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Norddeutschland Wenn Eltern ihr Baby verlieren
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21:14 06.01.2018
Im Wohnzimmer steht ein Foto des kleinen Oskar, der kurz vor der Geburt gestorben ist. Quelle: Lutz Roessler
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Lübeck

Die Schwangerschaft verlief zunächst ohne Komplikationen. „Ich war total entspannt“, erinnert sich die 31-Jährige. Am 20. Februar 2016 fährt sie mit ihrem Mann in die Klinik. „Ich hatte dolle Rücken- und Oberbauchschmerzen. Wir dachten, unser Sohn kommt.“ Im Krankenhaus wird ein erhöhter Blutdruck festgestellt, auch erhöhte Eiweißwerte im Urin sind nachweisbar.

Ursache nicht erforscht

HELLP steht für ein „außerordentlich kompliziertes Erkrankungsbild, dessen Ursache nicht wirklich klar ist“, erklärt Christine Mau-Florek aus Bad Schwartau, stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte in Schleswig-Holstein. Das große Problem für die Mutter sei die gestörte Blutgerinnung. Dadurch könne Lebensgefahr bestehen. Als Haupttherapie gilt die schnelle Beendigung der Schwangerschaft durch einen Kaiserschnitt. Laut Ärzteblatt liegt die mütterliche Sterblichkeit beim HELLP-Syndrom, das erstmals 1982 näher beschrieben worden ist, weltweit zwischen 3 und 3,5 Prozent. Eine der schwersten Komplikationen stellt die Leberruptur dar.
Der Name setzt sich aus den Buchstaben für die englischen Begriffe der Befunde zusammen: hämolytische Anämie, erhöhte Leberwerte, Verminderung der Blutplättchen.

Die behandelnde Ärztin denkt offenbar nicht an das sogenannte HELLP- Syndrom. Sie vermutet nach Angaben von Jana T., dass der Rücken wegen des ausladenden Bauches schmerzt. Sie renkt die Patientin ein, gibt zwei Schmerztabletten für das Wochenende mit und schickt das Paar weiter in eine größere Klinik zum Tapen.

Zwei Wochen liegt die Mutter im Koma

Dort in der Notaufnahme allerdings heißt es: Warten. „Wir sind dann irgendwann nach Hause gefahren“, berichtet Jana T.. „Ich habe die Schmerztabletten genommen, mich ins Bett gelegt und geschlafen.“ Am nächsten Morgen ist sie ganz schwach und gelb angelaufen, erinnert sich Matthias T. Er ruft einen Krankenwagen. „In der Frauenklinik wurde es auf einmal hektisch“, erzählt er. „Man sagte mir, dass unser Sohn gestorben ist.“ Per Kaiserschnitt wird der kleine Oskar geholt. Unter der OP wird festgestellt, dass die Leber von Jana gerissen ist. Sie wird drei Mal operiert, zwei Wochen liegt sie im Koma, insgesamt sieben Wochen muss sie im Krankenhaus bleiben. „Die Wochen fehlen mir. Meine Seele hat sich so abgeschottet, dass ich davon nichts mehr weiß.“

Matthias T. indes trauert um das Kind und bangt um seine Frau. Beides zugleich. Irgendwann sagt ein Chirurg zu ihm: „Dass ihre Frau noch da ist, ist ein Wunder.“ Sie habe den schlimmsten Verlauf dieser Erkrankung gehabt, den man haben könne, so der Ehemann heute.

Jana T. helfen diese Zahlen nicht. Sie und ihr Mann versuchen seit fast zwei Jahren, wieder ins Leben zurückzufinden. Ein langer Weg. Dabei läuft auf den ersten Blick alles normal: Jana T. arbeitet wieder, zusammen mit ihrem Mann hat sie sich Hund „Leo“ angeschafft. Allerdings ist sie körperlich und psychisch belastet. Ärzte empfehlen ihr wegen der angegriffenen Leber keinen Sport mehr zu machen, andere raten, sie solle nicht mehr als zehn Kilo heben. Medikamente und Alkohol sind sowieso tabu. Was schlimmer ist: „Ich kann keine Schwangeren und keine Kinder sehen. Ich meide sie“, erzählt sie. Auch ihr Mann beschreibt den Umgang mit anderen als „schwierig“. Man werde oft „wie ein rohes Ei behandelt“. Zugleich macht er sich Vorwürfe.

Unterstützung finden Jana und Matthias T. im Trauercafé „Sonnenkinder“ des Kirchenkreises Ostholstein. „Da habe ich erst wahrgenommen, dass anderen Ähnliches passiert ist“, berichtet die junge Frau.

Hintergrund

Das HELLP-Syndrom gilt als eine der schwersten schwangerschaftsbedingten Erkrankungen. Die Blutgerinnung sowie die Funktion der Leber ist massiv gestört. Das kann sowohl für die Mutter als auch für das Baby lebensbedrohlich werden. Statistisch gesehen tritt das HELLP-Syndrom selten auf – bei 0,2 bis 0,85 Prozent aller Schwangerschaften.

Einmal im Monat treffen sich Eltern dort zum Gespräch. „Es ist wichtig, über den Verlust zu sprechen“, betont Pastor Wolfram Glindmeier, der vor vielen Jahren selbst ein Kind verloren hat. „Reden und die Trauer zulassen – das ist das Heilende.“ Seiner Erfahrung nach ist die Hürde, von dem Verlust eines Kindes zu erzählen, sehr sehr hoch. Auch sei das Umfeld – Bekannte, Freunde, selbst Familie – oft damit überfordert. „Ganz viele bleiben damit für sich“, erzählt er. Doch auch die Trauer bleibe.

Ein Baum im Garten erinnert an den Sohn

Das Trauercafé bietet Raum für Gespräche. Manchmal kommen gleich vier Paare, manchmal auch nur zwei Mütter zum Reden. „Dabei geht es nicht nur darum, den Tod zu teilen“, erklärt Glindmeier. „Wir teilen auch das Leben.“ Er würde gern mehr betroffene Eltern einladen. Ihnen Mut machen.

Jana T. kann inzwischen aussprechen, dass sie ihren Sohn verloren hat. Im Wohnzimmer erinnert ein liebevoll gestalteter Tisch mit Fotos und Kerzen an den kleinen Oskar. Im Garten haben die Eltern einen Baum für ihn gepflanzt. Die Hoffnung auf ein Kind hat Jana T. nicht aufgegeben. „Ich denke, dass wir nicht kinderlos bleiben werden.“ Aber sie hat Angst. „Das Risiko, wieder ein HELLP-Syndrom zu bekommen, liegt bei 20 Prozent.“

Von Julia Paulat

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