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Norddeutschland Wehmut nach dem Aus für die Tante Ju
Nachrichten Norddeutschland Wehmut nach dem Aus für die Tante Ju
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16:34 10.02.2019
Mehr als 30 Jahre saß Claus Cordes aus Bad Schwartau im Cockpit der Ju 52 – ehrenamtlich neben seinem Hauptberuf als Lufthansa-Kapitän auf der Langstrecke. Quelle: Eckard Meier
Lübeck

Mehr als drei Jahrzehnte lang war sie der erfolgreichste Werbeträger der größten deutschen Fluggesellschaft – die silberne Junkers Ju 52 mit der historischen Kennung D-AQUI. Doch nun droht dem technischen Denkmal das Aus. Zu teuer, zu wartungsintensiv: Seitdem die Lufthansa-Führungsriege diese Einschätzung öffentlich verkündete, herrscht tiefe Enttäuschung bei Oldtimerfreunden weit über die Bundesrepublik hinaus.

Wehmütiger Blick zurück: Heinz-Dieter Bonsmann war der Mann der ersten Stunde, als die Lufthansa ihr berühmtes Traditionsflugzeug in die Luft brachte. Quelle: Eckard Meier

Heinz-Dieter Bonsmann will nicht im Zorn zurückblicken. Wenn die Bezeichnung „Mann der ersten Stunde“ auf jemanden zutrifft, dann auf den Flugkapitän a. D. aus der Gemeinde Scharbeutz. Von den ersten Einsätzen der in den USA gekauften und nach Deutschland zurückgeholten Ju 52 Ende 1985 bis zum Jahr 2000 war er verantwortlicher Flugbetriebsleiter für das wertvolle Stück, alles neben seinem Hauptberuf als Flugkapitän auf der Langstrecke. Und ausgerechnet er musste von den Sparplänen der Lufthansa aus der Presse erfahren: „Mich hat niemand informiert.“

Pilot ist noch immer begeistert

Der heute 74-Jährige kann stundenlang erzählen von der Begeisterung, die dem sonor brummenden Werbeträger bei sämtlichen Einsätzen entgegenschlug. „Ursprünglich war die Ju nur für besondere Einsätze gedacht,“ berichtet Bonsmann, „aber die Nachfrage von zahlenden Passagieren wurde größer und größer. Und bald waren wir so etwas wie eine eigene kleine Airline.“

In bester Erinnerung ist ihm eine Rundreise durch die USA, wo D-AQUI im Jahr 1990 zum Star auf der weltweit größten Luftfahrschau in Oshkosh wurde. Bonsmann: „Ein internationales Fachgremium hat die Werbewirksamkeit der Ju-Einsätze einmal auf 1,3 Millionen Euro pro Jahr beziffert und so die Summe eingeschätzt, die man für den gleichen Effekt in den Medien hätte bezahlen müssen. Offenbar gibt es heute im Lufthansa-Vorstand keinen Oldtimerfan mehr, der die emotionale Wirkung einschätzen kann, die mit der alten Ju überall erzielt worden ist.“

11 500 Stunden in der Luft, 22 000 Landungen

2500 Flugstunden hat Bonsmann als Pilot in der dreimotorigen Maschine gesessen und sie 3900 Mal heil zu Boden gebracht. Insgesamt war die Junkers nach ihrer Restaurierung 11 500 Stunden in der Luft, hat 22 000 Landungen hinter sich und 250 000 Passagiere befördert. Bonsmann: „Natürlich ist mir klar, dass man ein solches Technikdenkmal nur mit großen finanziellen Anstrengungen in Betrieb halten kann,. Aber es ist schon ein gewaltiger Schlag ins Gesicht, wenn so mit meinem fliegerischen Lebenswerk umgegangen wird. Wenn man sich schon von der Ju 52 trennen will, gäbe es für mich nur eine Zukunft für sie: als Attraktion des Deutschen Technikmuseums in Berlin-Tempelhof. Nur dort gehört sie hin.“

Die Tickets für einen Flug mit der Ju 52 waren stets begehrt, auch in Lübeck war „Tante Ju“ mehrmals zu Gast. Jetzt stellt die Lufthansa die Flüge mit der Oldtimer-Maschine ein.

Nicht weniger enttäuscht als Bonsmann ist ein weiterer Ostholsteiner: Claus Cordes aus Bad Schwartau, Kapitän auf dem weltgrößten Passagierflugzeug A 380, hat 32 Jahre als Pilot zum Erfolg der Ju beigetragen: „Zusammengerechnet anderthalb Jahre lang täglich im Cockpit – und alles ehrenamtlich.“

Auch zweites Lufthansa-Projekt gestrichen

Cordes ist gleich doppelt frustriert über die aktuelle Entwicklung. Er war auch eng in die Lufthansa-Planung eingebunden, eine Lockheed Super Star mit dem Kranich am Leitwerk wieder in die Luft zu bringen. Er besitzt sogar eine Musterberechtigung für den legendären Flugzeugtyp mit dem markanten dreiteiligen Leitwerk und ist bereits 18 Stunden auf einer solchen Maschine als Kapitän geflogen – und musste dann vor wenigen Monaten erfahren, dass die Lufthansa-Führungsriege auch dieses Projekt aus Kostengründen streicht.

Doch zurück zur Ju 52: “ Als Flugzeugbauingenieur ist mir zwar klar, dass das Material einer solchen Maschine irgendwann an ihre Belastungsgrenze stößt. Aber ich hoffe inständig, dass man eine Lösung findet, die dem Wert und der Würde der alten Dame gerecht wird.“

Eckhard Meier

Die Maschine war oft für Rundflüge in der Region in der Luft
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