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Norddeutschland Wenn das Wasser kommt
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18:21 21.02.2018
Geht Lübeck unter? Keine Angst: Dies ist keine wissenschaftliche Vorhersage, sondern eine Fotomontage des Lübeckers Thomas Radbruch. Quelle: Thomas Radbruch

Heiligenhafen - Die warme Sonne spiegelt sich auf der ruhigen Ostsee. Nur ein paar kleine Wellen plätschern an den Strand. Fußgänger spazieren am Wasser dick eingepackt auf dem weißen Sand. Heiligenhafen ist ein Touristen-Magnet. Auf den vorgelagerten Halbinseln Steinwarder und Graswarder schätzen viele Urlauber die unbebaute Sicht auf die Ostsee. „Das ist ein unfassbarer Blick“, sagt Tobias Holzinger vom Beach Motel, „bessere Strandnähe kann man gar nicht haben.“ Vom Hotel ist es nur ein Katzensprung bis zum Wasser. Holzinger ist der technische Leiter des Hotels und weiß, welches Risiko diese traumhafte Lage birgt: Aus der oft so ruhigen Ostsee kann ein reißendes Meer werden.

Heiligenhafen muss regelmäßig gegen Sturmfluten und Hochwasser ankämpfen. Besonders die Halbinseln Steinwarder und Graswarder sind bedroht – und damit auch die Häuser und Hotels mit dem traumhaften Blick auf das Wasser.

In Zukunft kann diese Bedrohung noch größer werden. US-Wissenschaftler haben in einer Studie festgestellt, dass der Meeresspiegel schneller steigt, als bisher angenommen: Er könnte bis zum Jahr 2100 mehr als das Doppelte der bisherigen Prognosen erreichen. 65 Zentimeter seien „mit ziemlicher Sicherheit eine vorsichtige Schätzung“, sagt Steve Nerem von der Forschergruppe an der University of Colorado. Berechnungen von niederländischen Forschern zur Physik des Eises in den Polarregionen gehen bis dahin von einem Anstieg von 1,70 Meter aus.

Küsten sind für höheren Meeresspiegel gewappnet 

2006 wurde Heiligenhafen von einer Sturmflut überrascht. Bürgermeister Heiko Müller (parteilos) kann sich noch gut an die Wassermassen im Ort erinnern: „Das THW musste mit Booten über die gefluteten Straßen fahren.“Auf einem großen Luftfoto im Rathaus des Küstenortes zeigt er die vielen Straßen und Gebiete, die damals von den Fluten überspült wurden. „Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass wir etwas tun müssen.“ Denn solche extremen Wetterlagen sind heute zwar noch eine Seltenheit. Steigt der Meeresspiegel aber tatsächlich stärker als angenommen, könnten Küstenstädte wie Heiligenhafen täglich gegen die Wassermassen zu kämpfen haben.

Deswegen hat das Land Schleswig-Holstein den Hochwasserschutz in dem Urlaubsort zu 90 Prozent gefördert: Fast unscheinbar schlängelt sich eine Betonwand – eine sogenannte Winkelstützwand – vom Steinwarder am Hafen entlang bis zur Altstadt. Spundwände wurden angebracht, Fluttore wurden bei der Brücke eingebaut– wie auch anderswo an der Küste. Nach der Flut 2006 wurde auf insgesamt acht Kilometern für gut zehn Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert.

Dietmar Wienholdt ist Abteilungsleiter für Meeres- und Küstenschutz beim Umweltministerium. Er kümmert sich in Schleswig-Holstein um den Hochwasserschutz. Die Ergebnisse der neuen US-Studie machen Wienholdt eigentlich keine Sorgen. Alle Deiche und Schutzmaßnahmen im Land seien ausreichend. „Das Ergebnis stärkt uns“, sagt der Hochwasser-Experte. „Wir sind den richtigen Weg gegangen, um das Problem anzufassen.“

Die Meere steigen schneller

Der Meeresspiegel ist seit 1993 im weltweiten Durchschnitt jährlich um etwa drei Millimeter angestiegen. Die nun durch die US-Studie gemessene Beschleunigung könnte dazu führen, dass der Anstieg im Jahr 2100 zehn Millimeter pro Jahr beträgt.

Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte demnach der Durchschnittspegel an den Küsten um 65 Zentimeter höher liegen als im Jahr 2005. Bisher war von verschiedenen Forschergruppen ein Anstieg von 30 Zentimeter angenommen worden.
Nach der Berücksichtung aller Faktoren errechneten die US-Forscher eine jährliche Beschleunigung des globalen Meeresspiegelanstiegs um 0,08 Millimeter. Das bedeutet, die Meere steigen zunehmend immer stärker an.

Die Ergebnisse der Studie beruhen auf der bisher längsten Satellitenmessreihe zur globalen Meereshöhe. Sie begann im Jahr 1992 mit dem Beobachtungssatelliten „Topex/Poseidon“ und wurde mit den drei „Jason“-Satelliten fortgesetzt.

