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Norddeutschland Vorbestrafter Erzieher im „Friesenhof“ – Kiel wusste es
Nachrichten Norddeutschland Vorbestrafter Erzieher im „Friesenhof“ – Kiel wusste es
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22:19 15.01.2016
Das "Friesenhof"-Jugendheim in Hedwigenkoog. Quelle: Carsten Rehder/dpa

Immer neue Vorwürfe gegen das Kieler SPD-Sozialministerium im „Friesenhof“-Skandal. Jetzt wird bekannt: Man wusste dort seit spätestens Anfang 2014, dass in dem Dithmarscher Mädchenheim mindestens ein Erzieher mit einem langen Vorstrafenregister arbeitete. Dennoch griff die Behörde von Ministerin Kristin Alheit über Monate hinweg nicht wirksam ein, obwohl sich Beschwerden von Mädchen, von Medizinern und Jugendämtern über Misshandlungen, brutale Strafen und sexuelle Übergriffe häuften.

Besonders brisant: eine Personalmeldung der „Friesenhof“-Betreiberin über eine Einstellung vom 1. Dezember 2013. Ein jüngerer Mann sei seitdem als „Erzieherhelfer-Honorarkraft“ in Vollzeit beschäftigt, wird dem Ministerium mitgeteilt. „Das Führungszeugnis enthält Eintragungen und liegt bei“, heißt es in dem Dokument weiter. Und aus diesem Führungszeugnis geht hervor: Der neue Betreuer ist in den Jahren zuvor mehrfach verurteilt worden, wegen Betrugs zum Beispiel, wegen vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis und nochmal wegen gemeinschaftlichen Betrugs. Insgesamt sind es sieben Eintragungen.

Ende März 2014 reagiert ein Mitarbeiter der Heimaufsicht. Er fordert von der Betreiberin per Mail erneut ein Führungszeugnis des Betroffenen an, das nicht älter als drei Monate sein dürfe. Für Anfang April wurde ein „Beratungsgespräch“ mit der Friesenhof-Betreiberin im Ministerium anberaumt, wegen „erheblicher Mängel im Personalbestand“, wie es heißt – neben weiteren Personen mit Führungszeugnis-Eintragungen wurden dort ausweislich der Personalmeldungen zum Beispiel auch Ex-Maurer und Personen ganz ohne Ausbildung als Betreuer für Nachtwachen eingesetzt. Damit aber unterschreite das Heim klar die geforderte Fachkräfte-Quote.

Über all das informierte der Beamte Anfang April auch seine Vorgesetzte, die damalige Leiterin der Heimaufsicht. Was weiter geschah, geht aber zumindest aus den Akten, die das Sozialministerium bislang zu dem Skandal vorgelegt hat, nicht hervor. Sicher ist nur: Der vorbestrafte Mitarbeiter blieb weiter im „Friesenhof“ tätig. Sein Arbeitsverhältnis wurde erst beendet, als die Staatsanwaltschaft im Januar 2015 Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs einleitete. Sollte das im März 2014 geforderte Führungszeugnis das Ministerium allerdings erreicht haben, muss die Heimaufsicht eine weitere Entdeckung gemacht haben: Im Februar 2014 war der Betreuer auch noch wegen Bedrohung und Sachbeschädigung in Tateinheit mit dem unerlaubten Führen einer Schusswaffe zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. So geht es jedenfalls aus einem Führungszeugnis aus dem August 2015 hervor, dass sich in den Ministeriumsakten befindet.
Im Ministerium will man zu den konkreten Vorfällen nichts sagen. Generell gelte aber, dass die Heimaufsicht laut Bundesgesetz eine Einstellung von Erziehern nur bei Delikten wie sexuellem Missbrauch verhindern könne.

Wolfram Hammer

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