-Jährige, die erst anfängt, das traumatische Erlebnis zu verarbeiten.

Sie ist entschlossen, das offensiv zu tun. Sich zu verstecken, in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, das kommt für sie nicht in Frage. Nachbarn und Freunde sprachen Trost und Mut zu, auch der Mann und die drei Kinder von Gamze K. geben jenen Halt, der in solchen Situationen so wichtig ist. Noch einmal war die junge Frau bei der Polizei, um auszusagen. „Es hat lange gedauert, weil ich mich sehr geöffnet habe“, berichtet sie. Genau das ist jetzt wichtig für sie als Gewaltopfer. Einerseits, weil es ihr selbst gut tut, andererseits, weil sie den Ermittlern alle Informationen zukommen lassen will, die nötig sind, um den Täter zu überführen.

Große Anteilnahme löst die Tat auch auf dem Kieler Ostufer aus, wo besonders viele Menschen mit ausländischen Wurzeln leben. „Oh Gott!“, ruft Ayze Kanli aus und zeigt sich bestürzt über diesen Angriff auf eine Frau, die dem Täter noch nicht einmal bekannt war. „Meine Mutter trägt auch Kopftuch, ist das schlimm?“, sagt sie und betont, dass Deutschland ein freies Land ist: „Jede muss selber wissen, ob sie Kopftuch trägt oder nicht.“

Seit 45 Jahren lebt Ayze Kanli in Deutschland, arbeitet im Imbiss auf dem Gaardener Vinetaplatz. Dort trifft sich ganz alltäglich die Welt. Kunden allerlei Glaubens und von jedweder Herkunft lassen sich bewirten. „Immer friedlich“, sagt Ayze Kanli, die glaubt oder zumindest hofft, dass das auch so bleibt. Diskriminierungen oder Anfeindungen hat die Frau, die ihr Haar nicht verhüllt, nach eigenen Worten im Grunde noch nie erlebt.

Andere haben andere Erfahrungen. „Meinen Namen schreiben Sie besser nicht“, bittet der Mann, der auf dem Sky-Parkplatz in Dietrichsdorf Hähnchen und Pommes verkauft. Gut 20 Jahre arbeitet er schon in Deutschland, zahlt seine Steuern und hat neben der Staatsbürgerschaft seines Geburtslandes Nigeria auch die seiner zweiten Heimat. „Die Leute sind aggressiver geworden“, erzählt er. Egal ob Kopftuch oder dunkle Haut, schiefe Blicke, eindeutige Sprüche oder Beleidigungen haben nach seiner Wahrnehmung zugenommen. Oft, so sagt er, geschieht das auf indirekte Art: „Dann werde ich zum Beispiel gefragt: Wie würdest Du reagieren, wenn ich Nigger zu Dir sagen würde?“

Irfan Cobanoglu kann über keine negativen Erlebnisse berichten. „Vielleicht liegt das daran, dass ich so bekannt bin“, vermutet der türkischstämmige Kieler, der im Gaardener Vinetazentrum als Erzieher arbeitet und außerdem immer wieder als Feuerkünstler auf sich aufmerksam macht. Im Stadtteil beobachtet er gleichwohl eine schleichende Zunahme von Furcht. „Die Ängste der Mütter sind stärker geworden“, hat er festgestellt. „Viele begleiten ihre Kinder auf Schritt und Tritt.“

Unterdessen hat sich der Tatverdacht gegen einen 55 Jahre alten Mann erhärtet. Es handle sich um einen Asylbewerber aus Russland, berichtete die Polizei gestern. Gegen ihn wird wegen Verdachts der Körperverletzung ermittelt. Er ist auf freiem Fuß. Der Tatverdächtige ist der Polizei im Zusammenhang mit einer Körperverletzung bereits bekannt.

Martin Geist

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