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Von Wildschweinen ausgebremst: Tempo 60 auf der Autobahn

Lübeck Von Wildschweinen ausgebremst: Tempo 60 auf der Autobahn

Vielerorts werden die Tiere von der Maisernte aufgeschreckt – Population nimmt weiter zu.

Lübeck/Wismar. Einen Tag nach dem schweren Wild-Unfall bei Schwarzenbek sorgen Wildschweine erneut für Schwierigkeiten im Straßenverkehr. Auf einem Abschnitt der A 20 ist derzeit nur eine Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde erlaubt. Grund ist eine Gruppe von Wildschweinen, die nahe der Anschlussstelle Wismar-Mitte gesichtet wurde. „Die Drosselung ist nötig, weil Zusammenstöße mit Wildschweinen sehr gefährlich sind und der Bremsweg bei bestimmten Geschwindigkeiten berücksichtigt werden muss“, erklärte Nancy Schönenberg, Polizeisprecherin in Wismar. Die Rotte – mal sind zehn, mal zwölf Tiere zu sehen – sei in einer schwer zugänglichen Buschgruppe in Fahrtrichtung Lübeck beobachtet worden. Bisher wurden „Vergrämungsmittel“ ausgebracht, um die Wildschweine zu verscheuchen, die sich von Wildzäunen nicht abhalten ließen. Sollte das nicht funktionieren, müsse ein Jäger eingreifen, hieß es.

Unterdessen schwebt der 29-Jährige Autofahrer, der auf der B 404 im Sachsenwald mit einem Wildschwein kollidiert war, weiter in Lebensgefahr. „Der Aufprall muss massiv gewesen sein“, so Holger Meier von der Polizeidirektion Ratzeburg. Das etwa 100 Kilogramm schwere Tier sei noch auf der Straße verendet. Das Auto des Mannes war von der Fahrbahn abgekommen und drei Meter tiefer auf dem Dach liegengeblieben. „Solche schweren Unfälle mit Wildschweinen gibt es selten“, sagt Marcus Börner vom Landesjagdverband. Meist bleibe es bei Blechschäden.

„Oft werden die Tiere durch Erntefahrzeuge aufgescheucht und verlassen das Maisfeld dann fluchtartig“, sagte Börner. Zudem liege die Hauptverkehrszeit inzwischen in der Dämmerung. Damit steige die Gefahr von Wildunfällen. Die Tiere seien zwischen Nahrungs- und Schlafplätzen unterwegs. Noch bis Ende Oktober zieht vor allem im südöstlichen Schleswig-Holstein das Damwild zu den Brunftplätzen.

Insgesamt ist die Zahl der Wildunfälle in den vergangenen zehn Jahren um etwa ein Viertel zurückgegangen.

Laut Jagd- und Artenschutzbericht wurden im Jagdjahr 2015/ 2016 insgesamt 12556 Wildschweine in Schleswig-Holstein erlegt – elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. 358 starben im Straßenverkehr. Das meiste Schwarzwild wird in der Regel im Lauenburgischen und in Ostholstein geschossen. Der Bericht des Umweltministeriums sieht den „langjährigen Aufwärtstrend beim Schwarzwild“

ungebrochen.

„Die Population hat zugenommen“, bestätigt auch Horst Meister, Kreisjägermeister im Herzogtum Lauenburg. Zum einen gebe es durch den starken Maisanbau und die vielen Früchte an Buchen und Eichen ein gutes Nahrungsangebot für die Tiere. Zum anderen hätten Frischlinge durch die milden Winter beste Chancen, zu überleben. „Die Zuwachsrate liegt jährlich bei 300 Prozent“, sagt Meister. Daher sei eine intensive Bejagung erforderlich.

Doch das ist gar nicht so einfach: „Die besten Chancen hat man im Winter in klaren Mondnächten bei einer hellen Schneedecke“, sagt Börner. Dann sei das nachtaktive Schwarzwild, das sehr gut sehen und riechen kann, am besten zu erkennen – und zu erlegen.

Was tun bei einem Wildunfall?

200 000 Wildunfälle werden deutschlandweit jährlich registriert. Dabei sterben etwa 50 Menschen, mehr als 3000 werden verletzt. Die größte Gefahr droht in der Dämmerung und in der Nacht. Wer Wild am Straßenrand entdeckt, sollte abblenden, langsamer fahren und hupen, empfiehlt der Landesjagdverband. Von gewagten Ausweichmanövern wird abgeraten.

Ist es tatsächlich zu einer Kollision mit einem Wildtier gekommen, sollte die Unfallstelle gesichert werden. Zunächst sind verletzte Menschen zu versorgen, dann sollte totes Wild von der Straße gezogen werden. Unter der Notrufnummer 110 sollte jeder Wildunfall gemeldet werden – auch wenn das Wild nach erstem Eindruck nicht verletzt erscheint. Getötetes Wild darf nicht mitgenommen werden – damit macht man sich strafbar.

Julia Paulat

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