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Norddeutschland Viele Pilze - hohes Risiko: Der Experte erklärt ob giftig oder essbar
Nachrichten Norddeutschland Viele Pilze - hohes Risiko: Der Experte erklärt ob giftig oder essbar
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Sich auf eine App verlassen, sollte man besser nicht. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Schon kurz nach Verlassen des Parkplatzes zeigt Erhard Sacher auf einen nach unten gewölbten Pilz mit breitem Hut. „Das sind Riesen Krempentrichterlinge“, sagt der 74-Jährige ohne zu zögern und geht langsam tiefer in den Waldhusener Forst. „Wenn sie jung sind, kann man sie essen, aber ich mag sie nicht.“ Erhard Sacher ist Pilzexperte und kennt sich so gut mit Champignons, Pfifferlingen und Co. aus, dass er bei deren Bestimmung regelmäßig zu Rate gezogen wird. Zum Beispiel wenn ein Pilzliebhaber nach dem Essen unsicher wird, ob er sich nicht doch vertan hat und den Notruf wählt.

Das Giftinformationszentrum-Nord (Giz) in Göttingen stellt dann die Symptome fest und prüft, ob der gegessene Pilz möglicherweise Ähnlichkeit mit einem Knollenblätterpilz hat. Dessen Gift kann tödlich wirken, „davon hat es in den letzten Jahren aber nur eine Handvoll Fälle gegeben“, sagt Andreas Schaper vom Giz. Angerufen wird aber viel häufiger, allein im September hätten sich 80 Anrufer aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Hamburg wegen möglicher Pilzvergiftungen beim Giz gemeldet — doppelt so viele wie im September 2012. Schaper macht dafür vor allem meteorologische Ursachen aus: „Es ist einfach ein exzellentes Pilzjahr.“

Tatsächlich findet auch Erhard Sacher bei seinem Spaziergang schnell einiges, was in der Küche verwendet werden könnte. Hallimasche zum Beispiel gibt es in großen Trauben, für deren Ernte noch nicht einmal der Fußweg verlassen werden müsste. Doch auch hier gilt Vorsicht, gibt es doch für jeden essbaren Pilz mindestens einen giftigen Doppelgänger, wie ein Leitsatz der Pilzsammler besagt.

Deswegen wird bei einem Notfall auch versucht, die Pilzsorte zu bestimmen — mit Hilfe von Pilzsachverständigen vor Ort, in Lübeck zum Beispiel Erhard Sacher. Irgendwie muss der Pilz selbst oder ein Bild davon zum Experten kommen, bevor der dann Entwarnung geben kann oder den Patienten ins Krankenhaus schickt.

Damit es soweit gar nicht erst kommt, empfiehlt Erhard Sacher dringend, nur die Pilze zu essen, bei deren Bestimmung man sich absolut sicher sei. Die Menschen um Lübeck scheinen das gut zu befolgen, denn weder in den Sana-Kliniken Lübeck und Eutin noch im Lübecker Standort des Universitätsklinikums (UKSH) musste dieses Jahr eine schwerwiegende Pilzvergiftung behandelt werden. „In den letzten Wochen kamen in die Notaufnahme des Campus Lübeck nur zwei Personen mit dem Verdacht auf eine leichte Pilzvergiftung, der sich nicht bestätigen ließ“, sagt Oliver Grieve vom UKSH.

Und was macht man am besten aus den hart ersammelten Pilzen? Zunächst gilt es, sie richtig aufzubewahren: „Sie gehören in einen Korb, damit die Luft drankommen kann“, erklärt Erhard Sacher. Zuhause dann sollte man sie schnell verarbeiten oder im Kühlschrank aufbewahren. Schließlich lauert noch ein Risiko, an das mancher gar nicht denkt: „Letztes Jahr hatten wir über 900 Fälle von Vergiftungen mit essbaren Speisepilzen, die verdorben waren“, sagt Alexander Glomb, der ebenfalls als Pilzsachverständiger im Norden arbeitet. „Das ist die häufigere Vergiftungsursache.“

Erhard Sacher mag am liebsten Steinpilze.

Erhard Sacher mag am liebsten den Steinpilz. „Aber niemals gebraten. Meine verstorbene Frau hatte immer eine angedickte Suppe daraus gemacht — die bekomme ich so leider nicht hin.“ Seit bald 70 Jahren sammelt der ehemalige Schiffbauer Pilze, aber sein Interesse geht weit über den Verzehr hinaus. Die faszinierenden Lebewesen seien die besten Recyclingpartner des Waldes. Und nicht zuletzt auch einfach schön anzusehen.

Vorsicht beim Selberbestimmen: Apps haben ihre Tücken
Apps, die bei der Bestimmung von Pilzen zu Rate gezogen werden, gibt es mittlerweile zahlreich auf dem Markt. „Pilzatlas“, „Pilze bestimmen“ oder einfach „Pilze“ heißen die kleinen Anwendungen, die auf Smartphones und Tablets laufen und einen Katalog von zahlreichen Arten mit Bildern und Beschreibungen anbieten. Wer im Wald unterwegs ist und einen Pilz bestimmen möchte, muss aber zunächst die möglichen Sorten eingrenzen, um dann die Merkmale miteinander vergleichen zu können. Für Anfänger kommt diese Methode also eher nicht in Frage.
Der Experte Alexander Glomb rät sogar davon ab, beim Sammeln auf Apps zu vertrauen: „Viele wissen ja gar nicht, welche Merkmale nun bedeutend sind oder nicht. Dadurch ist man schnell mal bei einem falschen oder sogar giftigen Pilz gelandet.“ Pilze sollten auch nicht allein anhand von Bildern bestimmt werden, da hier schnell eine Verwechslung stattfinden könne. Kein Wunder: „Wir haben in unseren Wäldern schätzungsweise 10 000 Arten.“
Besser ist es, sich Expertenführungen durch den Wald anzuschließen. Wer möchte, kann auch zur Pilzberatung im Lübecker Naturkundemuseum gehen, im Oktober immer sonnabends von 14.30 bis 17 Uhr. In Wismar gibt die Beratungsstelle „Der Steinpilz“ Auskunft. Internet: www.steinpilz-wismar.de.

Kilian Haller

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