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Norddeutschland Vom einsamen Wald bis in die Großstadt
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20:23 20.08.2016

Jogger drehen ihre Runden, Touristen sitzen am Jungfernstieg und machen Fotos, Ausflugsschiffe und Segler schippern über das Gewässer: An der Binnen- und Außenalster in Hamburg herrscht immer Trubel. Ganz anders sieht es rund 50 Kilometer flussaufwärts aus. Dort, in einem Waldstück nördlich von HenstedtRehn (Kreis Segeberg), entspringt die Alster.

Ein Holzschild weist den Weg zu einem eingemauerten Becken, in dem das Wasser etwa 20 Zentimeter hoch steht. Die bronzene Zierplatte auf dem Boden mit der Inschrift „Quellgrund der Alster“ ist kaum noch zu erkennen.

„Schön ist die Quelle nicht unbedingt“, sagt Jutta Rödiger nachdenklich. Sie fährt ihren vier Monate alten Enkel spazieren und ist einer der wenigen Menschen, die an diesem verregneten Tag an dem Ort vorbeikommen. Die anderen sind jugendliche Pokémon-Jäger, die mit ihrer Smartphone-App virtuelle Monster suchen. Die Quelle scheint ein Hotspot zu sein.

Der weitere Verlauf der Alster sei dafür umso schöner, betont Rödiger. „Feld, Wald, Wiesen: Alles ist so ruhig und naturbelassen im Vergleich zur Stadt.“ Die 65-Jährige ist viel mit dem Fahrrad unterwegs, „die Alster rauf und runter“. Von Henstedt-Ulzburg schlängelt sich der Fluss Richtung Osten bis nach Bargfeld-Stegen – vorbei am Gut Stegen und den Überresten einer mittelalterlichen Burg.

Der Ammersbeker Günter Delz und seine Frau Inge gehen dort oft spazieren oder machen Nordic Walking. „Dieser Bereich ist nicht so überlaufen. Manchmal treffen wir auf unseren Touren eine Stunde lang keine anderen Menschen“, berichtet der 77-Jährige, und seine Frau ergänzt: „Für Leute, die gerne in der Natur unterwegs sind, kann ich diese Ecke nur empfehlen. Hier sieht man Rehe, Störche und Kraniche. An der Alster kann ich wunderbar zur Ruhe kommen.“

Das kann auch Erwin Trulsen – und er muss dafür nicht mal sein Grundstück in Kayhude verlassen. Es grenzt direkt an den Fluss. „Es ist fantastisch, so dicht an der Alster zu wohnen“, sagt der 86-Jährige. Außer bei Hochwasser: Dann stehe schon mal die Hälfte seines Gartens unter Wasser. Aber das sei in den 46 Jahren, die er dort wohne, erst drei Mal geschehen.

Bei gutem Wetter sitzen seine Frau und er gerne draußen, den Blick auf den Fluss gerichtet. Er trennt an dieser Stelle auch die Kreise Stormarn und Segeberg. Es plätschert. Neben seinem Grundstück wird das Regenwasser des Ortes in die Alster geleitet. Ansonsten ist es ruhig. „An sonnigen Tagen fahren viele Paddler in ihren Booten vorbei. Sie setzen sich an der B 432 ins Wasser und paddeln dann zu uns runter“, sagt er. „Einige sind auch flussaufwärts unterwegs.“ Bis zur Hälfte des Gewässers habe er das Fischrecht, Hechte und Aale könne er dort fangen. „In ein paar Wochen geht es wieder los“, sagt Trulsen. „Dann halte ich die Peitsche rein.“

Ein Stück weiter flussabwärts, hinter dem Restaurant „Alter Heidkrug“, beginnt der Alsterwanderweg. Spaziergänger und Radfahrer können das Gewässer von Kayhude bis zur Mündung in die Elbe begleiten.

Elmar Berg und sein Kollege Bernd Wind haben dafür keine Zeit. Die Alster ist während der Sommerferien ihr Arbeitsplatz. Sie sollen die Sandfelder Schleuse im Tangstedter Ortsteil Rade zurückbauen.

Sie war mal eine von 23 Schleusen des Alster-Beste-Trave-Kanals, der eine Schiffsverbindung zwischen Lübeck und Hamburg ermöglichte. Die Schleuse ist schon lange außer Betrieb. Das Wasser stürze an der Stelle allerdings 75 Zentimeter in die Tiefe, berichtet Berg. „Wir verteilen den Abstieg nun auf eine Länge von 200 Metern, damit Fische und Mikroorganismen besser durch den Fluss kommen.“

Kurz dahinter erreicht die Alster das Hamburger Stadtgebiet. Rund 30 Kilometer sind es jetzt noch bis in die Innenstadt. Diese Strecke haben auch Rainer und Ulrike Stempkowski mit ihren Kindern Yannic (12) und Theo (11) noch vor sich. 907 Kilometer hat die Familie aus Wien in den vergangenen Wochen mit dem Fahrrad zurückgelegt. Von Berlin über Kopenhagen und Malmö bis nach Lübeck. Jetzt steht der letzte Teil ihrer Reise an – den Alsterweg entlang bis in die Hamburger City. „Es ist wunderschön, durch so eine grüne Lunge in eine Großstadt fahren zu können“, sagt Rainer Stempkowski.

An der Wohldorfer Schleuse legen sie eine Pause ein. „Wenn wir 30 Grad hätten, würden wir jetzt eine Runde in der Alster schwimmen gehen“, sagt Ulrike Stempkowski. Da die Temperaturen an diesem Tag aber weit davon entfernt sind, lassen die Österreicher nur ihren Blick übers Wasser schweifen und geraten dabei ins Schwärmen: „Es ist so schön naturbelassen hier.“

Janina Dietrich

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