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Norddeutschland Was den Fall Barschel zum Thriller macht
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15:56 04.02.2016
Ungeklärter Tod: Ex-Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU). Quelle: dpa

Mehr als 28 Jahre ist es her, dass der Fall Barschel Schleswig- Holstein erschütterte. Doch es gibt kein Loslassen. Auch medial nicht. Am kommenden Sonnabend beschäftigt sich zur besten Sendezeit ein Politdrama mit den bis heute ungelösten Rätseln um „Waterkantgate“. Nach fast drei Stunden Sendezeit ist der Fall für den Fernsehzuschauer nicht gelöst, aber es gibt in der ewigen Frage Mord oder Selbstmord eine Tendenz. Zu später Stunde setzen Stephan Lamby und Patrick Baab noch einen drauf: In ihrer Doku „Barschel — das Rätsel“ sortieren die Autoren die Fakten.

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Ungeklärter Tod: Ex-Ministerpräsident Uwe Barschel (CDU).

Was macht den Reiz aus, einen ungelösten Kriminalfall nach mehr als einem Vierteljahrhundert als TV-Event aufzurollen? Zuletzt war es 2012 eine Kieler „Tatort“-Folge, die sich mit dem mysteriösen Tod des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (CDU) in der Nacht zum 11. Oktober 1987 in einem Genfer Hotel beschäftigte. Wen interessiert der reale Fall heute noch?

Den Oppositionsführer im Kieler Landtag jedenfalls nur bedingt. Daniel Günther (42) sagt: „Ich bin 1992 in die CDU eingetreten. Für mich spielt der Fall Barschel schon deshalb keine Rolle mehr.“ Er spüre allerdings noch die Auswirkungen. Auf die Trennung zwischen Regierungs- und Parteipolitik werde in Schleswig-Holstein deutlich schärfer geachtet als anderswo.

Bei aller Brisanz für das Land: Pflichtstoff in den Schulen ist der Fall Barschel bis heute nicht. Eine Behandlung sei im Oberstufenunterricht sicherlich möglich, um sich mit den Themen Macht und Politik auseinanderzusetzen, sagt Schulministerin Britta Ernst (SPD). Letztlich bleibe es aber den Lehrern überlassen, ob dieser Diskurs etwa in den Fächern Geschichte und Wirtschaft/Politik am Beispiel der Barschel-Affäre oder an einem ganz anderen Fall stattfindet.

Der Fall Barschel sei immer noch Stoff, der die Menschen in Schleswig-Holstein interessiert, glaubt SPD-Parteichef Ralf Stegner. „Wohl auch deshalb, weil die Todesumstände nicht vollständig aufgeklärt wurden.“ Dass der Fall die Politik bis in die jüngste Zeit beeinflusst, sei nicht zu bestreiten.

„Der Fall Barschel ist zu einem Mythos geworden“, sagt Grimme-Preisträger Kilian Riedhof über seine Motivation, einen Politthriller über Barschel zu drehen, bei dessen Tod er selber gerade 16 Jahre alt war. „Für mich war es ein Muss, diesen Fall in seiner ganzen Tragweite einem größeren Publikum zu erzählen“. Und doch, räumt er ein, sei er bei einem anderen Sender zunächst abgeblitzt. „Es war nicht einfach, Sender davon zu überzeugen, wie wichtig der Stoff ist“, sagt Riedhof den LN. Man erkenne darin Strukturen, die weit über 1987 hinausgehen — etwa wie staatliche Stellen verfehlen könnten.

Dieses Kapitel schleswig-holsteinischer Geschichte tue heute noch weh, erklärt Ex-Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD). „Was nicht heilt, das schwelt.“ Ihr Amtsvorgänger Björn Engholm (SPD) möchte sich „trotz vieler Medienanfragen“ nicht äußern, auch nicht dazu, ob er den Film anschaut. Engholm, 1987 Barschels Gegenkandidat, war mit Verzögerung von fast sechs Jahren über eine unwahre Aussage in der Affäre gestolpert.

