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Norddeutschland Land droht der Bahn Konsequenzen an
Nachrichten Norddeutschland Land droht der Bahn Konsequenzen an
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12:51 08.09.2018
Abgehängt: Rund um Lübeck fallen künftig Züge weg, weil die DB Regio zu wenig Lokführer hat. Die Landesregierung protestiert. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck/Kiel

Rund um Lübeck fallen Züge aus, weil dem Bahnunternehmen DB Region in Schleswig-Holstein die Lokführer fehlen – 27 nach LN-Informationen (Diese Verbindungen fallen aus). Verliert der Konzern deshalb bald die Strecken im Norden? Landespolitiker drohen der Bahn jedenfalls schon mal mit Konsequenzen für künftige Ausschreibungen. Und sie fordern Sofort-Abhilfe.

Ministerium: Ungläubiges Staunen und Wut auf die Bahn

Mit ungläubigem Staunen habe er die Meldung der Bahn am Donnerstag zur Kenntnis genommen, berichtet Kiels FDP-Verkehrsminister Bernd Buchholz. Dann wuchs die Wut. So hätten DB-Regio-Vertreter noch beim Marschbahngipfel vor wenigen Tagen zugesichert, dass genügend Mitarbeiter für den Bahnbetrieb im Norden zur Verfügung stünden. Tatsächlich aber habe die Personalplanung bei dem Konzern offenbar völlig versagt, schimpft Buchholz. Noch am Freitag ging er deshalb in eine Telefonkonferenz mit der DB-Konzernbevollmächtigten. Dieser Vorgang werde bei künftigen Streckenausschreibungen auch Einfluss darauf haben, für wie zuverlässig man die DB Regio halte.

Kiels FDP-Verkehrsminister Bernd Buchholz ist sauer auf die Bahn. Wenn plötzlich Lokführer fehlten, habe die Personalplanung des Konzerns versagt. Quelle: dpa

Bei der Bahn versucht man abzuwiegeln. Das Thema Lokführermangel beschäftige aktuell die gesamte Branche, sagt DB-Sprecher Egbert Meyer-Lovis. Man habe die Rekrutierungsanstrengungen aber schon verstärkt und zusätzliche Ausbildungslehrgänge gestartet. Erst am 1. September habe ein neuer Lehrgang begonnen.

Durchfallquote bei Lokführer-Lehrgängen: 80 Prozent

Allerdings: Nach LN-Informationen sollen bei den letzten Lehrgängen 80 Prozent der Teilnehmer durch die Abschlussprüfung gefallen sein. Ist die Ausbildung also zu schlecht? Bei der DB gibt man hinter den Kulissen der geringen Leistungsfähigkeit heutiger Bewerber die Schuld. Und viele junge Leute würden sowieso keinen Schichtdienst-Job mehr annehmen wollen. Bahngewerkschafter hingegen machen den Jobabbau und die Arbeitsverdichtung der letzten Jahre sowie zu geringe Löhne für den Bewerbermangel verantwortlich.

Es fehlen 27 Lokführer

430 Lokführer-Stellen hat die Deutsche Bahn in Schleswig-Holstein nach eigenen Angaben zu besetzen, damit alle Züge rollen. Jetzt aber fehlen nach LN-Informationen 27 Lokführer. Rund um Lübeck fallen deshalb Züge aus. Neue Lehrgänge seien gestartet worden, heißt es von der Bahn. Die Ausbildung dauere aber zehn bis zwölf Monate. Die Durchfallquote soll nach LN-Informationen hoch sein und zuletzt bei 80 Prozent gelegen haben.

Buchholz reicht es. Die DB sei ein „System kollektiver Unverantwortlichkeit.“ Man prüfe daher Strafzahlungen. Dass die Bahn Ersatzverkehr anbiete und die Fahrgäste in Taxis setze, sei ein Witz. „Wir tun alles, um möglichst viele Menschen zum Umsteigen auf die Bahn zu bewegen, und die Bahn selber startet hier jetzt ein Rückumstiegsprogramm aufs Auto.“

Bahnsprecher Egbert Meyer-Lovis in der Defensive: Man habe die Rekrutierungsbemühungen ja bereits verstärkt. Quelle: Lutz Roeßler

Der SPD-Verkehrspolitiker und Landtagsabgeordnete Kai Vogel verlangt von der Bahn jetzt, Ersatzpersonal notfalls aus anderen Bundesländern in den Norden abzuordnen. „Das muss in der nächsten Woche geregelt werden“, sagt Vogel. Es sei damals ein Grund für seine Zustimmung zur Streckenvergabe des sogenannten Netzes Ost an die DB gewesen, dass es sich um einen so großen Konzern handle, der Engpässe beim Personal besser ausgleichen könne.

Tietze: DB hat es an Wertschätzung für Lokführer fehlen lassen

„Die DB Region verspielt das gesamt Vertrauen, das man im Norden auf sie gesetzt hat“, sagt der Grünen-Verkehrspolitiker Andreas Tietze. Seiner Ansicht nach habe es die DB vor allem auch an Wertschätzung für ihre Lokführer fehlen lassen. Der Konzern habe, nachdem er vor Jahren bei Ausschreibungen Strecken in Schleswig-Holstein an Privatbahnen verloren hatte, offenbar mit Dumpinglöhnen und geringen Kosten in den Markt zurückdrängen wollen. Jetzt bekomme er die Probleme nicht mehr in den Griff. „Ausreichend und gutes Personal bei den Verkehrsbetrieben ist das A und O, damit Nahverkehr funktioniert“, sagt Tietze. Bei der Ausschreibung und Vergabe von Strecken müsse das Land künftig mehr auf solche Personalstandards bei den Bewerbern achten.

Als „Unding“ bezeichnet auch der CDU-Verkehrspolitiker Hans-Jörn Arp die Zugausfälle: „Das ist ein Imageschaden fürs ganze Land, so nach dem Motto: Fahr bloß nicht nach Schleswig-Holstein, da fahren nicht mal mehr die Züge.“ In der Bevölkerung werde niemand mehr Verständnis haben, wenn die DB jetzt noch irgendwelche Ausschreibungen gewinne. Notfalls müssten auch Verkehrsverträge mit ihr gekündigt werden. Das könnte nach Ansicht der Experten im Ministerium allerdings schwierig werden. Fälle wie diese seien nämlich gar nicht geregelt. Man habe sich beim Abfassen der Verträge wohl gar nicht vorstellen können, dass die Bahn ein paar Jahre später wegen Lokführermangel den Betrieb reduzieren muss. Tatsächlich habe sich die Bahn aber offenbar an einigen Stellen „kaputtgespart“, sagt Buchholz.

Wolfram Hammer

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