Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Viel Zuspruch für überfallene Muslimin

Kiel Viel Zuspruch für überfallene Muslimin

Kielerin geht offensiv mit den schlimmen Erlebnissen um – 55-Jähriger steht unter Tatverdacht.

Voriger Artikel
Rechtsbeugung: Staatsanwältin angeklagt
Nächster Artikel
Guten Morgen am Freitag, 8.Juli

Gamze K. mit ihrem Mann und den drei Söhnen. Heute soll sie an der gebrochenen Nase operiert werden.

Quelle: Fotos: Thomas Eisenkrätzer, Rehder/dpa

Kiel. Die Betroffenheit ist geradezu greifbar, wenn in Kiel die Rede auf die Tat des Mannes kommt, der im Stadtteil Neumühlen-Dietrichsdorf eine Frau niederschlug, allem Anschein nach nur, weil sie ein Kopftuch trug. Unterdessen trägt das Opfer Gamze K. zwar schwer an dem Geschehen, zeigt aber große Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen: „Ich stehe das durch.“

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass mir das passiert ist.“ Gamze K. (35)

Schmerzen am ganzen Kopf und im Nacken, damit muss Gamze K. erst einmal leben. Heute fährt sie ins Krankenhaus, um ihre gebrochene Nase operieren zu lassen, hofft, dass es dann nach und nach besser wird. Ihre Seele wird wohl erst recht einige Zeit brauchen, um sich zu erholen. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass mir das passiert ist“, sagt die 35-Jährige, die erst anfängt, das traumatische Erlebnis zu verarbeiten.

Sie ist entschlossen, das offensiv zu tun. Sich zu verstecken, in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, das kommt für sie nicht in Frage. Nachbarn und Freunde sprachen Trost und Mut zu, auch der Mann und die drei Kinder von Gamze K. geben jenen Halt, der in solchen Situationen so wichtig ist. Noch einmal war die junge Frau bei der Polizei, um auszusagen. „Es hat lange gedauert, weil ich mich sehr geöffnet habe“, berichtet sie. Genau das ist jetzt wichtig für sie als Gewaltopfer. Einerseits, weil es ihr selbst gut tut, andererseits, weil sie den Ermittlern alle Informationen zukommen lassen will, die nötig sind, um den Täter zu überführen.

Große Anteilnahme löst die Tat auch auf dem Kieler Ostufer aus, wo besonders viele Menschen mit ausländischen Wurzeln leben. „Oh Gott!“, ruft Ayze Kanli aus und zeigt sich bestürzt über diesen Angriff auf eine Frau, die dem Täter noch nicht einmal bekannt war. „Meine Mutter trägt auch Kopftuch, ist das schlimm?“, sagt sie und betont, dass Deutschland ein freies Land ist: „Jede muss selber wissen, ob sie Kopftuch trägt oder nicht.“

Seit 45 Jahren lebt Ayze Kanli in Deutschland, arbeitet im Imbiss auf dem Gaardener Vinetaplatz. Dort trifft sich ganz alltäglich die Welt. Kunden allerlei Glaubens und von jedweder Herkunft lassen sich bewirten. „Immer friedlich“, sagt Ayze Kanli, die glaubt oder zumindest hofft, dass das auch so bleibt. Diskriminierungen oder Anfeindungen hat die Frau, die ihr Haar nicht verhüllt, nach eigenen Worten im Grunde noch nie erlebt.

Andere haben andere Erfahrungen. „Meinen Namen schreiben Sie besser nicht“, bittet der Mann, der auf dem Sky-Parkplatz in Dietrichsdorf Hähnchen und Pommes verkauft. Gut 20 Jahre arbeitet er schon in Deutschland, zahlt seine Steuern und hat neben der Staatsbürgerschaft seines Geburtslandes Nigeria auch die seiner zweiten Heimat. „Die Leute sind aggressiver geworden“, erzählt er. Egal ob Kopftuch oder dunkle Haut, schiefe Blicke, eindeutige Sprüche oder Beleidigungen haben nach seiner Wahrnehmung zugenommen. Oft, so sagt er, geschieht das auf indirekte Art: „Dann werde ich zum Beispiel gefragt: Wie würdest Du reagieren, wenn ich Nigger zu Dir sagen würde?“

Irfan Cobanoglu kann über keine negativen Erlebnisse berichten. „Vielleicht liegt das daran, dass ich so bekannt bin“, vermutet der türkischstämmige Kieler, der im Gaardener Vinetazentrum als Erzieher arbeitet und außerdem immer wieder als Feuerkünstler auf sich aufmerksam macht. Im Stadtteil beobachtet er gleichwohl eine schleichende Zunahme von Furcht. „Die Ängste der Mütter sind stärker geworden“, hat er festgestellt. „Viele begleiten ihre Kinder auf Schritt und Tritt.“

Unterdessen hat sich der Tatverdacht gegen einen 55 Jahre alten Mann erhärtet. Es handle sich um einen Asylbewerber aus Russland, berichtete die Polizei gestern. Gegen ihn wird wegen Verdachts der Körperverletzung ermittelt. Er ist auf freiem Fuß. Der Tatverdächtige ist der Polizei im Zusammenhang mit einer Körperverletzung bereits bekannt.

Martin Geist

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Norddeutschland
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. An dieser Stelle finden Sie die Galerie für den Oktober 2017.

Am Sonntag, 5. November, sind Bürgermeister-Wahlen in Lübeck. Gehen Sie hin und geben Ihre Stimme ab?

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Lifestyle

    Unser Lifestyle-Portal mit nützlichen News und Tipps: Informieren Sie sich über Mode, Beauty und aktuelle Trends. Mehr Schwung, mehr Spaß... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.

Tatort-Blitzkritik

Immer sonntags, direkt nach dem Tatort gibt es die Kritik auf LN Online. Reden Sie mit!

TV-Vorschau

Unsere Kolumne zeigt, wo sich das Einschalten lohnt.

Beltquerung

Politik und Bahn planen die Hinterlandanbindung zur Beltquerung. Alle Infos hier.

Schulen

Wir stellen Ihnen Schulen vor - damit Sie die richtige Wahl für Ihr Kind treffen.