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Norddeutschland Vierjähriger missbraucht? Schlimmer Verdacht in Boostedt
Nachrichten Norddeutschland Vierjähriger missbraucht? Schlimmer Verdacht in Boostedt
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22:09 30.03.2016
Der Eingangsbereich zur Flüchtlingsunterkunft Boostedt. Quelle: dpa
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Boostedt/Kiel

In der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt (Kreis Segeberg) soll sich ein 21 Jahre alter Mann aus Afghanistan am Dienstagabend an einem erst vier Jahre alten Flüchtlingsjungen vergangen haben. Ein Achtjähriger, der offenbar Zeuge des Missbrauchs wurde, soll zudem von einem 29-jährigen Afghanen bedroht worden sein — möglicherweise ein Komplize des Täters.

Beide Männer wurden gestern Abend dem Richter vorgeführt, der Haftbefehl erließ.

„Es hat nach unseren Erkenntnissen einen schweren sexuellen Missbrauch gegeben“, sagte der Kieler Oberstaatsanwalt Manfred Schulze-Ziffer den LN. Zu den möglichen Umständen der Tat machen Staatsanwaltschaft und Polizei aus Rücksicht auf die jungen Opfer und deren Angehörige derzeit jedoch keine Angaben. Auch über den Gesundheitszustand der Kinder schweigt die Staatsanwaltschaft. Man halte die Vorwürfe aber für so gravierend, dass gegen beide Männer der Antrag auf Haftbefehl gestellt worden sei, sagte Schulze-Ziffer.

Angezeigt wurde die Tat vom Wachpersonal der Unterkunft. „Es ist aber noch recht wenig, was wir wissen“, räumt Nico Möller von der zuständigen Polizeidirektion Bad Segeberg ein. Die Ermittlungen vor Ort gestalteten sich wegen der Sprachbarriere als extrem schwierig. Beteiligte und Zeugen hätten unterschiedliche Nationalitäten und könnten nur mit Hilfe mehrerer Dolmetscher befragt werden.

Magdalena Drywa, Sprecherin des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten, wollte sich zu möglichen Konsequenzen des Vorfalls noch nicht äußern. „Bisher gibt es nur einen Verdacht. Wir warten zunächst die Ermittlungen ab. Dann entscheiden wir, welche Konsequenzen wir ziehen müssen.“ Wie in allen Sammelunterkünften des Landes seien alleinstehende Frauen und Kinder aber in separaten Trakten untergebracht. Inwieweit dies aber für den mutmaßlichen Übergriff überhaupt relevant gewesen sei, müsse jetzt abgewartet werden.

Schleswig-Holsteins Flüchtlingsbeauftragter Stefan Schmidt zeigte sich gestern schockiert von dem mutmaßlichen Übergriff: „Ich bin entsetzt. Es ist das erste Mal, dass ich von so etwas höre.“

Grundsätzlich hält Schmidt die Sicherheitsvorkehrungen in den Unterkünften im Norden aber für gut. In der Regel seien Frauen und Kinder in der Nähe der Polizeiwache untergebracht. Zudem würden gerade Frauen von Helfern des Roten Kreuzes ermutigt, Übergriffe gegen sich und ihre Kinder auch zur Anzeige zu bringen. „Hundertprozentigen Schutz kann es aber leider nicht geben“, glaubt Schmidt.

Der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hatte bereits im vergangenen Jahr davor gewarnt, dass insbesondere in der drängenden Enge von Flüchtlingsunterkünften eine erhöhte Gefahr sexueller Übergriffe gegeben sei. Denn die Bewohner hätten meist wenig Möglichkeiten, sich vor Peinigern zurückzuziehen. Viele Fälle wurden bisher zwar nicht bekannt. Rörig zufolge dürfte es aber eine sehr hohe Dunkelziffer geben. Viele Flüchtlinge stammten aus Gesellschaften mit starken sexuellen Tabus und könnten über solche Dinge nur schwer sprechen. Außerdem treibe viele die Sorge um, dass eine Meldung bei der Polizei auch ihr eigenes Asylverfahren negativ beeinflussen könnte.

Von Oliver Vogt

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