Der Film wühlt das alles wieder auf. Er wählt die Perspektiven von zwei fiktiven Hamburger Journalisten, um die dubiose Geschichte zu erzählen. Riedhof hält sich eng an die Ermittlungen der Lübecker Staatsanwaltschaft, dessen Ex- Chef Heinrich Wille, Fachberater für den Film, bis heute von einer Ermordung Barschels überzeugt ist. Der hochkarätig besetzte Krimi spielt deshalb erstmals das durch, was bislang noch nicht filmisch dargestellt wurde: die Ermordung Barschels (gespielt von Matthias Matschke) in Zimmer 317 des Genfer „Beau Rivage“ durch Killer. Wille: „Das Geschehen ist fiktiv, aber es hätte so sein können.“ Riedhof ging zu Beginn seiner Recherchen eher von einem Suizid Barschels aus. Jetzt tendiere er eher zu Mord.

Werner Kalinka kann ebenfalls nicht loslassen. Am Tag nach dem ARD-Themenabend lädt der ehemalige CDU-Abgeordnete Interessenten zu einer Gesprächsrunde ins „Hotel am Rathaus“ nach Schönberg bei Kiel ein (11 Uhr).

Witwe Freya Barschel weiß noch nicht, ob sie sich den Film antut. „Wohl eher nicht. Denn dort wird wieder auf der Ehrenwort-Pressekonferenz herumgeritten.“

Der Fall Barschel, ARD, Sonnabend 20.15 Uhr; Barschel — das Rätsel, ARD, Sonnabend, 23.10 Uhr

„Waterkantgate“: Das geschah wirklich
Schleswig-Holstein steckt 1987 in der heißen Phase des Wahlkampfs, als der „Spiegel“ von schmutzigen Tricks gegen den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm berichtet. Urheber soll Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer sein. Mit einem „Ehrenwort“ weist Uwe Barschel am 18. September alle Vorwürfe zurück. Am 11. Oktober liegt Barschel tot in einer Badewanne des Genfer Hotels „Beau Rivage“. Ein erster Untersuchungsausschuss kommt 1988 zu dem Schluss, dass Barschel Urheber der Schmutzkampagne war. Am 1. Mai 1993 gibt SPD-Sozialminister Günther Jansen zu, 40000 Mark an Pfeiffer gezahlt zu haben. Engholm tritt von allen Ämtern zurück. Ein zweiter Ausschuss ermittelt 1995, dass SPD-Politiker früh von Pfeiffer als Drahtzieher der Kampagne wussten. 1998 stellt die Lübecker Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen ein. Es bleibt offen, ob Barschels Tod Selbstmord oder Mord war.
Die Erinnerung an 1987 ist vielen noch präsent
„Ich weiß noch genau, es war ein Sonntag, und meine Eltern waren spazieren, als ich davon im Radio hörte“, sagt Jens Richter (45) über den Tag im Oktober 1987, als die Nachricht vom Tod Uwe Barschels durch die Medien ging. „Das wollte einfach keiner glauben.“ Während die Jüngeren mit der „Barschel-Affäre“ kaum noch etwas anfangen können, ist es für die etwas älteren Schleswig-Holsteiner ein wichtiger Teil der Zeitgeschichte. „Man hatte einfach gleich das Gefühl, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist“, sagt Tina Kagel (49). Sie erinnert sich noch an viele Ereignisse im Zusammenhang mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten: den Flugzeugabsturz in Blankensee, das Konkurrieren mit Björn Engholm sowie die vermeintlichen Waffengeschäfte.
„Die Umstände seines Todes sind bis heute nicht aufgeklärt, deshalb beschäftigt es die Leute noch“, sagt Kagel.
Für Ortrud Damm war der 11. Oktober vor 29 Jahren ein „schwarzer Tag“. „Das war sehr prägend, denn Barschel war für uns der Mann“, sagt Damm. Besonders schockiert habe sie damals die Aufnahme aus dem Hotelzimmer, in dem der Politiker aufgefunden worden ist. Damm: „Wenn es die Zeit zulässt, würde ich den Film gern sehen, denn da ist einfach eine regionale Verbindung.“
lsc

Curd Tönnemann

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