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07:02 03.11.2018
Lars Frühsorge zeigt eine Geisterfigur aus Papua-Neuguinea. Die Herero-Gegenstände sind beschädigt und eingelagert. Quelle: 54° / John Garve
Lübeck

Der Völkermord an den Herero in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwest (heute Namibia): Zehntausende Angehörige der einheimischen, farbigen Bevölkerung wurden damals ermordet – und beraubt. Das war 1904 und 1905. Zahlreiche erbeutete Gegenstände gingen an deutsche Museen. Auch in Lübeck, so erfuhren jetzt die LN, liegen in der völkerkundlichen Sammlung Objekte, die aus dieser Zeit stammen. Es handelt sich um heute seltenen Eisenschmuck von Herero-Frauen und Kleidungsstücke.

Neuer Völkerkunde-Chef will Herkunft der Gegenstände untersuchen

„Wir müssen erst noch recherchieren, wie diese Dinge ihren Besitzer gewechselt haben“, erklärt Lars Frühsorge, der neue Leiter der Lübecker Völkerkundesammlung. Sie umfasst 26 000 Exponate, überwiegend aus der Kolonialzeit, und ist seit 2002 im Keller des Zeughauses eingelagert. Damals schloss das im selben Haus befindliche Museum. Es gebe auch ein Gewehr französischer Produktion, das ebenfalls aus dem Herero-Krieg stamme, erinnert sich die ehemalige Museumsleiterin Brigitte Templin. „Wem gehörte diese Waffe?“, fragt sie sich. Aus den Inventarlisten sei meist nur der Name des Spenders ersichtlich.

In Lübeck und Kiel sind bedeutende völkerkundliche Sammlungen eingelagert.

„Es gibt eine zweistellige Zahl von Objekten, die man sich näher anschauen müsste“, verdeutlicht Frühsorge. „Ich habe das absolut vor.“ Neben der Wiedereröffnung des Museums, die am 12. November im Fachausschuss der Lübecker Bürgerschaft erneut diskutiert wird, sehe er in der Prüfung der möglichen Rückgabe und der Aufnahme des Dialogs mit den Völkern, aus denen die Exponate stammten, eine seiner Hauptaufgaben. „Ich denke, es ist an der Zeit.“ Die Rückgabe befürworte er, so weit die fraglichen Stücke „aus einem Unrechtskontext stammen“.

Viele Stücke sind von Kaufleuten erworben worden

Im Vergleich zu anderen Museen sei die Anzahl der diesbezüglich fraglichen Gegenstände aber gering. „Das meiste ist legal erworben.“ Anders als in Berlin, wo Ende nächsten Jahres das Humboldt-Forum mit einer umfangreichen, teilweise aus Feldzügen stammenden Übersee-Sammlung eröffnen soll, sei die Lübecker Kollektion überwiegend von Kaufleuten eingehandelt und mitgebracht worden. Der Wert der teils weltweit einzigartigen Sammlung gehe heute in die Millionen.

Rückforderungen gebe es bislang nicht, sagt Brigitte Templin, die es nicht als Aufgabe der Museen ansieht, eine solche anzuregen. „Da sind die indigenen Völker in der Pflicht.“ Der erwähnte Herero-Eisenschmuck sei im übrigen im Krieg beschädigt worden und müsse erst restauriert werden.

Bund stellt Fördergelder in Aussicht

Das Thema der Überprüfung und möglichen Rückgabe von Sammlungsgegenständen sei ein auch von der Bundesregierung vorangetriebenes Thema, weiß der Leiter der Lübecker Museen, Hans Wißkirchen. Für die Aufarbeitung seien 2019 Fördergelder in Aussicht gestellt, um die auch Lübeck sich bewerben werde.

Die Lübecker Völkerkundesammlung sei neben den größeren in Hamburg und Berlin eine der bedeutendsten in Deutschland. Daher setze er sich auch seit langem dafür ein, sie der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Im Gespräch sei neben der Wiedereröffnung im Zeughaus auch eine nur digitale Veröffentlichung von Abbildungen im Open-Heritage-Programm von Google.

Menschliche Überreste wie Schrumpfköpfe seien jedenfalls in Lübeck nicht vorhanden, versichert Frühsorge. Derlei gibt es in Kiel, wo die sogenannte „Südsee-Sammlung“ der Universität im Stadtmuseum eingelagert ist und ebenfalls nicht ausgestellt wird. Es handelt sich um drei mit Lehm übermodellierte, bemalte Schädel. Was mit diesen geschehen soll, ist unklar. Die Herkunft müsse erforscht werden, meint Doris Tillmann, die Direktorin des Stadtmuseums. Es müsse aber auch die Frage gestellt werden, „inwieweit es Kulturgut ist, das auch unsere Geschichte dokumentiert und daher nach Europa gehört.“

Der Herero-Aufstand

Vor 115 Jahren lehnte sich die Bevölkerungsgruppe der Herero in Namibia gegen die deutschen Kolonialherren auf. Zehntausende Einheimische fielen dem folgenden deutschen Feldzug zum Opfer.

1884 wurde das deutsche „Schutzgebiet“ Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, offiziell errichtet und zur Kolonie ausgebaut. Bis 1914 kamen rund 15 000 weiße Siedler nach Deutsch-Südwestafrika, darunter mehr als 12 000 Deutsche. Einheimische Stämme wurden gezwungen, ihr Land zu räumen. Lebenswichtiges Weideland ging so immer mehr in die Hände der Siedler über. Das bedrohte vor allem die Lebensgrundlage des halbnomadischen Hirtenstammes der Herero. Am 12. Januar 1904 begannen die Herero, sich mit Angriffen auf koloniale Einrichtungen gegen die Unterdrückung zu wehren. Später beteiligten sich auch die Nama. Generalleutnant Lothar von Trotha beantwortete dies mit einem Vernichtungskrieg. Die 2000 Mann starken kaiserlichen Schutztruppen wurden durch 14 000 Soldaten verstärkt, die mit brutaler Härte gegen die Aufständischen vorgingen. Die überlebenden Herero wurden schließlich in Konzentrationslagern interniert und zur Zwangsarbeit herangezogen. Von den ursprünglich 60 000 bis 80 000 Herero überlebten nur etwa 16 000. Auch die Hälfte der rund 20 000 Menschen zählenden Bevölkerungsgruppe der Nama kam um.

Deutsche Museen müssten sich stärker mit der Herkunft ihrer Kunstwerke beschäftigen, forderte diese Woche der Deutsche Museumsbund und entwickelte einen Leitfaden zum Umgang mit Raubkunst aus der Kolonialzeit. Experten aus den ehemaligen deutschen Kolonien begrüßten dies. „Museen können Plattformen sein, um das Unrecht der Vergangenheit anzugehen und vielleicht wieder gutzumachen“, sagte Nehoa Kapuka vom International Council of Museums (ICOM) in Windhoek (Namibia) in Hamburg.

Marcus Stöcklin

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