Zuvor konnten Wienholdt und sein Team nur mit Szenarien arbeiten. Die US-Studie gebe erste richtige Ergebnisse. Denn für die Studie verwendeten die US-Wissenschaftler Satellitenmessungen. Dabei berücksichtigten sie verschiedene Faktoren, die den globalen Meeresspiegel beeinflussen. Unter anderem gingen auch die Schwankungen in den Wassermengen, die beispielsweise gefroren auf Grönland gespeichert sind, in die statistische Analyse mit ein. Wienholdt machen genau diese Wassermassen die größten Sorgen.

In Heiligenhafen ist man aber sehr zufrieden mit den Maßnahmen, die bisher getroffen wurden. „Unser Hochwasserschutz lässt uns gut schlafen“, sagt Roland Pfündl vom Bauamt der Küstenstadt. Seit zwei Jahren ist der Ingenieur unter anderem für den Hochwasserschutz verantwortlich. Er und der Bürgermeister sind sich sicher, dass ihre Maßnahmen „einem Hochwasser von bis zu 2,50 Meter standhalten“. Insofern mache ihnen die neue US-Studie bis jetzt auch noch keine großen Sorgen – zumindest, was die Sicherheit der Altstadt betrifft.

Die vorgelagerte Nehrung könnte allerdings in Gefahr sein. Müller zeigt auf dem Luftbild, wie das Meer den Sand vom touristischen Bereich der Küste am Steinwarder abträgt. In regelmäßigen Abständen muss dort wieder Sand aufgeschüttet werden, um den Strand erhalten zu können. Auch die Bewohner der 15 Villen auf dem Graswarder haben mit dieser Entwicklung zu kämpfen. „Unter Berücksichtigung der neuen Ergebnisse der US-Studie wird der Graswarder große Probleme bekommen“, sagt der Bürgermeister.

Schon beim letzten starken Sturmtief „Axel“ Anfang 2017 schlug das Wasser hier bis auf 3,50 Meter hoch. Ein Jahr später zeigt Bauingenieur Pfündl, wo die Wellen sich in den leichten Sandboden gefressen haben. Viele Häuser auf dem Graswarder standen unter Wasser. Mit Betonwänden oder Steindämmen versuchen die Eigentümer, sich gegen das Wasser zu schützen. Einen richtigen Hochwasserschutz gibt es hier nicht.

Steigender Pegel bedroht Heiligenhafens Graswarder

„Man hätte hier nicht bauen dürfen“, sagt Klaus Dürkop. Der 79-Jährige ist Referent beim Naturschutzbund (Nabu) Heiligenhafen. Ausgestattet mit einer Schirmmütze und einem Fernglas ist er in dem Naturschutzgebiet Graswarder unterwegs. Seit 60 Jahren lebt er in Heiligenhafen. Beobachtet die Vögel, die sich auf den grünen Wiesen der Nehrung ansiedeln und die

Pflanzen, die hier zu finden sind. „Dieses Naturschutzgebiet wird irgendwann verschwinden“, betont Dürkop. „Die Landmasse liegt einen Meter über Null. Bei einem Anstieg von 65 Zentimetern sind nur noch die Endkuppen des Graswarder sichtbar.“

Auch der Nabu hat eine kleine Holzhütte auf dem Graswarder. Zwar steht diese nicht direkt am Wasser. Trotzdem kommt die Ostsee einmal im Jahr bis zur Türschwelle. „Das Wasser kommt von überall.“ Vom steigenden Meeresspiegel allein will Dürkop das gar nicht abhängig machen. Gefährdet sei die Halbinsel auch durch den sogenannten Badewanneneffekt: Bei starkem Wind aus Westen wird das Wasser der Ostsee von den Küsten weggedrückt. Schlägt der Wind dann in östliche Richtung um, werden die Wassermassen wieder gegen die Küste geschoben. Sturmfluten sind die Folge.
Diesem Risiko sind auch die Hotels auf dem Steinwarder ausgesetzt. Zum Schutz steht hier eine befestigte Düne. Zusätzlich musste das Beach Motel aus versicherungstechnischen Gründen knapp eine Million in den Hochwasserschutz investieren, sagt der technische Leiter Holzinger.

Sollte sich die Studie der Amerikaner jedoch bewahrheiten, dann werden diese Schutzmaßnahmen nicht mehr ausreichen. Auch Wienholdt vom Umweltministerium ist sich dessen bewusst. Alle Maßnahmen gäben der nächsten Generation Zeit, sich dem Problem zu stellen. Um einen weiteren Anstieg des Meeresspiegels zu verhindern, müsse die Erderwärmung gestoppt werden. „Wir müssen von den fossilen Brennstoffen weg“, sagt Wienholdt. „Um den Meeresanstieg zu minimieren. Um niedrig gelegene Orte zu schützen.“ Damit der traumhafte Ausblick von der Nehrung auf die sonnige Ostsee noch in 100 Jahren genossen werden kann. Saskia Hassink

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